Am 23. Dezember 2021 ist der neue Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Institutes erschienen. KingKalli hat die Daten zu Nebenwirkungen der Impfung im Hinblick auf Kinder und Jugendliche ausgewertet. In dieser Altersgruppe ist es besonders wichtig Nutzen und Risiko abzuwägen. Bislang sind rund die Hälfte der Jugendlichen geimpft und die Kinderimpfung ist im Dezember gestartet.
Rund die Hälfte der Jugendlichen sind geimpft, die andere nicht
Die Frage, ob Kinder und Jugendliche gegen COVID-19 geimpft werden sollten, wurde 2021 immer wieder heftig diskutiert. Nachdem seit August Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden, können seit Dezember schon Kinder ab 5 Jahren „den Piks“ bekommen. Die STIKO hat für die Kleinen lediglich für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen eine Empfehlung ausgesprochen (wir haben berichtet) und hat betont, dass die Teilhabe am öffentlichen Leben nicht vom Impfstatus abhängig gemacht werden dürfe. Wer sein Kind ohne Vorerkrankung impfen lassen möchte, kann dies auf Wunsch nach ausführlicher Beratung jedoch auch veranlassen.
Nach wie vor gilt bei der Abwägung als Grundannahme: Junge Menschen haben in den allerseltensten Fällen mit schweren Krankheitsverläufen zu rechnen, Todesfälle sind kaum zu verzeichnen – das RKI weist im letzten Wochenbericht 37 Fälle für die Gesamtdauer der Pandemie aus (RKI Wochenbericht, Seite 16) – und trotz hoher Inzidenzen in den jungen Altersgruppen machen Kinder und Jugendliche unter 1 % der COVID-19-Belegungen auf Intensivstationen aus (Link zum Intensivregister des DIVI).
Deshalb muss sorgfältig abgewogen werden, ob für das einzelne Kind und den Jugendlichen ein Eigennutzen durch die Impfung angenommen wird.
In den letzten zwei Monaten sind die Zahlen der Impfung in dieser Altersgruppe nicht signifikant gestiegen. Während bei der letzten Auswertung, die den Zeitraum der ersten zwei Monate nach Impfstart umfasste 40,6 % der Jugendlichen laut RKI vollständig geimpft waren, sind nach weiteren zwei Monaten zur jetzigen Auswertung 46,4 % vollständig geimpft. Wer sein jugendliches Kind impfen lassen wollte, hat kurz nach Impfstart zugeschlagen, danach stieg die Rate nur noch langsam. Rund die Hälfte der Familien haben sich Pro-Impfung entschieden, die andere Hälfte bislang noch nicht.
Am 26. Oktober 2021 hatte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuletzt einen Sicherheitsbericht vorgelegt. Dort stach ein „unerwünschtes Ereignis von besonderem Interesse“ ins Auge: Die Zahlen ergaben, dass besonders für männliche Jugendliche ein erhöhtes Risiko für eine Herzmuskelentzündung nach Impfung besteht. 98 Fälle wurden zu dem Zeitpunkt gemeldet. Zwei Monate später ist am Tag vor Heiligabend ein aktualisierter Bericht erschienen, ausgewertet wurden vom PEI die Daten bis zum 30. November 2021. Der Sicherheitsbericht erscheint jetzt nur noch alle zwei Monate statt monatlich, da weniger Impfungen vorgenommen werden.
„Impfungen mit wirksamen und verträglichen COVID-19-Impfstoffen sind eine effektive Maßnahme, die Corona-Pandemie einzudämmen und sich selbst vor COVID-19 zu schützen“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut im Eingangstext. Dabei fällt auf: Auf die Passage, dass die Impfung dem Fremdschutz diene, wird inzwischen verzichtet. Es ist zu diesem Zeitpunkt bekannt, dass eine Impfung nicht vor Ansteckung und Weitergabe des Virus bewahrt. Während gerade für ältere Menschen ab 50 aufwärts eine Impfung in den meisten Fällen einen schweren Verlauf verhindern kann, ist dieser für Menschen unter 30 und gerade für nicht vorerkrankte Kinder und Jugendliche laut bisherigem Datenstand sowieso kaum anzunehmen.
Zur Impfung von Kindern schreibt das Institut: „Die Verträglichkeit der mRNA-Impfstoffe bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren entspricht weitgehend dem junger Erwachsener“.
Dementsprechend also der Blick in die Zahlen bei den jungen Erwachsenen, denn hier gibt es tatsächlich Unterschiede im Bezug auf die Verträglichkeit bei Älteren.
Sicherheitsbericht mit eigenem Kapitel zu Impfung der Kinder und Jugendlichen
Der Sicherheitsbericht widmet sich ab Seite 12 den aufgetretenen Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen.
Seit Beginn der Impfkampagne am 27.12.2020 wurden dem Institut insgesamt 2.777 Verdachtsfälle einer Nebenwirkung berichtet, in denen bei Kindern und Jugendlichen nach Impfung mit COVID-19-Impfstoffen mindestens eine Impfreaktion gemeldet wurde. Bei 2.661 Fällen wurde der Impfstoff Comirnaty und in 62 Fällen wurde der Impfstoff Spikevax verimpft.
Obwohl bis 30.11.2021 nur die beiden mRNA-Impfstoffe für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen waren, wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 95 Verdachtsfälle bei Off-Label-Impfungen gemeldet, sei es bei 40 jüngeren Kindern oder bei Familien, die ihre Kinder mit Vektor-Impfstoffen impfen ließen.
Bezogen auf die Impfdosen wurden 0,62 nicht schwerwiegende und schwerwiegende Verdachtsfallmeldungen auf 1.000 Impfdosen gemeldet. Für Comirnaty als dem in der Altersgruppe am häufigsten angewendeten Impfstoff beträgt die Melderate 0,60 auf 1.000 Impfdosen. Am häufigsten wurden Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Ermüdung und Fieber genannt.
Der Anteil schwerwiegender Nebenwirkungen betrug 22,9 % der Meldungen.
55,4 % der Impflinge, bei denen unerwünschte Reaktionen berichtet wurden, waren zum Zeitpunkt der Meldung vollständig wiederhergestellt oder auf dem Weg der Besserung.
Sechs Verdachtsfallmeldungen (eine weibliche, fünf männliche Jugendliche) beziehen sich auf einen tödlichen Ausgang innerhalb von zwei Tagen bis fünf Monaten nach Impfung mit Comirnaty. Diese waren auch vor zwei Monaten schon bekannt. Es ist also kein neuer Todesfall hinzugekommen.
Bei insgesamt neun Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren wurden Impfkomplikationen berichtet, die als bleibender Schaden beschrieben wurden. Einer davon bezieht sich auf eine Herzmuskelentzündung.
Da Herzmuskelentzündungen als Folge der Impfung als „unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse“ gewertet werden, wird das Paul-Ehrlich-Institut gemeinsam mit dem MYKKE-Kindermyokarditisregister eine Langzeitstudie zu diesem Thema durchführen.
Risiko für Herzmuskelentzündung nach Impfung nimmt mit zunehmendem Alter ab
Herzmuskelentzündungen (Myo- und Perikarditis) gelten als sehr seltene Nebenwirkungen nach den mRNA-Impfstoffen. Die Entzündung des Herzmuskels, die sich als Brustschmerzen, Herzklopfen, Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzversagen äußern kann, kann sowohl bei Kindern und Erwachsenen auftreten und ist bei jungen Männern häufiger als bei jungen Frauen.
Die Melderate sinkt für beide Impfstoffe und beide Geschlechter mit steigendem Alter. Während die Gesamtmelderate beispielsweise lediglich 0,79 Fälle auf 100.000 Impfungen bei Frauen beträgt, fallen nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch in den unterschiedlichen Altersstufen große Unterschiede auf. So schlagen bei Männern ab 89 und älter lediglich 0,18 Herzmuskelentzüdungen zu Buche, bei jungen Männern unter 30 jedoch 8,97 je 100.000 Impfungen mit Biontech. Bei Moderna waren es über 25 Fälle je 100.000 Impfungen.
In absoluten Zahlen sieht das so aus: Seit Beginn der Impfung in Deutschland sind 1.554 Herzmuskelentzündungen beim PEI gezählt worden. 597 Fälle in der Altersgruppe der 12- bis 29-Jährigen und beispielsweise nur 23 Fälle in der Altersgruppe der Ü80-Jährigen.
Dazu das PEI auf Seite 25 des Sicherheitsberichtes im Wortlaut: „Die Melderate einer Myo-/Perikarditis ist für Comirnaty bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern bis 29 Jahre nach der zweiten Impfung mit 8,97 bzw. 8,68 Fällen pro 100.000 Impfdosen am höchsten. Im Vergleich dazu ist die Melderate für weibliche Jugendliche und junge Frauen nach Comirnaty in der gleichen Altersgruppe mit 0,76 bzw. 1,53 Fälle pro 100.000 Impfdosen deutlich geringer.
Für Spikevax war die Melderate bei jungen Männern (18-29 Jahre) nach der zweiten Dosis mit 25,60 Fällen pro 100.000 Impfungen am höchsten. Wegen der kleinen Fallzahl war eine Berechnung der Melderate für 12-17 Jahre alte Kinder und Jugendliche nicht sinnvoll. Für junge Frauen (18-29 Jahre) betrug die Melderate einer Myo-/Perikarditis nach zweiter Impfung 5,77 Fälle pro 100.000 Impfdosen. Nach der ersten Dosis wurde kein Fall bei weiblichen Jugendlichen berichtet.“
Zur Erinnerung: Nach Erscheinen des letzten Sicherheitsberichtes passte die STIKO ihre Empfehlung an. Seitdem darf Spikevax von Moderna nur noch Ü30 verimpft werden.
Für den Ausgang der „unerwünschten Reaktionen“ wurde gemeldet, dass 54 % der Patienten zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht „wieder hergestellt“ waren.
Wie auch immer die Impfentscheidung der Erziehungsberechtigten ausfällt, die STIKO hat in ihren Impfempfehlungen immer wieder betont, dass eine Teilhabe an Bildung und am öffentlichen Leben für Kinder und Jugendliche nicht vom Impfstatus abhängig gemacht werden darf.
Die Verbände der Kinder- und Jugendmedizin schließen sich den Empfehlungen der STIKO an.
Weitere Quellen:
Wer den ganzen Sicherheitsbericht im Original lesen möchte findet diesen hier:
pei.de/sicherheitsbericht-27-12-20-bis-30-11-21.pdf
Aktuelles Epidemiologisches Bulletin der STIKO vom 17.12.2021 mit Empfehlung zur Impfung von Kindern
rki.de/stiko/impfen-kinder
Das sagen die Verbände der Kinder- und Jugendmedizin:
bvkj.de/politik-und-presse/nachrichten/199-2021-12-09-bvkj-und-dgkj-zur-covid-19-impfempfehlung-der-stiko-fuer-kinder-im-alter-von-5-bis-11-jahren
Unsere weiteren Beiträge zum Impfen von Kindern und Jugendlichen in chronologischer Reihenfolge
STIKO passt Impfempfehlung an: Personen unter 30 nur mit Comirnaty/BioNTech impfen
Vom 10.11.2021
kingkalli.de/stiko-aenderung-impfempfehlung-unter-30-nur-noch-mit-comirnaty-biontech-wegen-herzmuskelentzuendung/
Neuer PEI-Sicherheitsbericht: „Unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse“ – 98 Herzmuskelentzündungen bei Jugendlichen nach Impfung
vom 29.10.2021
kingkalli.de/neuer-pei-sicherheitsbericht-herzmuskelentzuendung-jugendliche-coronaimpfung/
Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen lassen? Update nach STIKO-Empfehlung
vom 30.08.2021
Lange hat sich die STIKO mit einer allgemeinen Impfempfehlung für Kinder ab 12 Jahren zurückgehalten. Im August wurde die Entscheidung nach großem politischem Druck überarbeitet und angepasst. Statt wie vorher die Impfung nur für Jugendliche mit gewissen Vorerkrankungen zu empfehlen, gibt es nun eine breite Impfempfehlung.
kingkalli.de/kinder-und-jugendliche-gegen-corona-impfen-lassen-update-nach-stiko-empfehlung/
Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen lassen? Update – wer empfiehlt was?
vom 05.08.2021
Bereits im Mai hatte Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, jedem Kind ab 12 Jahren vor Schulstart ein Impfangebot machen zu wollen. Zuvor waren auf dem deutschen Ärztetag beachtliche Sätze gefallen: „Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch“ könne im Winter 2021/2022 „nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden“, und: „Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.“ Dagegen regte sich der Protest der Verbände der Kinder- und Jugendärzte.
Am Montag, dem 2. August 2021, nun beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern, Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren generell eine Impfung anzubieten, auch wenn es dazu bislang keine allgemeine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gibt. Das Expertengremium hat nur eine Impfempfehlung für Kinder aus Risikogruppen ausgesprochen. Wir haben nachgeschaut: Wie setzt NRW und damit auch die Region Aachen das Impfangebot um und wie stehen die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. aktuell zu der Entscheidung der Gesundheitsminister und der STIKO?
kingkalli.de/kinder-und-jugendliche-gegen-corona-impfen-lassen-update-wer-empfiehlt-was/
Hintergrundinfos von KingKalli zur Häufigkeit von Erkrankungen von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Großeltern und der Frage nach den Todesursachen,
Coronainfektion als ständiges Damoklesschwert über den Köpfen der Familien? Eine Einordnung (Mai 2021)
Hinterlasse einen Kommentar