Lange hat sich die STIKO mit einer allgemeinen Impfempfehlung für Kinder ab 12 Jahren zurückgehalten. Im August wurde die Entscheidung nach großem politischem Druck überarbeitet und angepasst. Statt wie vorher die Impfung nur für Jugendliche mit gewissen Vorerkrankungen zu empfehlen, gibt es nun eine breite Impfempfehlung.
Das bedeutet unter anderem, dass in NRW die Bedingungen gelockert wurden, unter denen Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Bei getrennt lebenden oder uneinigen Elternpaaren bedarf es nicht mehr der Unterschrift beider Elternteile für eine Impfung, sondern ein Elternteil kann alleine entscheiden. Ab 16 können Jugendliche ohne Elternunterschrift geimpft werden. Zudem muss die Impfung nicht mehr zwingend durch Kinderärztinnen oder -ärzte durchgeführt werden. Wer explizit die Beratung durch eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt wünscht, muss auch eine entsprechende Praxis aufsuchen. Die Bürde der Entscheidung bleibt weiterhin in den Familien.
Am 19. August ist das Epidemiologische Bulletin des RKI erschienen. Auf 56 Seiten wird unter anderem die Entscheidung pro Impfung begründet. Am gleichen Tag veröffentlichte auch das Paul-Ehrlich-Institut den neuen PEI-Sicherheitsbericht, der etwa alle sechs Wochen erscheint und sich diesmal auch erstmals mit Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung bei Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 befasst, da diese seit dem 6. Juni 2021 mit Comirnaty (BioNTech) geimpft werden konnten. Wir haben die beiden Berichte gelesen – ein kurzer Blick auf die neuen Zahlen.
Schwere Erkrankungen bei 12- bis 17-Jährigen extrem selten: zwei schwer vorerkrankte Jugendliche im bisherigen Pandemieverlauf verstorben
Im Epidemiologischen Bulletin legt die STIKO dar, dass Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen extrem selten sind. Während 8,8 % der an Covid-19 erkrankten Menschen über 60 Jahren versterben, sind es bei Jugendlichen ab 12 Jahren 0,001 %.
Laut STIKO waren von ca. 5 Millionen Jugendlicher zwischen 12 und 17 Jahren bis zum 18. Juli 2021 insgesamt 440 Jugendliche registriert worden, die mit positivem Test im Krankenhaus waren, 144 davon waren wegen Covid-19 im Krankenhaus, 97 wurden wegen Corona behandelt. 52 von den 97 Jugendlichen hatten schwere Vorerkrankungen.
Im bisherigen Pandemieverlauf sind laut STIKO in Deutschland zwei Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren an Covid-19 verstorben. Beide litten an schweren Vorerkrankungen.
In der jüngeren Altersgruppe – die bisher nicht geimpft werden kann – gab es 12 Todesfälle. Bei acht dieser Fälle waren schwere Vorerkrankungen angegeben. Die Patientinnen und Patienten befanden sich zum Teil vor der Covid-19-Erkrankung in einer palliativen Behandlung. Bei sechs Kindern wurde Covid-19 als Todesursache festgestellt.
Keine Herzmuskelentzündung nach Covid-19, vier nach PIMS
Eine der Folgen der Covid-19-Erkrankung, vor denen man bei Kindern und Jugendlichen Angst hat, ist die Herzmuskelentzündung (Myokarditis). Die STIKO schreibt dazu: „Keine Herzmuskelentzündung bei hospitalisierten Jugendlichen – Über Myokarditis-Fälle wurde bei den Entlassungsdiagnosen im COVID-19-Survey bisher nicht berichtet.“ Zumindest in Deutschland hat es von Frühjahr 2020 bis Juli 2021 noch keine Fälle von Herzmuskelentzündungen durch eine Covid-19-Infektion bei Jugendlichen gegeben.
Anders durch PIMS. PIMS ist eine Komplikation, die nach einer Covid-19-Infektion auftreten kann. Insgesamt haben 392 Kinder und Jugendliche PIMS entwickelt, 86 waren zwischen 12 und 17. Es gab in vier Fällen den Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung. Kein Kind oder Jugendlicher ist an PIMS verstorben.
Auch auf die Delta-Variante hat die STIKO einen Blick geworfen. Dazu im Bulletin: „Bisher gibt es auf Grundlage der Surveillancedaten zu COVID-19 keine Hinweise darauf, dass das Aufkommen der Delta-Variante zu einer Zunahme von COVID-19-assoziierten Hospitalisierungen und Todesfällen bei Kindern und Jugendlichen führt.“
Mit Blick auf die geringen Zahlen an Krankenhausaufenthalten und schweren Fällen bei Kindern und Jugendlichen weist die STIKO auf die Möglichkeit hin, „dass ohne Maßnahmen (z. B. Kontaktbeschränkungen, Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes) die COVID-19-Fallzahlen und -Inzidenzen höher gewesen wären.“
Angst vor erneuten Schulschließungen
Auf Seite 26 des Epidemiologischen Bulletins geht die STIKO auf die Angst vor erneuten Schulschließungen aufgrund steigender Infektionszahlen ein. Sie empfiehlt: „Andere Infektionsschutzmaßnahmen, die die Transmission reduzieren können, sollten vorrangig sein vor Wechselunterricht und Schulschließungen“, und weist darauf hin, dass es nichtpharmazeutische Interventionen gebe, die dies ermöglichen. Sie erwähnt im Anschluss, dass jedoch auch Impfungen dazu beitragen können, Infektionen und deren Folgen einschließlich Isolations- und Quarantänemaßnahmen zu reduzieren.
Nebenwirkungen der Impfung: 24 Herzmuskelentzündungen registriert, Untererfassung möglich
Schließlich geht es um die neuen Daten, die zu Impfungen und Nebenwirkungen in der angesprochenen Altersklasse vorliegen. Comirnaty wurde am 6. Juni 2021 für Kinder ab 12 Jahren zugelassen, nachdem bei einer Studie an 1.131 Kindern und Jugendlichen keine schweren Nebenwirkungen aufgetreten waren.
Nach den ersten Wochen der Impfungen hat das Paul-Ehrlich-Institut mit Stand 31. Juli 2021 24 Fälle von (Peri-)Myokarditiden im Alter von 14 bis 17 Jahren innerhalb von 14 Tagen nach Comirnaty-Impfung übermittelt (zwei Mädchen, 22 Jungen). Die STIKO schreibt: „Die gemeldeten Myokarditiden ereigneten sich überwiegend nach der 2. Impfstoffdosis. Wieder gesund bzw. auf dem Weg der Besserung waren 7, noch nicht wiederhergestellt zum Zeitpunkt der Meldung waren 11 Fälle. In 6 Fällen waren die Informationen unvollständig. Todesfälle sind nicht aufgetreten.“
Die Melderate einer (Peri-)Myokarditis betrug bis zum 31.07.2021 bei einer vom RKI angegebenen Impfquote von 20,5 % Erstimpfung und 9,9 % vollständig geimpfter Kinder und Jugendlicher: 1,77 pro 100.000 Dosen Comirnaty. Die Melderate für vollständig mit Comirnaty geimpfte Jungen betrug eine (Peri-)Myokarditis pro 17.483. Dies entspricht laut STIKO in etwa den Angaben aus den USA.
Die STIKO schließt nicht aus, dass die wirklichen Zahlen höher liegen: „Da es sich um ein passives Meldesystem handelt und zudem immer ein Meldeverzug besteht, ist eine Untererfassung wahrscheinlich.“
Schaut man ergänzend in den PEI-Sicherheitsbericht, findet man neben den 24 Herzmuskelentzündungen für die Altersgruppe 12 bis 17 die Information, dass 116 schwerwiegende Nebenwirkungen gemeldet wurden, davon 7 anaphylaktische Reaktionen, 6 Krampfanfälle und 4 Thrombosen. Ein Todesfall wurde bei einem 15 Jahre alten Jungen mit schweren Vorerkrankungen berichtet. Der Junge verstarb zwei Tage nach der Impfung.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind im Verlauf der Pandemie in Deutschland zwei schwer vorerkrankte Jugendliche an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Ein anderer schwer erkrankter Jugendlicher verstarb im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung.
Begründung der STIKO für ihre neue Entscheidung
In ihrer Begründung gibt die STIKO an, dass nach der alten Empfehlung rund 90 % der vorerkrankten Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren geimpft würden, jedoch nur 20 % der Familien mit gesunden Jugendlichen sich pro Impfung entscheiden würden. Mit der neuen Empfehlung soll eine größere Akzeptanz bei Eltern und Jugendlichen geschaffen werden, bei denen „eine Impfung u. a. mit dem Wunsch nach Rückkehr in die Normalität verbunden ist“. Nach der neuen Empfehlung rechnet die STIKO mit einer Impfbereitschaft von 50 % in der Altersgruppe.
In Worst-Case-Modellrechnungen wird von Infektionszahlen von 60.000 Menschen täglich für den Herbst ausgegangen, durch eine Impfquote von 50 % könne man einen direkten Schutz der Altersklasse erzielen und so könnten „36 % der intensivmedizinisch versorgten Fälle in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre im Zeitraum August bis Dezember 2021 zusätzlich verhindert werden“. Dabei handelt es sich um eine Zahl im zweistelligen Bereich.
Warum die STIKO sich nun für eine neue Einschätzung entschieden hat, hier unkommentiert im kompletten Wortlaut:
„Vor dem Hintergrund der in Modellierungen prognostizierten gesteigerten COVID-19-Krankheitslast von Jugendlichen überwiegen nach gegenwärtigem Wissenstand die Vorteile der Impfung deutlich die möglichen, sehr seltenen Impfnebenwirkungen. Nach Prüfung der aktuellen Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe Comirnaty (BioNTech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 – 17 Jahren sowie Auswertungen der Daten zur Epidemiologie und Krankheitslast von COVID-19 in dieser Altersgruppe, inklusive psychosozialer Folgen der Pandemie, hat die STIKO im Rahmen einer Nutzen-Risiko-Abwägung entschieden, ihre bisherige Einschätzung zu aktualisieren und eine allgemeine COVID-19-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige auszusprechen. Zusammenfassend zielt die allgemeine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren in erster Linie auf deren direkten Schutz vor COVID-19 und assoziierten Komplikationen ab. Auch wenn die Impfung von Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren alleine nach den Ergebnissen von Modellierungen keinen ausgeprägten Effekt auf den Gesamtverlauf der Pandemie in Deutschland hat, trägt sie relevant zur Infektions- und Krankheitsprävention in der geimpften Altersgruppe der Jugendlichen bei. Zudem trägt sie gemeinsam mit einer notwendigen weiteren Steigerung der Impfquoten der 18- bis 59- Jährigen zur Verminderung der Transmission von SARS-CoV-2 in der Gesamtbevölkerung bei. Hiermit kann ein zusätzlicher indirekter Impfschutz insbesondere auch für die Kinder unter 12 Jahren erreicht werden.“
Zum Abschluss weist die STIKO darauf hin, dass aufgrund des kurzen Zeitraums, in dem bisher geimpft wurde, noch nicht abschließend etwas zum Risiko einer Herzmuskelentzündung gesagt werden könne. Deshalb sei eine – auch für Kinder und Jugendliche verständliche – ärztliche Aufklärung zu Risiken und Nutzen der Impfung notwendig.
Die Originaldokumente finden sich hier:
Epidemiologisches Bulletin vom 19.08.2021:
rki.de
PEI-Sicherheitsbericht vom 19.08.2021
pei.de
Weiterführendes:
Sachliche und aufschlussreiche Zusammenfassung des Virologen Alexander S. Kekulé zum Thema
„Weiter offene Fragen bei Impfung von Jugendlichen | MDR“ (ab Minute 28:30)
oder ein Beitrag von Kekulé:
Welche drei Gründe gegen die Impfung sprechen
Zusatzinfos:
Hintergrundinfos von KingKalli zur Häufigkeit von Erkrankungen von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Großeltern:
Coronainfektion als ständiges Damoklesschwert über den Köpfen der Familien? Eine Einordnung (Mai 2021)
Einordnung nach der letzten Empfehlung:
Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen lassen? Update – wer empfiehlt was?
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