Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen lassen? Update – wer empfiehlt was?

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Symbolfoto zum Impfen | iStock, Manit Chaidee

Bereits im Mai hatte Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, jedem Kind ab 12 Jahren vor Schulstart ein Impfangebot machen zu wollen. Zuvor waren auf dem deutschen Ärztetag beachtliche Sätze gefallen: „Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch“ könne im Winter 2021/2022 „nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden“, und: „Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.“ Dagegen regte sich der Protest der Verbände der Kinder- und Jugendärzte.
Am Montag, dem 2. August 2021, nun beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern, Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren generell eine Impfung anzubieten, auch wenn es dazu bislang keine allgemeine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gibt. Das Expertengremium hat nur eine Impfempfehlung für Kinder aus Risikogruppen ausgesprochen.
Wir haben nachgeschaut: Wie setzt NRW und damit auch die Region Aachen das Impfangebot um und wie stehen die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. aktuell zu der Entscheidung der Gesundheitsminister und der STIKO?
Impfen oder nicht? Möglich ist für Kinder ab 12 Jahren jetzt alles – sich eine Meinung bilden und eine Entscheidung fällen müssen letztlich die Erziehungsberechtigten.

NRW und die Impfung von Kindern und Jugendlichen

NRW war proaktiv – hier konnten Kinder ab 12 Jahren bereits vor dem Beschluss der Gesundheitsminister geimpft werden. Dazu aus der aktuellen Pressemitteilung vom 2. August: „Der Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz vom heutigen Montag zu Corona-Schutzimpfungen von 12- bis 15-Jährigen ist in den nordrhein-westfälischen Impfzentren bereits gelebte Praxis. Kinder ab 12 Jahren können sich in Nordrhein-Westfalen bereits seit etwa zwei Wochen bei Haus-, Kinder- und Jugendärzten sowie in den 53 Impfzentren des Landes impfen lassen.“ Rund 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren seien im Bundesland mindestens einmal geimpft.

Impfen von Kindern in der StädteRegion Aachen

Am gleichen Tag meldet die StädteRegion Aachen, dass nun ein Impfen von Kindern und Jugendlichen auch in Impfzentren möglich sei.
Immer mittwochs, freitags und sonntags können alle ab 12 Jahren im Impfzentrum am Tivoli mit dem Impfstoff von BioNTech geimpft werden. Alle Erziehungsberechtigten müssen schriftlich zustimmen. Eine ausführliche medizinische Beratung und Aufklärung der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Sorgeberechtigten durch eine Kinder- und Jugendärztin oder einen Kinder- und Jugendarzt im Impfzentrum sei dabei Voraussetzung. Diese erfolge auf Basis der Empfehlung der STIKO.
Termine können hier vereinbart werden unter:
aachen.anny.co/b/book/impfzentrum-sr-ac-biontech
An den ersten drei Terminen wurden laut Nachfrage beim Presseamt je 150 Kinder und Jugendliche geimpft.

Die Empfehlung der STIKO zur Impfung von Kindern und Jugendlichen

An ihrer Empfehlung, keine breite Empfehlung pro Impfung von Kindern und Jugendlichen auszusprechen, hält die STIKO derweil fest. Die Ständige Impfkommission entscheidet wissenschaftlich evidenzbasiert und äußert sich auf ihrer Seite wie folgt:
„Die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut empfiehlt die Impfung gegen das Coronavirus für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren ausschließlich bei Vorliegen bestimmter Vorerkrankungen oder bei einem regelmäßigen Kontakt zu Personen mit erhöhtem Risiko schwerer Krankheitsverläufe, die selbst nicht geimpft werden können.“ Und: „Der Einsatz von Comirnaty bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird derzeit nicht allgemein empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich.“

Die Vorerkrankungen, bei der eine Impfung empfohlen wird, sind: Adipositas (> 97. Perzentile des Body Mass Index (BMI)), angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression, angeborene zyanotische Herzfehler (O2-Ruhesättigung < 80 %), schwere Herzinsuffizienz, schwere pulmonale Hypertonie, chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion, chronische Niereninsuffizienz, chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, maligne Tumorerkrankungen, Trisomie 21, syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung sowie Diabetes mellitus.
(Link zur entsprechenden Seite beim RKI; hier kann auch ein 44-seitiges Bulletin zum Thema eingesehen werden).

Kritik kommt von SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Dieser macht immer wieder Stimmung gegen die STIKO, warf ihr zuletzt eine Außenseiterposition vor. Die STIKO habe sich vorschnell mit einer „unpopulären Entscheidung“ verstiegen. Damit verteidigt er die Entscheidung, dass die Politik jetzt Fakten schafft und eine Impfung aller Kinder und Jugendlichen propagiert. Lauterbach stützt seine Argumente auf die Behauptung, die Delta-Variante sei auch für Kinder gefährlicher. Von welcher Studie er genau spricht, hat er nicht benannt.
(siehe Interview Deutschlandfunk).

STIKO-Chef Thomas Mertens hatte sich seinerseits zur Gefährlichkeit der Delta-Variante für Kinder und Jugendliche geäußert. Diese sei für junge Menschen nicht gefährlicher, auch wenn sie häufig erkranken.
(Beispiel: STIKO-Chef Thomas Mertens vom 1. Juli 2021: Delta für Kinder nicht gefährlicher)

 

Verbände der Kinder- und Jugendmediziner stellen sich hinter STIKO-Empfehlung

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zur Situation

Rückendeckung bekommt die STIKO von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Diese war schon im Mai nach dem Beschluss des Ärztetages an die Öffentlichkeit getreten, um Eltern die Angst einer Infektion bei ihren Kindern zu nehmen und zu betonen, dass ein geregelter Schulbetrieb auch ohne Impfungen der Kinder und Jugendlichen möglich und notwendig sei.

Aus einer Pressemitteilung vom 16. Juni:
„Kinder und Jugendliche sind die Bevölkerungsgruppe, die am wenigsten unter einer SARS-CoV-2-Infektion selbst, aber am deutlichsten und wahrscheinlich am nachhaltigsten unter den mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen leidet.“

Die DGKJ orientiert sich dabei an den Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e. V. (die DGPI ist eine Konventgesellschaft der DGKJ), dort werden die Zahlen erfasst, wie viele Kinder und Jugendliche schwer an COVID-19 erkranken und versterben. Nach den Daten des COVID-19-Registers (Link zum Register) sind mit Stand 1. August 2021 seit dem 01.01.2020 1.680 von knapp 15 Millionen Kindern und Jugendlichen bis 20 Jahre in Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin stationär aufgenommen und in dem Register erfasst worden. 0,4 Prozent der Erkrankten mit Krankenhauseinweisung sind verstorben, einige dieser Kinder und Jugendlichen befanden sich wegen anderer Erkrankungen bereits in einer Palliativsituation.

Nach wie vor erkranken die meisten jungen Menschen asymptomatisch oder leicht. Die Folgeerkrankung PIMS trat bislang in 398 Fällen auf. Dagegen stehen die gravierenden psychischen Folgen, bedingt durch Coronamaßnahmen und Lockdowns.

Die DGKJ betonte bislang in ihren Auftritten, dass eine Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht aus Eigennutzen notwendig sei, sondern eher einem Fremdnutzen diese. Deswegen schloss man sich der Empfehlung der STIKO an.

(Siehe auch unser Beitrag vom 18. Mai 2021 mit einem Interview mit PD Dr. Burkhard Rodeck, er ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.)

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. und der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands zur Impfung von Kindern

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. äußert sich am 3. August 2021 gemeinsam mit dem Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (Virchowbund) zu den Vorstößen der Gesundheitsministerkonferenz und stärkt der STIKO den Rücken.

In der Stellungnahme heißt es: „In dieser Phase der Pandemie müssen wir in Deutschland alles tun, um die Impfbereitschaft gerade der Erwachsenen zu erhöhen. Es ist kontraproduktiv, die unabhängigen, wissenschaftlich begründeten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Frage zu stellen. Gerade dies tut die Gesundheitsministerkonferenz, indem sie ohne Abstimmung mit der STIKO Beschlüsse fasst, wie gestern geschehen. Dadurch wird die STIKO als bewährte Institution insgesamt geschwächt. Bei aller berechtigten Kritik an der Transparenz der Entscheidungen, der Kommunikation und Geschwindigkeit der STIKO lehnen wir den gestrigen faktischen Eingriff in die wissenschaftliche Unabhängigkeit ab und weisen ihn zurück.“

Bemängelt wird, dass in der derzeitigen Diskussion epidemiologische Pandemiebekämpfung, Individualschutz und Sozialpolitik in ungünstiger Weise völlig durcheinandergeworfen werden.

Beide Verbände rechnen damit, dass die STIKO bald eine neue Einschätzung veröffentlichen wird. Darin werden wichtige Fragen wie Schulöffnung, gerechte Lernchancen und gesundheitliche Schäden durch die Pandemiemaßnahmen, wie beispielsweise Depressionen oder Entwicklungsstörungen, eine Rolle spielen. Die Sicherheit der zu Impfenden und eine transparente, ethisch begründete Güterabwägung müssen das oberste Gebot sein.

 

Zusatzinfos:

Hintergrundinfos von KingKalli zur Häufigkeit von Erkrankungen von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Großeltern:
Coronainfektion als ständiges Damoklesschwert über den Köpfen der Familien? Eine Einordnung (Mai 2021)

Das Paul-Ehrlich-Institut sammelt Daten zum Thema Nebenwirkungen

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