„Hilfe, mein Kind möchte sich vegetarisch ernähren!“ Solch bange Aussagen finden sich zuhauf im Netz, möchte man sich über eine fleischlose Ernährung des Nachwuchses informieren. Vernünftiger ist es, den Wunsch des Kindes ernst zu nehmen, gemeinsam neue Rezepte auszuprobieren und sich professionellen Rat einzuholen, wie Luzie Kremer von der Aachener Praxis für Ernährungstherapie unterstreicht.
„Ich möchte kein Fleisch mehr essen.“ – Wie kann man Eltern bei diesem Wunsch des Kindes die Unsicherheiten nehmen?
Was die Nährstoffe betrifft, ist es heutzutage kein Problem, vegetarisch zu leben. Natürlich wird das pflanzliche Eisen nicht so gut verwertet wie bei tierischen Produkten. Mit Vitamin C kann man die Eisenaufnahme aber beispielsweise verbessern. Es ist ratsam, auf das Kind einzugehen und zu besprechen, welche Nahrungsmittel es gerne essen mag und wie diese in den Familienalltag zu integrieren sind. So fühlt sich das vegetarisch lebende Kind verstanden.
Sollte auch der Kinderarzt befragt werden?
Auf jeden Fall. Eine Blutuntersuchung bestimmt den Ferritinwert und kann einen Eisenmangel aufzeigen. Entscheidet sich ein Kind, auf Fleisch und Fisch zu verzichten, ist zudem das Gespräch mit einer Ernährungsberatung immer hilfreich. In keinem Fall sollte der Wunsch des Kindes bei der Nahrungszubereitung ignoriert werden.
Oft besteht die Sorge, dass dem Kind ohne Fisch und Fleisch „etwas fehlt“ …
Das lässt sich so per se nicht sagen. Viel wichtiger ist es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen und zu fragen: „Warum hast du dich dazu entschieden?“ So signalisieren Eltern Respekt und Verständnis. Gemeinsam kann die Familie dann überlegen, welche neuen Gerichte sie ausprobieren möchte. Mit Zutaten, in denen zum Beispiel mehr Jod oder Vitamin B drinsteckt. Das kann ja auch ein Anstoß für alle Familienmitglieder sein, den eigenen Fleischkonsum zu hinterfragen.
Wie schafft man es denn, Kinder für Brokkoli, Fenchel und Spinat zu begeistern?
Zum Beispiel mit der Freude am gemeinsamen Kochen – dann macht es auch viel mehr Spaß, neue Gerichte zu probieren und zu testen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die gemeinschaftlich Nahrungszubereitung die Familienbindung stärkt.
Vegetarische und vegane Produkte sind im Kommen. Stellen Getreideburger, Tofugerichte und vegetarische Salami gute Alternativen dar?
Da muss man gut unterscheiden und sich immer die Zutaten anschauen: In vielen Fleischersatzprodukten steckt sehr viel Fett und Zucker. Der Griff zu veganen oder vegetarischen Aufstrichen ist daher ratsamer als der zur „nachgemachten“ Salami. Naturbelassener oder wenig gewürzter Tofu – etwa als Geschnetzeltes – ist zudem eine gute Alternative. Soße, Nudeln und Gemüse runden das ganze geschmacklich ab.
Wie steht es denn um vegetarische Gerichte in Kitas und Schulen?
Viele Einrichtungen haben mittlerweile vegetarische Menüs oder Veggie-Days eingeführt – es besteht aber durchaus noch Aufholbedarf. Oft wird bei der vegetarischen Variante lediglich das Schnitzel weggenommen, sodass vielleicht Kartoffelbrei und Salat übrigbleiben. Wenn Kinder es aber den Erwachsenen jetzt vorleben und den Willen äußern, vegetarisch zu leben, könnte sich das schon bald in eine gute Richtung entwickeln.
Fleischverzicht ist die eine Sache – was ist zur veganen Ernährung im Kindesalter zu sagen?
Ganz klar davon abzuraten ist im Säuglingsalter, denn dann fehlen vor allem Eisen und Vitamin B12. Ein entsprechender Mangel kann zu psychomotorischen Entwicklungsstörungen führen – davor warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Auch bei Kleinkindern und Kindern ist es bedenklich. Wer dennoch auf vegane Kost setzt, muss sich im Zuge einer Ernährungsberatung umfassend informieren, damit die richtigen Ersatzprodukte kombiniert werden. Gleiches gilt für Schwangere und Stillende.
In Milchprodukten steckt zudem viel Kalzium.
Das ist eigentlich in jedem Alter wichtig, besonders aber im Wachstum – Stichwort Knochenstabilität. Wird einige Jahre zu wenig Kalzium aufgenommen, vergrößert sich die Gefahr, in späteren Jahren an Osteoporose zu erkranken. Auch viele B-Vitamine stecken in Milchprodukten. Da ist es ratsam, einen Plan zu erstellen und zu schauen, welche Produkte das Kind ersatzweise zu sich nimmt.
Stellen Sie denn ein Umdenken bei der jungen Generation fest?
Ja, es ist sehr erfreulich, dass sich immer mehr junge Menschen mit der Frage beschäftigen, was wir täglich essen. Es steckt einfach viel zu viel Fleisch in unserer Ernährung drin, was neben den vielen industriell hergestellten Produkten für Übergewicht und Diabetes-Typ-2-Erkrankungen sorgt. Umso schöner, dass sich bereits Kinder mit ihrer Ernährung auseinandersetzen.
Die ganze Familie möchte vegan leben?
Das geht. Wir haben mit Tamara Münstermann-Pieta vom Blog simpy vegan gesprochen:
https://kingkalli.de/familie-und-vegan-leben-geht-das/
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