Tamara Münstermann-Pieta, Gründerin des Blogs „Simply Vegan“, lebt seit 8,5 Jahren ebenso. Inzwischen erwartet sie ihr zweites Kind und hat auch während Schwangerschaft und Stillzeit die vegane Ernährung beibehalten. Einen Einblick in das Leben als vegane Familie hat sie uns bei einem Besuch gegeben.
Ein hübsches Steinhaus in zweiter Reihe in einem kleinen Ort bei Stolberg, hinter dem Haus eine riesige frisch gemähte Wiese, auf der sich Laufenten tummeln, der Blick geht in die hügelige Landschaft der Voreifel – hier leben Tamara (28) und Henning (33) mit Tochter Luisa (21 Monate), zwei Katzen und Hund.
Tamara hat Kommunikationsdesign studiert und lebt schon viele Jahre vegetarisch, als sie sich vor fast neun Jahren entscheidet, auf vegane Küche umzusteigen. „Damals galt das noch als richtiges Ökoessen“, erzählt sie. Mit Studienkollege Sebastian hat sie die Idee, die vegane Ernährung aus der Ökoecke herauszuholen und zu zeigen: „Das geht auch alltagstauglich.“ Sie starten den Blog „Simply Vegan“ und bringen das gleichnamige Buch auf den Markt.
Tamaras Partner Henning, der bislang vegetarisch gelebt hat, zieht mit. Lange Zeit isst er außerhalb noch vegetarisch, verzichtet aber irgendwann auch gänzlich auf tierische Produkte.
Veganes Leben in der Schwangerschaft
Als Tamara das erste Mal schwanger wird, ist für sie klar, dass sie auch in der Schwangerschaft vegan würde leben wollen. Ein Gespräch mit der Frauenärztin bringt sie damals nicht weiter: „Die Frauenärztin hat es nicht empfohlen“, so Tamara, dies habe jedoch daran gelegen, dass sich die Ärztin mit dem Thema nicht ausgekannt habe.
Tamara und Henning informieren sich ausgiebig mithilfe einschlägiger Literatur, sie wissen genau, worauf es zu achten gilt. Bestätigt fühlen sie sich von der Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung (Academy of Nutrition and Dietetics), die sagt, vegane Ernährung für Schwangere und Kinder sei in Ordnung.
Einmal jährlich lassen sie Blutwerte checken und wissen, was sie substituieren müssen, damit der Körper alle Stoffe bekommt, die er braucht. Besonders empfehlen sie den Holo-TC-Test zum Check des Vitamin-B12-Haushalts. Alle Familienmitglieder von Tamara substituieren Vitamin B12 durch entsprechende Präparate. Sie sind das Einzige, das für vegan lebende Menschen grundsätzlich empfohlen wird.
Luisa bekommt zudem Vitamin K und D3, in der Schwangerschaft nimmt Tamara zusätzlich Folsäure, Jod und Omega-3-Fettsäuren in Algenölkapseln zu sich. Diese Präparate werden jedoch für alle Babys/Kleinkinder bzw. Schwangere empfohlen.
Vegan mit Baby
Als Baby Luisa geboren wird, klappt zum Glück das Stillen auf Anhieb. So habe man sich keine Gedanken um Pre-Nahrung machen müssen, erzählt Tamara. Ein Plan B habe aber existiert. Wäre Stillen nicht möglich gewesen, hätte man normale Pre-Nahrung gekauft. „Nur Hafermilch ist keine Babynahrung“, so Henning. Pre-Nahrung sei speziell auf die Bedürfnisse des Säuglings abgestimmt. Vegane Baby„milch“ aus dem Ausland hätte Tamara nicht bestellen wollen.
Horrornachrichten von Eltern, deren Kind verhungert ist, weil sie es nur mit Hafermilch ernähren wollten, kennt Henning natürlich. „Das sind keine Veganer, das sind Idioten“, ist seine Meinung dazu. Schlagzeilen, die solche Fälle aufbauschen, würden dazu beitragen, das vegane Leben zu verunglimpfen.
Henning gibt sich ganz pragmatisch. Die Gesundheit gehe immer vor. Wenn man nicht stillen könne, gebe es eben reguläre Pre-Nahrung, und wenn man krank sei und es gebe nur Medizin in Gelatinekapseln, so müsse man diese eben nehmen. Er hält nichts davon, zu dogmatisch zu sein. Bei Tochter Luisa habe man sich innerfamiliär darauf geeinigt, dass der Spaß am Essen im Vordergrund stehen soll und man unbeschwert ans Thema Essen herangeht. „Wir wollen sie nicht mit Verboten aufziehen“, so Tamara. Wenn jemand einen Keks oder Eis anbiete, dürfe Luisa zugreifen, sie wollen ihre Tochter nicht in dem Bewusstsein erziehen, bei allem nachfragen zu müssen. Zu Hause gibt es natürlich vegane Lebensmittel. Im Kindergarten wird Luisa zunächst nicht am Mittagessen teilnehmen, Teilnahmen an Kindergeburtstagen und Festen sollen jedoch unkompliziert möglich sein.
Baby-led Weaning
Die Einführung der Beikost lief bei Tamara, Henning und Luisa sehr stressfrei ab. Sie haben sich für das Modell „Baby-led Weaning“ entschieden. Seit Luisa sechs Monate alt war, saß sie mit am Familientisch und durfte bei Gurkensticks und allem, was es so gab, selber zulangen. Zu harte Dinge wurden dabei ausgespart, zumal Luisa erst mit einem Jahr die ersten Zähne bekam. Nach dem Essen gab es bis zum 20. Monat noch eine Stillmahlzeit. Inzwischen nimmt Luisa ganz normal am Familienessen teil.
Unkompliziert wirkt eigentlich alles bei Tamara und Henning. „Wir sind keine Missionare“, betont Henning nochmals die Einstellung und erzählt, dass er im Alltag eigentlich gar nicht über das Thema reden wolle. Die Entscheidung, vegan zu leben, habe er für sich selber gefällt, andere wolle er nicht aktiv überzeugen. Dennoch gibt es in den eigenen Familien und auch im Freundeskreis Nachahmer. In Tamaras Familie leben die Mutter und eine Schwester inzwischen auch vegan. Hennings Vater, der der Sache zunächst skeptisch gegenüberstand, verteidige den Lebensstil seines Sohnes inzwischen sogar und fordere Altersgenossen schonmal zum Probieren auf.
Tamara, die heute als freie Fotografin arbeitet, investiert mit ihrem früheren Studienkollegen Sebastian wöchentlich drei bis vier Stunden in ihren Blog, ständig kommen neue Rezepte hinzu. Neuerdings beraten sie auch zum Thema Substituieren. Gerne beantwortet sie Fragen zu Schwangerschaft, Stillen und veganem Leben mit Baby.
Ein zweites Buch, diesmal mit dem Schwerpunkt saisonale Küche, soll voraussichtlich im März erscheinen.
simply-vegan.org
Link zu dem aktuellen Buch von simply vegan:
„Simply Vegan – 90 einfache vegane Rezepte für jeden Tag“
im Frühjahr erscheint voraussichtlich „Simply Vegan – Einfach saisonal Kochen“
Buchtipp von Tamara Münstermann-Pieta:
Vegan-Klischee ade!
Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu veganer Ernährung
Niko Rittenau
Der Vegan-Bestseller 2019
Weiterführende Quellen/Links:
Die WHO empfielt für einen gesunden Lebensstil
http://www.euro.who.int/en/health-topics/disease-prevention/nutrition/a-healthy-lifestyle
Amerikanische Gesellschaft für Ernährung (Academy of Nutrition and Dietetics), 2016:
„It is the position of the Academy of Nutrition and Dietetics that appropriately planned vegetarian, including vegan, diets are healthful, nutritionally adequate, and may provide health benefits for the prevention and treatment of certain diseases. These diets are appropriate for all stages of the life cycle, including pregnancy, lactation, infancy, childhood, adolescence, older adulthood, and for athletes“
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/27886704/
Ähnlich äußern sich die Ernährungsgesellschaften aus Portugal, Kanada, Australien und Großbritanien.

Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich bin zeitweise Veganer und denke, dass Veganer die besseren Menschen sind, wenigstens wenn es um die Tiere geht. Es ist für mich keine schöne Vorstellung, eine Tier oder dessen Teile zu essen. Erst recht nicht, wenn ich an Massentierhaltung denke. Da verzichte generell drauf. Das sollte sich wirklich jeder überlegen, ob er das unterstützen möchte. Leider ist es wohl für die meisten recht schwierig, liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern. Erst recht, wenn sie bereits lange bestehen.
Man schwimmt sozusagen gegen den Strom wenn man 100 Prozentiger Veganer ist. Es fängt schon damit an, wenn es um einen Restaurantbesuch mit Freunden geht. Was esse ich da? Nicht alle Restaurants bieten vegane Gerichte an. Oft beschränken sich Veganer dann auf einen Salat oder Ähnliches.
Fast alle essen Fleisch und tierische Produkte. Das kann doch dann nicht so falsch sein, oder? In vielen Fällen ist es das aber, wenn man an die gequälten Puten denke, die vor sich hintaumeln, an kleine Küken, die zerhäckselt werden. Ich denke, als Tierfreund kann man wirklich Bedenken haben gegen den Genuss von Fleisch.
Veganer essen ja nicht nur Fleisch. Sie nehmen keinerlei tierische Produkte wie Milch, Butter, Käse oder Eier zu sich. Manche trinken nicht mal Wein, weil dieser durch Gelatine oder Fischbestandteile geklärt worden sein kann.
Mir fällt es allerdings schwer, mich zu 100 Prozent für diese Ernährungsform zu entscheiden, obwohl es viele gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Es ist leider auch etwas teurer, nur Biogemüse und Bioobst zu kaufen. Aber diese Lebensmittel müssen teurer sein.
Zeitweise bin ich vegan. Das erfordert jedesmal, dass sich umdenke. Ich muss dabei meine Gewohnheiten umstellen. Dadurch bleibe ich flexibel. Es gibt viele leckere vegane Rezepte, die ich gern noch ausprobieren möchte.
Veganes Leben in der Schwangerschaft hört sich wirklich sehr anspruchsvoll an. 8,5 Jahre ist wirklich eine Hausnummer. Ich bin gerade erst dabei vom Flexitarier zum Vegetarier zu werden.