Vor zwei Wochen hat die DIVI auf die dramatische Situation in den Kinderkliniken hingewiesen. KingKalli hat mit den Chefärzten der Kinderkliniken der Region Aachen/Düren gesprochen. In Düren-Birkesdorf betreibt das St. Marien Hospital eine Kinderklinik. Dr. med. Ulrich Pohlmann erläutert die Situation, zeigt Schwachstellen im Gesundheitssystem auf und gibt Tipps für Eltern kranker Kinder.

Wie ist die Situation im St. Marien Kinderhospital? Mussten auch Sie schon Patienten abweisen, die dann auf andere Krankenhäuser verteilt werden?
Nein, durch eine extreme Verkürzung der stationären Aufenthalte schaffen wir es immer noch rechtzeitig, ein neues Bett freizubekommen – allerdings unter sehr hohem Aufwand für Pflegekräfte, Ärzte und Reinigungspersonal.
Die angespannte Lage wird vor allem auf die Personalsituation zurückgeführt. Von 607 Intensivbetten deutschlandweit werden lediglich 367 betrieben, fast 40 % können also meist wegen des Personalmangels nicht betrieben werden. Wie sieht es bei Ihnen aus? Stünden eigentlich mehr Betten zur Verfügung, die wegen fehlenden Personals aber nicht aufgestellt werden können?
Nein, momentan können wir unsere Intensivbetten betreiben – das gelingt aber nur, wenn die meisten Mitarbeitenden der Pflege und im ärztlichen Dienst gesund bleiben. Da wir selbst Eltern sind und kranke Kinder zu Hause haben, gelingt uns das hoffentlich auch in den nächsten Tagen und Wochen noch.
Inwiefern spielen die aktuell vermehrt auftretenden RSV-Infektionen bei Kindern eine Rolle bei der Überlastung der Kinderkliniken? Fallen Ihnen im Moment besonders viele Fälle dieser Infektionen auf? Falls ja, worauf führen Sie das zurück? Auf ein geschwächtes Immunsystem durch Maßnahmen in den letzten fast drei Jahren?
Etwa 50 % unserer Patienten der Allgemeinpädiatrie haben aktuell das RS-Virus, 25 % haben Influenza-A. Der Grund hierfür sind die Corona-Infektionsschutzmaßnahmen wie Kita-/Schul- und Sportvereinschließungen der vergangenen Jahre. Die Geburtenjahrgänge 2020, 2021 und 2022 haben sich dadurch weder durch Geschwister oder Eltern noch durch Alterskameraden immunisieren können und müssen nun alle Infekte in einem Winter durchmachen. Deshalb sind sowohl Deutschland als auch alle anderen Länder mit den genannten Isolierungen gleichermaßen von Mehrfach-Infektwellen in diesem Winter betroffen. Dass dies so kommen würde, haben leitende Kinderärzte bereits im Mai 2020 den Politikern zu erklären versucht.
St. Marien Hospital ist Ausbilder: Kein Mangel an Pflegekräften
Der Personalmangel ist bereits seit längerem ein großes Thema im Gesundheitswesen, es fehlen vor allem Pflegekräfte, was auf ein strukturelles Problem hindeutet. Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, weist der Politik eine Mitschuld zu, da sie die Pädiatrie seit Jahren aushungere, während auf der anderen Seite die Zahlen der Kinder durch Zuwanderung steigen. Sehen Sie das auch so? Weist auch Ihre Klinik einen Mangel an Pflegekräften auf? Worauf ist dieser zurückzuführen? Hat sich der Personalmangel in der Corona-Pandemie mit der Einführung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht verschärft?
Nein, unsere Kinderklinik hat keinen grundsätzlichen Mangel an Pflegekräften, da wir seit Jahren intensive Ausbilder in Sachen Kinderkrankenpflege sind. Die Impfpflicht spielt keine Rolle, da alle Mitarbeitenden unserer Kinderklinik immunisiert sind. Allerdings ist uns die neue generalistische Pflegeausbildung keine große Hilfe, denn die berufsbegleitende Fachweiterbildung zur spezialisierten Kinderintensivpflegerin oder Gesundheits-Fachpflegekraft in der Neonatologie, Kinder-Kardiologie/-Pneumologie oder -Diabetologie dauert nun noch länger.
Da gleichzeitig ein Wettbewerb um spezialisierte Fachpflegekräfte durch Strukturprüfungen ausgelöst wurde, ist die Wechselbereitschaft von Mitarbeitenden erhöht und damit die produktive Zeit nach Einarbeitung vermindert worden. Was wir spüren, ist ein Schwund an Mitarbeitenden der 60er-Jahrgänge; beides wird sich nun von Jahr zu Jahr verstärken. Wir müssen also deutlich mehr Menschen ausbilden und einstellen.
Der Gesundheitsminister schlägt vor, zur Entlastung Personal aus Erwachsenenstationen auf Kinderstationen zu entsenden. Halten Sie das für einen pragmatischen, sinnvollen Ansatz? Ist das Personal genügend auf den Umgang mit kranken Kindern geschult?
Nein, unsere Kinderklinik arbeitet eindeutig anders als das Personal in der Erwachsenenmedizin.
Dr. Fischbach teilt mit, dass viele Kinder unter dem pandemiebedingten Lockdown von Kitas, Schulen und Sportvereinen gelitten haben, psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsstörungen aufweisen. Können Sie dem zustimmen oder haben sich die Kinder bereits von den Lockdownmaßnahmen und Schulschließungen erholt?
Ja, dieser Aussage stimmen wir eindeutig zu. Die Kinder haben sich – sowohl körperlich als auch seelisch – noch lange nicht vom Lockdown erholt, das Immunsystem holt nach und der Bewegungsmangel braucht Trainingsjahre, offene Sporthallen und Schwimmbäder.
Seit 2022 sind in NRW alle kinderärztlichen Notdienste aus den Praxen der Kinderärzte in sogenannte Portalpraxen in Krankenhäusern umgezogen. Diese gibt es auch bei Ihnen. (Artikel dazu hier: kingkalli.de/kinderaerztlicher-notdienst) Wird dieses Angebot inzwischen angenommen? Kann man dort jetzt auch telefonisch jemanden erreichen, um sich vorab zu informieren, ob es überhaupt notwendig ist vorbeizukommen?
Nein, aufgrund von diversen Auflagen und Kosten für die Diensttuenden hat die Kassenärztliche Vereinigung am Standort Düren-Birkesdorf leider noch keine KV-Notfallpraxis etablieren können. Sie soll nun im Februar 2023 kommen – für die Multi-Infektsaison ist das natürlich zu spät.
Aus einer Pressemeldung der StädteRegion vom 2.12. geht hervor, dass immer mehr Menschen die Notaufnahmen wegen „Lappalien“ aufsuchen und so die Versorgung von lebensbedrohlichen Notfällen, für die die Notaufnahme gedacht ist, blockieren. Ist dies auch bei besorgten Familien mit kranken Kindern und Jugendlichen der Fall oder finden diese bereits den Weg in die Portalpraxen vor Ort?
Bei uns ist die Notfall-Aufnahme mittwochs und an jedem Wochenende völlig überlastet. Sobald die Kinderarztpraxen zu sind, kommen viele Familien direkt zu uns, möchten, dass ihr Kind „ganz schnell“ untersucht wird, und denken, das ginge ohne Wartezeit. Entscheidend für uns in der Kinderklinik ist, ob das Kind intensivmedizinisch behandelt werden muss. Bei nicht so schweren Erkrankungen vergeben wir in der Ersteinschätzung (Triage) einen grünen Punkt. Das bedeutet: Das Kind hat nichts Akutes und muss nicht sofort behandelt werden. Solche Familien müssen dann warten, denn Kinder mit gelben oder roten Markern und die vom Notarzt gebrachten Patienten müssen vorher drankommen.
Haben Sie Handlungsempfehlungen für besorgte Eltern?
Eltern sollten nicht das Internet, sondern erfahrene Mütter und Väter befragen: Was tust du bei Fieber, Husten und Schnupfen? Was hilft deinem Kind bei Bauchschmerzen und Durchfall? So hilft den Kleinen bei Fieber und verstopfter Nase meist schon kühle Luft (stoßlüften, Heizung abdrehen).
Meine Empfehlung lautet daher: Persönliche Erfahrungen von anderen Eltern sammeln und nicht gleich in Panik geraten. Es gibt keine „Untertemperatur“, und ein wütendes Kind hat keine Luftnot oder Sauerstoffmangel. Unser diagnostisches Team, unsere Ärzte und Kinderkrankenpflegerinnen sind darin geschult, schnell entscheiden zu können, was einem Kind fehlt. Darauf können sich besorgte Eltern verlassen. Schimpfen oder Drängeln hilft hier nicht weiter.
Kontakt: marien-hospital-dueren.de/klinik-fuer-kinder-und-jugendmedizin
Überlastete Kinderkliniken – wie sieht es in der Region Aachen/Düren aus? Die Chefärzte geben Auskunft (Beitrag vom 16.12.2022)
kingkalli.de/ueberlastete-kinderkliniken-wie-sieht-es-in-der-region-aachen-dueren-aus-die-chefaerzte-geben-auskunft/
Überlastete Praxen und Kinderstationen – Vorstandsvorsitzender Praxisnetzwerk spricht Klartext (Beitrag vom 10.12.2022)
kingkalli.de/ueberlastete-praxen-kinderstationen-vorstandsvorsitzender-praxisnetzwerk-spricht-klartext/
Die Lage in der Kinderklinik in Stolberg (Beitrag vom 16.12.2022)
kingkalli.de/die-lage-in-stolberg
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