Überlastete Praxen und Kinderstationen – Vorstandsvorsitzender Praxisnetzwerk spricht Klartext

in Aktuelles um die Ecke, Gesundheit

– Nachholinfektionen bei Kindern und fehlendes Personal überlasten Kinderarztpraxen und -kliniken
– Verschieben von Vorsorgeuntersuchungen und telefonische Atteste: Vorschläge des Gesundheitsministers „praxisfremd“
– Pädiatrie wurde ausgehungert: fast 40 % der Betten nicht zu betreiben
– Wann wohin mit krankem Kind?
Dr. Frank Friedrichs, Vorstandvorsitzender des Praxisnetzwerk für Kinder- und Jugendmedizin in der Städte-Region Aachen e. V. analysiert die Situation.

Halbe Kitagruppen und Schulklassen sind leer, Kinderarztpraxen und Kinderstationen im Krankenhaus an der Kapazitätsgrenze.
Neun bis zehn Infektionen pro Jahr seien bei einem Kind normal, erzählt Dr. Frank Friedrichs, Vorstandvorsitzender des Praxisnetzwerk für Kinder- und Jugendmedizin in der Städte-Region Aachen e.V.
Was gerade in den Kinder- und Jugendarztpraxen, sowie in den Kinderkliniken los ist, übersteigt dieses „normal“ jedoch, denn drei Jahrgänge Kinder machen die Infektionen auf einmal durch, nachdem man die Ansteckungen 2020 und 2021 künstlich zurückgehalten hat.
Während sich in der Pandemie das Infektionsgeschehen in der gesamten Bevölkerung auf unter vorpandemischem Niveau bewegte, übersteigt es inzwischen sogar die schwere Grippewelle 2017/18 (Link Wochenbericht RKI).
Kinder und Jugendliche waren dabei noch in einer Sonderrolle. An Corona erkrankten sie meist asymptomatisch oder mild, litten aber besonders unter Maßnahmen der Isolierung, wie Kita- und Schulschließungen.
Laut Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI erkranken Kinder und Jugendliche derzeit schwerer. Die Welle an Atemwegserkrankungen bei Schulkindern wird dabei hauptsächlich durch Influenzavirusinfektionen bestimmt, bei Kleinkindern führt die anhaltende RSV-Aktivität zu Arztkonsultationen und Krankenhauseinweisungen.
Wir haben mit Dr. Frank Friedrichs und allen Kinderkliniken im Raum Aachen/Düren gesprochen (Bericht folgt).

Interview mit Dr. Frank Friedrichs

Wie ist die Situation vor Ort? Was beobachten Sie als Vorstandvorsitzender des Praxisnetzwerk für Kinder- und Jugendmedizin in der Städte-Region Aachen e.V. in den Kinderarztpraxen der Region?

Dr. Frank Friedrichs: Wir erleben in allen Bereichen der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen derzeit einen steilen Anstieg an Infektionen der Atemwege durch verschiedene Viren, wobei die SARS-CoV-2-Viren diesmal nicht die Übeltäter sind. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet für die 48. Kalenderwoche Atemwegsinfektionen in der Gesamtbevölkerung mit Influenzaviren (51 % der eingesandten Proben), RS-Viren (15 %), Rhinoviren (9 %) usw. Im ambulanten Bereich der Kinderarztpraxen und in den Kinderkliniken sind besonders viele sehr junge Kinder zu versorgen, da diese nun einmal häufiger an viralen Infektionen erkranken als Schulkinder und Erwachsene, die zumindest eine teilweise Immunität gegen Influenza-, RS- und Rhinoviren über die Jahre entwickelt haben. Das RKI sieht den Anteil der RSV-Infektionen bei Kleinkindern unter vier Jahren bei 61 %. Das ist also gerade unser größtes Problem.

In unseren Praxen in der StädteRegion Aachen zeigt sich dieselbe Infektwelle bei Kleinkindern und Schulkindern wie alle anderen Kinderärztinnen und -ärzte in Deutschland auch. RS-Viren sind hoch ansteckend, und daher führen die Kinderkliniken in der Regel vor der stationären Aufnahme eines Patienten Schnellteste auf RSV und Influenza durch, die uns in den Praxen so leider nicht zur Verfügung stehen. Wir haben in der momentanen Situation allerdings keinen Zweifel an den Daten des RKI. Die RS- und Influenzaviren sind nach zwei bis drei Jahren Corona-Schutzmaßnahmen mit Macht zurückgekommen.

Worauf führen Sie die hohe Anzahl an Erkrankungen zurück?
Spielt die Isolation (geschlossene Einrichtungen/das Tragen von Masken) als Teil der Coronamaßnahmen der letzten Jahre in Ihren Augen eine Rolle?

Normalerweise machen nahezu alle Säuglinge und Kleinkinder vor dem zweiten Geburtstag ihre erste RSV-Infektion durch. Diese erste Infektion verläuft in der Regel schwerer als weitere in den nächsten Jahren. Die Geburtsjahrgänge 2020 und 2021 haben ihre Erstinfektion überwiegend verpasst und holen diese nun – zusammen mit den 2022 geborenen Kindern – nach. Daher kommen die Kinderarztpraxen und die Kinderkliniken an ihre Grenzen. Das führt aus meiner Sicht zu der momentan ungewöhnlichen Situation. Natürlicherweise haben wir jedes Jahr in den Herbst- und Wintermonaten bis zum Frühjahr hin eine Zunahme der Virusinfektionen bei Kindern (und Erwachsenen). Karneval ohne Atemwegsinfekte ist auch nicht denkbar.

Wann wohin mit krankem Kind?

Von knapp vier Millionen Kindern zwischen null und vier Jahren liegen derzeit ca. 400 mit Atemwegsinfekten in Krankenhäusern. Sind alle Kinder gleichermaßen gefährdet, einen schweren Verlauf zu entwickeln? Wann gilt es, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen? Was müssen Eltern wissen?

Nicht nur die Kleinkinder werden aktuell von RS-Viren und anderen Atemwegsviren überfallen. Auch deren Eltern werden von den Viren überrascht. Ihnen fehlt nicht selten die Erfahrung, dass neun bis zehn Atemwegsinfektionen pro Jahr bei ihren Kleinkindern auftreten. Tatsächlich liegt die Zahl der viralen Atemwegsinfektionen in den ersten Lebensjahren weltweit in diesem Bereich. Eine RSV-Infektion kann wie eine einfache Atemwegsinfektion mit Schnupfen und Husten verlaufen. Es kann aber auch zu einer Beteiligung der Bronchien kommen und Atemnot auftreten. Mehrtägiges Fieber, Trinkverweigerung, eine beschleunigte Atmung und pfeifende Atemgeräusche sind sicher Gründe, eine Kinderarztpraxis aufzusuchen. Bei Risikokindern, z. B. Frühgeborenen oder Kindern mit Herzfehlern, muss man besonders auf solche Symptome achten. Es gibt leider nur einen unzureichenden Nestschutz gegen RSV. Das heißt, dass auch Kinder unter drei Monaten, die normalerweise vor den meisten Infektionskrankheiten, die die Mutter selber durchgemacht hat, geschützt sind, teilweise schwer erkranken können.

Wartebereich Kinderärztlicher Notdienst Aachen: Nix los im April 2021; Anfang Dezember 2022 kamen 130 Kinder am Wochenende | Foto: Birgit Franchy

Wie sollten beunruhigte Eltern sich außerhalb der Öffnungszeiten der Kinderarztpraxen verhalten?
Werden die kinderärztlichen Notdienste im Klinikum und im Bethlehem-Krankenhaus inzwischen gut angenommen?

Wir haben derzeit in den beiden kinderärztlichen Notdienstpraxen im Universitätsklinikum Aachen bzw. im Bethlehem-Krankenhaus Stolberg einen großen Andrang von Familien, deren Kinder an den oben genannten Virusinfektionen leiden. Um SARS-CoV-2-Viren ist es dagegen ruhig geworden. Das RKI berichtet in der 48. KW, dass nur in 4 % der eingesandten Proben von Kindern Coronaviren nachgewiesen wurden.

Anfang Dezember lag die Zahl der untersuchten Kinder in der Notdienstpraxis im UKA während der elfeinhalb Stunden Öffnungszeit am Wochenende bei über 130 Kindern. In Stolberg wird es sicherlich genauso betriebsam gewesen sein. Die niedergelassenen Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte und die Kolleginnen und Kollegen der beiden Kinderkliniken sind gemeinsam für die Notfallversorgung kranker Kinder und Jugendlicher in unserer Region zuständig. An Wochentagsabenden, Feiertagen und Wochenenden sind die niedergelassenen Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte in der Notdienstpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung im Klinikum Aachen bzw. im Bethlehem-Krankenhaus tätig. Während der normalen Arbeitstage sind sie in ihren Praxen derzeit von 8 bis 20 Uhr gefordert. Außerhalb der bekannten Praxiszeiten an fünf Wochentagen und der unten angegebenen Zeiten der kinderärztlichen Notdienstpraxen sind die Notaufnahmen der beiden Kinderkliniken zuständig.

Es gibt also keine Lücken in der Notfallversorgung. Problematisch ist dabei allerdings die Frage, was denn ein Notfall ist. Eltern eines vier Monate alten Erstgeborenen haben da durchaus andere Maßstäbe als erfahrene Eltern eines Drittgeborenen, dessen beide Geschwister bereits im Kindergarten sind. Es ist nicht so, dass die diensthabenden Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte in den Kinderkliniken primär für die Notaufnahmen da sind. Sie versorgen zuvorderst kranke Kinder, die auf den Stationen und der Intensivstation behandelt werden. Sie legen Venenzugänge, nehmen schwerkranke Kinder stationär auf, holen kranke Neugeborene aus dem Kreißsaal ab usw. Daher muss man mit größeren Wartezeiten rechnen, wenn man außerhalb der Öffnungszeiten der kassenärztlichen Notdienstpraxen erscheint.

Aufräumen mit Irrtum: Kinder brauchen keine Krankschreibung vom Arzt

Gesundheitsminister Karl Lauterbach schlägt vor, Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben, zudem sollen Eltern Kinder telefonisch krankschreiben lassen. Macht das Sinn? Wo sehen Sie Vorteile oder Risiken? Vielleicht begrüßen manche Eltern die Vorschläge sogar, um eine mögliche Infektion des Kindes in der Praxis zu umgehen. Was raten Sie Eltern?

Hier muss mit einem Irrtum aufgeräumt werden. Schulkinder sind keine Arbeitnehmer! Sie benötigen bei einer Erkrankung kein ärztliches Attest! Ich zitiere aus einem aktuellen Schreiben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein (BVKJ):
„Bei Fehlzeiten aufgrund von Krankheiten besteht unabhängig von der Erkrankungsdauer keine gesetzliche oder medizinische Notwendigkeit für ein Attest. Die Entschuldigungen für Fehlzeiten werden nach dem Schulgesetz NRW ausdrücklich von den Eltern vorgenommen. Nur in begründeten Ausnahmefällen sind hiervon Ausnahmen vorgesehen. Es gilt somit § 43 Absatz 2 des Schulgesetzes NRW. Die gesetzliche Grundlage kann auch nicht von Lehrerinnen und Lehrern oder Schulen auf eigenen Wunsch oder weil es so bequem ist, außer Kraft gesetzt werden oder durch andere Regelungen ersetzt werden.“
Die meisten Kollegen empfinden es als Missbrauch ihrer medizinischen Tätigkeit, wenn überflüssige Praxistermine für Atteste von Schulen eingefordert werden und gleichzeitig wirklich erkrankte Kinder aufgrund des Arztmangels teilweise keine Versorgung mehr erhalten. Wir fordern Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleitungen daher ausdrücklich auf, entsprechende Regelungen an den Schulen so zu ändern, dass Atteste entfallen können, und die Anforderung von Attesten auf das absolut Notwendigste zu beschränken.
Sollte aus Sicht der Schule im Einzelfall ein Attest tatsächlich benötigt werden, sollten die betroffenen Schülerinnen und Schüler in Zukunft eine individuelle und begründete Bescheinigung der Schulleitung über die Attestpflicht für die jeweilige Fehlzeit mitbringen.
Die Angabe einer pauschalen Attestpflicht oder der Verweis allein auf umfangreiche Fehlzeiten kann nicht berücksichtigt werden. Vielmehr ist darzulegen, warum eine Entschuldigung der Eltern nicht ausreichend glaubwürdig ist, die Fehlzeit zu entschuldigen, und warum somit ein Termin in der pädiatrischen Praxis zur Überprüfung unumgänglich ist.

Vorschlag von Gesundheitsminister praxisfremd

Dr. Fischbach vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) hat am 2. Dezember darauf verwiesen, dass es noch weitere Probleme im Gesundheitssektor gibt. Laut seiner Aussage haben viele Kinder und Jugendliche unter dem pandemiebedingten Lockdown von Kitas, Schulen und Sportvereinen schwer gelitten und psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsstörungen entwickelt. Können Sie das bestätigen? Und wäre es im Hinblick auf diesen Aspekt nicht kontraproduktiv, auf Vorsorgeuntersuchungen zu verzichten?

Darauf kann ich nicht konkret antworten, da ich kein hausärztlich tätiger Kinder- und Jugendarzt bin. Als Kinder- und Jugend-Pneumologe (Lungenfacharzt) verfolge ich die Diskussion zu der oben aufgeworfenen Frage nur aus der Ferne. Ich vermute aber, dass es keine Monate im nächsten Frühjahr geben wird, in denen sich meine Kollegen und Kolleginnen in ihren Praxen langweilen werden und einfach mal die doppelte Zahl an zeitlich und medizinisch anspruchsvollen Vorsorgeuntersuchungen machen können. Insofern ist der Vorschlag des Gesundheitsministers sicherlich praxisfremd.

Pädiatrie wurde ausgehungert: fast 40 % der Betten nicht zu betreiben, Fallpauschalen müssen fallen

Dr. Fischbach bemängelt zudem, dass im Bereich Kinder- und Jugendmedizin in den Krankenhäusern Betten abgebaut wurden bzw. aufgrund von Personalmangel nicht betrieben werden können – er spricht sogar davon, dass die Pädiatrie ausgehungert würde. Derzeit sind fast 40 % der Betten davon betroffen. Kinderarztpraxen müssen den Kapazitätsmangel auffangen. Während die Kapazitäten sinken, steigt die Zahl der Kinder seit 2014. Kommt das System an seine Grenzen? Was müsste sich ändern?

Es gibt den bekannten Spruch „Kinderkliniken und Kinderarztpraxen sind wie Eisdielen – nur anders herum“, d. h. im Sommer leer und im Winter voll. Und nun muss man an dieser Stelle doch einmal deutlich sagen, dass die handelnden Gesundheitspolitiker Anfang der 2000er Jahre ein Abrechnungssystem (DRG) für die Kliniken eingeführt haben, das auf Fallpauschalen (z. B. 10.000 Euro pro Operation, egal wie lange der Patient im Krankenhaus ist) basiert. Dies führte dazu, dass manche große Krankenhäuser zum Beispiel mit den Fallpauschalen für einen bestimmten Eingriff wie ein „neues Hüftgelenk“ mehr Jahresumsatz gemacht haben als mit den gesamten Betten der Kinderklinik unter ihrem Dach. Diese übrigens von unserer ehemaligen Aachener Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihrem damaligen Berater Karl Lauterbach gegen viele Skeptiker durchgesetzte Regelung hat zu einer Bedrohung der wirtschaftlich eher unrentablen Kinderkliniken geführt. Daher will der heutige Gesundheitsminister Karl Lauterbach sie nun nach 20 Jahren für die Kinderkliniken und, wie man hört, sogar generell wieder abschaffen. Eine späte Erkenntnis ist da besser als gar keine! Derzeit können wir aber die Folgen dieser Politik in den Kinderkliniken erleben. Es fehlt an Betten, Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzten.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Infos zu den Kindernotdiensten der Region

Außerhalb der Öffnungszeiten der Kinderarztpraxen können Eltern die kinderärztlichen Notdienste aufsuchen.
Eine Terminvereinbarung ist nicht nötig und möglich: Die Behandlungen erfolgen nach Wartezeit und Dringlichkeit.
Ein Anruf bei der Rufnummer 116 117 lohnt sich für Eltern nicht. Eine telefonische Beratung gibt es nicht. Hausbesuche können ebenfalls nicht vermittelt werden.

Aachen

Kinderärztliche Notdienstpraxis UKA
Universitätsklinikum Aachen

Pauwelsstraße 30
52074 Aachen

Öffnungszeiten
Mittwoch/Freitag: 16:30-21:00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage, Rosenmontag, Heiligabend, Silvester: 10:00-21:30 Uhr

StädteRegion Aachen

Kinderärztliche Notdienstpraxis Stolberg
Bethlehem Gesundheitszentrum

Steinfeldstraße 5
52222 Stolberg

Öffnungszeiten 1. April bis 30. September
Samstag, Sonntag, Feiertage: 8:00-14:00 Uhr

Öffnungszeiten 1. Oktober bis 31. März
Freitag: 16:00-20:00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage, Heiligabend, Silvester, Rosenmontag: 8:00-20:00 Uhr

Düren

Kinderärztliche Sprechstunde am Krankenhaus Düren

Samstag: 10:00-14:00 Uhr

Ab Februar 2023 wird es einen kinderärztlichen Notdienst an der Kinderklinik St. Marienhospital Düren-Birkesdorf geben!

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