Vor zwei Wochen hat die DIVI auf die dramatische Situation in den Kinderkliniken hingewiesen. KingKalli hat mit den Chefärzten der Kinderkliniken der Region Aachen/Düren gesprochen. Dr. med. Heiner Kentrup, Chefarzt der Kinderstation des Bethlehem Gesundheitszentrums ist froh, dass erst ein Kind ins Klinikum Aachen umgeleitet werden musste.
Wie ist die Situation in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Bethlehem Gesundheitszentrums? Mussten auch Sie schon Patienten abweisen, die dann auf andere Krankenhäuser verteilt werden?
Zwischendurch war die Lage bei uns ähnlich angespannt, und tatsächlich können wir aufgrund von Personalengpässen eine Station mit 13 Betten nicht durchgehend betreiben. Die Kinderklinik hat insgesamt 48 Betten. In der letzten Woche konnten wir eine beatmungspflichtige Patientin nicht bei uns unterbringen, sie wurde freundlicherweise von der Kinderklinik im Universitätsklinikum Aachen übernommen.
Inwiefern spielen die aktuell vermehrt auftretenden RSV-Infektionen bei Kindern eine Rolle bei der Überlastung der Kinderkliniken? Fallen Ihnen im Moment besonders viele Fälle dieser Infektionen auf? Falls ja, worauf führen Sie das zurück? Auf ein geschwächtes Immunsystem durch Maßnahmen in den letzten fast drei Jahren?
Auch bei uns gab es und gibt es immer noch viele RSV-Infektionen, durch die insbesondere junge Säuglinge und ehemalige Frühgeborene sehr krank werden können. Es gibt durchaus eine gewisse Häufung, sodass wir auch in früheren Jahren RSV-Wellen hatten. Normalerweise machen fast alle Kinder in den ersten zwei Lebensjahren ihre erste RSV-Infektion durch. Durch die Corona-Maßnahmen haben die Geburtenjahrgänge 2020 und 2021 diese Erstinfektionen deutlich seltener durchgemacht, sodass es jetzt einen Nachholeffekt gibt. Das Immunsystem ist deswegen bei diesen Kindern aber nicht schwächer.
Der Personalmangel ist bereits seit längerem ein großes Thema im Gesundheitswesen, es fehlen vor allem Pflegekräfte, was auf ein strukturelles Problem hindeutet. Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, weist der Politik eine Mitschuld zu, da sie die Pädiatrie seit Jahren aushungere, während auf der anderen Seite die Zahlen der Kinder durch Zuwanderung steigen. Sehen Sie das auch so?
Wir beklagen natürlich schon seit langem Schwierigkeiten im Gesundheitssystem, u. a. aufgrund der Einzelfallabrechnungen (DRGs), unter denen besonders die Kinderkliniken leiden, weil dadurch saisonale Schwankungen nicht abgefangen werden und Vorhaltekosten nicht ausreichend gedeckt werden. Einen Personalmangel gibt es mittlerweile in allen Branchen, in den Kinderkliniken drohen zusätzliche Engpässe dadurch, dass die spezifische Krankenpflegeausbildung für Kinder zugunsten einer generalisierten Ausbildung abgeschafft wurde.
Die von Herrn Minister Lauterbach angekündigten Veränderungen im Gesundheitssystem und die Sonderunterstützung der Kinder- und Geburtskliniken begrüßen wir sehr. Man erkennt daran, dass die Politik unsere Probleme erkannt hat.
Weist auch Ihre Klinik einen Mangel an Pflegekräften auf? Worauf ist dieser zurückzuführen? Hat sich der Personalmangel in der Corona-Pandemie mit der Einführung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht verschärft?
Wie viele andere Kliniken haben auch wir Personalengpässe und offene Stellen. Einen Zusammenhang mit der einrichtungsbezogenen Pflicht sehe ich dabei aber nicht.
Der Gesundheitsminister schlägt vor, zur Entlastung Personal aus Erwachsenenstationen auf Kinderstationen zu entsenden. Halten Sie das für einen pragmatischen, sinnvollen Ansatz? Ist das Personal genügend auf den Umgang mit kranken Kindern geschult?
Diesen Ansatz des Gesundheitsministers sehen wir kritisch. Es funktioniert natürlich nicht, dass Personal aus dem Erwachsenenbereich in einer Krisensituation akut aushelfen könnte, zumal auch die Erwachsenenstationen durch Krankheitsausfälle im Personal und winterliche Spitzen in der Bettenbelegung belastet sind.
Aufgrund von Maßnahmen, Schulschließungen und Lockdowns haben Kinder und Jugendliche auch psychisch gelitten. So haben in den letzten zwei Jahren auch schon die Kinder- und Jugendpsychiatrien Alarm geschlagen, was die psychische Gesundheit der Jüngsten unserer Gesellschaft angeht. Ängste und Essstörungen haben zugenommen. Was beobachten Sie im SPZ?
Natürlich haben die chronischen Schutzmaßnahmen besonders Kinder betroffen, indem sie Kitas und Schulen nicht durchgehend besuchen konnten und auch private Begegnungen eingeschränkt waren. Dies hat vielfältige Auswirkungen. Neben der psychischen Belastung beobachten wir eine Zunahme von Kindern mit Übergewicht, aber auch z. B. eine verfrühte Pubertät bei Mädchen, andererseits einen Rückgang frühgeborener Kinder, Dinge, die sich auf den ersten Blick gar nicht leicht erklären lassen bzw. noch nicht vollständig verstanden sind.
Seit 2022 sind in NRW alle kinderärztlichen Notdienste aus den Praxen der Kinderärzte in sogenannte Portalpraxen in Krankenhäusern umgezogen. Diese gibt es auch bei Ihnen. (Artikel dazu hier: kingkalli.de/kinderaerztlicher-notdienst) Wird dieses Angebot inzwischen angenommen? Kann man dort jetzt auch telefonisch jemanden erreichen, um sich vorab zu informieren, ob es überhaupt notwendig ist vorbeizukommen?
Die bei uns eingerichtete kinderärztliche Notdienstpraxis wird von Beginn an gut frequentiert. Eine telefonische Beratung gestaltet sich immer schwierig. Eine medizinische Einschätzung ist per Telefon nicht möglich und die Telefonate kosten uns oft sehr viel Zeit. Telefonische Rückfragen sollten sich möglichst auf organisatorische Fragen beschränken.
Aus einer Pressemeldung der StädteRegion vom 2.12. geht hervor, dass immer mehr Menschen die Notaufnahmen wegen „Lappalien“ aufsuchen und so die Versorgung von wirklich lebensbedrohlichen Notfällen, für die die Notaufnahme gedacht ist, blockieren. Ist dies auch bei besorgten Familien mit kranken Kindern und Jugendlichen der Fall oder finden diese bereits den Weg in die Portalpraxen vor Ort?
Natürlich sind die Vorstellungsgründe auch in unserer Notfallambulanz weit gestreut, wir würden minder schwere Fälle aber nicht als Lappalien bezeichnen und sind im Einzelfall froh, wenn wir besorgte Eltern beruhigen können. Die Portalpraxen spielen für die Versorgung von Kindern aus meiner Sicht eine untergeordnete Rolle.
Haben Sie Handlungsempfehlungen für besorgte Eltern?
In der kalten Jahreszeit sind Erkältungskrankheiten natürlich häufig. Fieberhafte Temperaturen in Verbindung mit entsprechenden Symptomen wie Schnupfen und Husten sind zunächst nicht besorgniserregend. Kinder, die nach einer gewissen Erholungsphase wieder kränker werden, neu auffiebern oder das Essen und Trinken einstellen, sollten vorgestellt werden, immer auch fiebernde Säuglinge im Alter von unter drei Monaten.
Kontakt: bethlehem.de/leistungen/kliniken/klinik-fuer-kinder-und-jugendmedizin/
Überlastete Kinderkliniken – wie sieht es in der Region Aachen/Düren aus? Die Chefärzte geben Auskunft (Beitrag vom 16.12.2022)
kingkalli.de/ueberlastete-kinderkliniken-wie-sieht-es-in-der-region-aachen-dueren-aus-die-chefaerzte-geben-auskunft/
Überlastete Praxen und Kinderstationen – Vorstandsvorsitzender Praxisnetzwerk spricht Klartext (Beitrag vom 10.12.2022)
kingkalli.de/ueberlastete-praxen-kinderstationen-vorstandsvorsitzender-praxisnetzwerk-spricht-klartext/
Die Lage in Düren (Beitrag vom 16.12.2022)
kingkalli.de/die-lage-in-dueren
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