Immer wieder gehen Landwirte in Deutschland auf die Straße. Obwohl sie das Essen produzieren, das auf dem Tisch landet, schenkt man ihnen wenig Gehör. Jahrelang wurde gegen Mercosur protestiert, nun ist das Abkommen unterzeichnet. Volker Gauchel vom Biohof Gauchel in der Soers erklärt, was das bedeuten kann.
Herr Gauchel, Mercosur klingt nach großer Politik. Das überliest man gern und denkt „Was geht mich das an?“ Wo begegnet Ihnen dieses Abkommen in Ihrem Alltag – und wo uns als Verbraucherinnen und Verbraucher?
Diese Frage lässt sich nur in die Zukunft gerichtet beantworten. Das Abkommen ist zwar unterzeichnet, aber noch nicht in Kraft getreten. Die genauen Auswirkungen sind für mich schwer abschätzbar. Was die Landwirtschaft betrifft, so gibt es die Befürchtung, dass viele Agrarprodukte aus den Mercosur-Staaten auch günstig hier in Aachen in den Geschäften landen werden. Ich frage mich, wozu wir die brauchen. Wir haben doch jetzt schon zu viel von allem. Und dann haben diese Erzeugnisse auch noch einen sehr weiten Weg hinter sich, und wir wissen nicht genau, unter welchen Rahmenbedingungen sie produziert werden. Die EU verspricht Schutzmechanismen und die Einhaltung der europäischen Standards. Aber wird das funktionieren?
Lebensmittel sind deutlich teurer geworden. Ist es da nicht verständlich, dass viele auf günstigere Preise hoffen?
Ich finde, die Lebensmittelpreise in Deutschland sind immer noch auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau. Im Schnitt werden etwa 14 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben – so wenig wie in keinem anderen Land der EU. Wir leisten uns sehr viele Dinge und sparen oft bei den Lebensmitteln. Das erscheint einfach, weil man ja trotzdem satt wird. Essen ist eher Nebensache. In anderen Ländern legen die Menschen mehr Wert auf ein gutes Essen und gute Zutaten, auch wenn das mehr kostet. Es ist eine Entscheidung, die jeder selber treffen muss. Gute Lebensmittel gibt es nicht für wenig Geld.
Es sollen ja nicht nur fertige Lebensmittel wie Fleisch importiert werden, sondern auch billiges Soja für Futtermittel. Wenn ich an Kühe denke, sehe ich sie auf der Weide grasen oder im Stall Heu fressen. Erklären Sie einmal, was Kühe mit Soja aus Südamerika zu tun haben. Und womit werden Tiere auf Ihrem Biohof gefüttert?
Eine Kuh gibt mittlerweile in Spitzenzeiten bis zu 50 (!) Liter Milch am Tag. Das ist wahnsinnig viel. Um das zu schaffen, muss diese Kuh sehr viel und sehr energie- und eiweißreiches Futter fressen. Die Grundration besteht zwar aus Gras, wird dann aber ergänzt durch Getreide, Mais und eben auch Soja. Soja wächst aber in Europa nur in kleinen Mengen und muss aus wärmeren Ländern importiert werden. Schweine und Hühner werden auch oft mit Soja gefüttert.
Unsere Kühe, die wir aber nicht melken, sondern deren Milch wir den Kälbern überlassen – wir produzieren Fleisch und keine Milch –, bekommen fast ausschließlich Gras. Im Sommer frisch auf der Weide, im Winter Heu oder Silage. Bio-Milchkühe werden nicht mit Soja gefüttert, geben aber auch nicht so viel Milch.
Was bedeutet diese unterschiedliche Fütterung für Umwelt, Tierhaltung und die Qualität der Lebensmittel, die wir essen?
Hochleistungstiere sind anfälliger und werden schneller krank. Dann müssen sie behandelt werden, unter anderem mit Antibiotika. Das ist nicht gewollt. Es gibt zunehmend Probleme, weil die Bakterien resistent werden und die Mittel auch bei Menschen nicht mehr wirken.
Soja wird in anderen Ländern auf riesigen Feldern angebaut und oft sind die Pflanzen sogar gentechnisch verändert. Das passiert auch in den Mercosur-Staaten. Um immer mehr Soja anbauen zu können, wird sogar der Regenwald abgeholzt. Auf den abgeholzten Waldflächen entsteht auch Weideland. Riesige Rinderherden mit mehreren tausend Tieren werden dort gehalten. Das sind fast unvorstellbare Mengen. Oft gibt es keinen Stall und die ganzen Hinterlassenschaften verseuchen Böden und Wasser.
Stehen Höfe hier unter Druck, wenn mehr Lebensmittel – zum Beispiel dann dieses günstigere Rindfleisch – importiert werden? Und wie merken Familien das in ihrer Region?
Der Druck ist jetzt schon groß. Auch für uns ist alles teurer geworden: Saatgut, Energie, Lohnkosten. Aber wir bekommen nicht mehr Geld für unsere Erzeugnisse. Lebensmittel sind deutlich teurer geworden, aber bei den Bauern kommt davon nichts an. Das ist weder fair, noch wird das lange funktionieren. Es wird oft vergessen, dass fast alles, was im Supermarkt liegt, von den Bauern produziert wird. Ohne Bauern kein Essen, und je weniger Bauern es gibt, desto schlechter ist das. Es hat auch wenig Sinn, alles zu importieren – das macht sehr abhängig.

Viele möchten bewusst und nachhaltig einkaufen und zum Beispiel nicht nach Fleisch aus dem Ausland greifen. Können Familien im Supermarkt erkennen, woher Fleisch stammt und wie es produziert wurde?
Ja, das kann man gut erkennen. Auf den Verpackungen und in der Theke wird alles gekennzeichnet: Wo und wie das Tier gehalten wurde, wo es geschlachtet wurde etc.
Beim nachhaltigen Einkauf stoßen Familien eher an finanzielle Grenzen. Was ist aus Ihrer Sicht realistisch? Gibt es kleine Entscheidungen im Alltag, bei denen Sie sagen: Ja, die machen tatsächlich einen Unterschied?
Es gibt den schönen Spruch: Weniger ist mehr. Den finde ich passend. Ich glaube, dass die Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln, Kartoffeln, Brot, Getreide, Gemüse für die allermeisten Menschen auch als höherwertiges Produkt, beispielsweise in Bioqualität, erschwinglich sind. Jeder kann sich fragen, ob er nicht weniger Fleisch essen möchte, dafür aber dann Fleisch von Tieren, die besser gehalten und gefüttert wurden. Dann gibt man nicht mehr Geld aus, tut aber etwas Gutes. Auch bei anderen Dingen ist das so. Viele Fertigprodukte sind teuer. Es gibt viele tolle Gerichte, die man ganz schnell selber machen kann und die dann viel weniger kosten.
Mercosur – kurz erklärt
„Mercosur“ steht für „Mercado Común del Sur“ („Gemeinsamer Markt des Südens“). Zum „Markt des Südens“ gehören Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die Europäische Union und Mercosur haben nach rund 25 Jahren Verhandlungen ein Handelsabkommen beschlossen. Ziel ist es, den Handel mit Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu erleichtern, unter anderem durch den Abbau von Zöllen. Betroffen sind vor allem: Rindfleisch, Geflügel, Zucker, Soja sowie Soja-Futtermittel. Der Lebensmittelhandel verläuft dabei überwiegend in Richtung Europa, nicht umgekehrt.
Wer profitiert?
In erster Linie exportorientierte Unternehmen. Verbraucherinnen und Verbraucher können kurzfristig niedrigere Preise erwarten. Zudem profitieren große Viehbetriebe durch günstige Futtermittelimporte.
Wer profitiert nicht?
Regionale landwirtschaftliche Betriebe, die mit höheren Umwelt- und Produktionsstandards arbeiten, stehen stärker unter Wettbewerbsdruck.
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