Kinderintensivmedizin: Im Sommer am Limit. Im Winter überrollt?

in Aktuelles um die Ecke, Gesundheit

Im letzten Winter sah es schlecht aus in den Kinderarztpraxen, auf den Kinderstationen und den Kinderintensivstationen in deutschen Krankenhäusern. Viel höher als in den „Coronajahren“ lagen plötzlich die Infektionszahlen, vor allem das RS-Virus machte den Kindern zu schaffen. Von Nachholinfektionen war die Rede und von fehlendem Personal. Fast 40 Prozent der Betten in der Pädiatrie konnten nicht betrieben werden. Ein dringender Anlass, das Gesundheitssystem zu überarbeiten und sich für die nächste Erkrankungswelle zu rüsten. Ist das passiert? Mitnichten, sagt die DIVI, die sich am 2. August zu Wort gemeldet hat.

Verschärfung der Lage: Im Sommer schon am Limit

„Wir werden genau die gleichen oder noch größere Probleme in diesem Winter bekommen wie im vergangenen!“ Diese Worte von DIVI-Präsident Professor Florian Hoffmann, Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München, verheißen nichts Gutes. Seine Kollegin Dr. Ellen Heimberg, stellvertretende Sprecherin der Sektion Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin der DIVI, bestätigt: „Wir sind nicht vorbereitet!“
Zwar hatte Gesundheitsminister Karl Lauterbach im vergangenen Winter angekündigt, Maßnahmen zur Stärkung der Stationen auf den Weg zu bringen, doch passiert sei herzlich wenig.
Dr. Ellen Heimberg spricht sogar von einer weiteren Verschlechterung der pflegerischen Personalsituation auf den Kinderintensivstationen. Selbst im Sommer – ohne massive Infektwellen – gebe es schon Engpässe.
Professor Florian Hoffmann, der in München auch als Kindernotarzt im Einsatz ist, berichtet von Situationen, wo alle Kinderkliniken in München abgemeldet sind, das heißt – eigentlich – keine Betten mehr frei haben. Anfahren müsse er die vollen Kliniken dann trotzdem: „Irgendwie werden die Notfall- und Intensivteams dem Kind dann schon helfen.“ Optimal sei das selbstverständlich ganz und gar nicht.
Im Frühjahr seien die Mediziner noch optimistisch gewesen, dass sich die Situation verbessert, jetzt sehen sie sich jedoch gezwungen, sich an die Presse zu wenden in der Hoffnung, wachzurütteln und bis zum Winter noch etwas ändern zu können. Im Sommer kaum freie Betten zu haben, sei eine neue Situation, heißt es in der Pressemeldung. „Jetzt sehen wir noch einmal eine Verschärfung des Personalmangels und eine entsprechend prekäre Versorgungssituation“, resümiert Dr. Ellen Heimberg. Der Personalmangel führe ganzjährig zu relevanten Bettensperrungen. Wenn man aber im Sommer bereits am Limit sei, so fürchten die Kinderintensivmediziner, werde man im Winter überrollt.

Forderungen aus letztem Winter werden wiederholt

Die DIVI hatte bereits im Winter Forderungen ausgesprochen. Jetzt werden sie wiederholt: Kurzfristig könnten vor allem überregionale Strukturen und Netzwerke die Situation verbessern. So fordert die Fachgesellschaft den Aufbau telemedizinischer Netzwerke für den Austausch der behandelnden Teams untereinander. Außerdem den Aufbau von spezialisierten Kinderintensivtransport-Systemen, um Kinder sicher und von Kinderexperten begleitet zu transportieren.
Langfristig gesehen müssen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen verbessert werden. Die Kinderkliniken müssten verpflichtet werden, Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger auszubilden. Das ginge nur, wenn die Mehrkosten der Ausbildung über die Kostenträger refinanziert werden.
Zu den besseren Arbeitsbedingungen zählen optimierte Ausfallkonzepte, sodass Freizeit Freizeit und Urlaub Urlaub bleibe. Fortbildungen müssten während der Arbeitszeit stattfinden und bezahlt werden. Es müsse eine Entlastung von pflegefernen Aufgaben geben, und letztlich müssten sich Pflegekräfte leisten können, dort zu wohnen, wo sie arbeiten. Eine deutlich bessere Bezahlung sei also zwingend notwendig, um den Beruf (wieder) attraktiv zu machen.


Unser Beitrag aus dem letzten Dezember:
Überlastete Praxen und Kinderstationen – Vorstandsvorsitzender Praxisnetzwerk spricht Klartext

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