Weiterleben nach dem Tod eines Familienmitglieds

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„Ich war noch nie so traurig, aber auch noch nie so stark“, sagt Nives Sunara über das letzte Jahr. Ihr Mann Achim Kaiser verstarb vollkommen überraschend im Februar 2017. Sie blieb mit Sohn Nicolas (heute 9) zurück. In einem intensiven Gespräch erzählen sie und Nicolas etwa ein Jahr später, wie sie die Zeit bisher erlebt haben, was ihnen geholfen hat und was eher nicht.

An einem Freitag im Februar 2017 brachte Achim Kaiser seinen Sohn zur Schule. Der Chef der Lokalredaktion der Aachener Nachrichten telefonierte in der Mittagspause noch mit seiner Frau, wollte zu Hause vorbeischauen. Seine Familie sah er jedoch nicht mehr wieder, denn einige Minuten später erlitt er einen schweren Herzinfarkt, an dem er wenige Tage später versterben sollte, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Für Nives Sunara brach eine Welt zusammen. Von jetzt auf gleich blieb sie alleine mit ihrem Kind zurück. Die ersten Tage erlebte sie als unwirklich. Am Todestag kamen 80 Freunde, Nachbarn, Bekannte und Familienangehörige vorbei, eine Nachbarin brachte ihre gerade frisch zubereitetes Mittagessen mit und alle erinnerten sich gemeinsam an Achim. Im Nachhinein bedauert Nives Sunara, ihren Sohn nicht mit ins Krankenhaus genommen zu haben, um sich vom Vater zu verabschieden. Aber der Sohn hatte Angst vor der Situation, der Chefarzt riet ebenso ab. Heute würde sie ihren Sohn dafür nicht mehr mit an den offenen Sarg im Beerdigungsinstitut nehmen, diese Aktion hat sie hinterher dann doch bereut, obwohl sie sie zuerst für eine gute Idee hielt. Richtig oder falsch gibt es oft nicht. Situationen müssen individuell entschieden werden.
Die Wochen nach der Beerdigung waren für Nives Sunara wie ein Albtraum. Sie versuchte, die Erinnerung an ihren Mann wachzuhalten, war jedoch vollkommen verzweifelt, weinte sehr viel, auch vor Nicolas, was sie heute bedauert. „Aber in neun von zehn Fällen kam er gut damit klar“, erzählt sie. An Arbeiten war für fünf Monate für die Freiberuflerin nicht mehr zu denken, was sie zusätzlich unter Druck setzte, schließlich war sie jetzt Alleinverdienerin. Hilfe hatte sie in der Zeit von ihrer Mutter, die in den Haushalt kam. Nachbarn brachten weiterhin Waffeln, Kuchen oder Muffins vorbei, Freunde kamen. Drei oder vier Wochen nach dem Tod schlugen Freunde vor, sich an die Initiative diesseits zu wenden. Dort gebe es eine Trauergruppe, auch für Kinder. Nives Sunara schaute auf die Website und nahm sofort Kontakt auf. Bereits nach einer Stunde meldete sich Trauerbegleiterin Maria Pirch bei ihr. Einzeltermine wurden vereinbart, die Nives Sunara als sehr positiv empfindet, denn sie konnte dort offener sein als bei Freunden. Freunde hätten eher das Gefühl, dass etwas passieren müsse, hätten Erwartungen und hätten sich ziemlich bald schon gewünscht, dass sie mit ihrer Trauer besser zurechtkomme: „An diesem Punkt waren wir schon“, „das Leben kommt von vorne“ oder „du musst dich dem Leben zuwenden“ seien beliebte wohlgemeinte Sätze. Diese würden zwar stimmen, Betroffenen aber nicht helfen, gibt Sunara zu bedenken. Anders sei es mit Trauerbegleitern. Sie hören zu, ohne dabei mit Ratschlägen zu unterbrechen, gestehen den Betroffenen Zeit zu und sie sind selbst nicht betroffen. Genau das kann nämlich ein Gespräch mit Freunden schwierig werden lassen, denn sie haben ja selbst auch ihren Freund verloren und trauern ebenfalls.

Kinder trauern anders als Erwachsene

Für Nicolas wünschte sich die Mutter ebenfalls eine Trauerbegleitung. Dieser verspürte zunächst keine Lust, an Treffen teilzunehmen. Erstens hatte er genau an dem Tag Fußballtraining, zweitens befürchtete er, dass dort „alle nur heulen“ und es ja nur traurig werden könne. Entgegen seiner ersten Unlust ließ er sich dennoch ein und bewertet die Teilnahme als positive Erfahrung. Obwohl erst neun Jahre alt, reflektiert er über Verlustängste und wie gut es sei, zu wissen, dass andere Kinder auch so fühlten.
In der Gruppe haben die Kinder nicht nur geredet, sondern auch praktische Dinge getan, zum Beispiel ein Glas für ein Teelicht hübsch dekoriert und den Namen des verstorbenen Vaters oder der verstorbenen Mutter draufgeschrieben. „Bei uns brennt dieses Teelicht bei jeder Mahlzeit“, sagt Nives Sunara. Außerdem haben die Kinder einen Schuhkarton gestaltet, in dem Erinnerungsstücke platziert werden, die an den verstorbenen Elternteil erinnern sollen.
Die Kinder nehmen an acht Gruppentreffen teil, dann ist die Teilnahme aber auch schon Ende: „Gestorben wird immer“, gibt Sunara zu bedenken, und so rückten schnell neue Kinder nach, die auf einen Platz warten, weil sie ein verstorbenes Familienmitglied zu beklagen haben.
Dass Kinder anders trauern, sei für Eltern eine Herausforderung, gibt die Mutter zu. Während Erwachsene sehr in der Trauer verharren, trauern die Kinder punktuell. Nach einer heftigen Traurigkeit könne das Kind Minuten später schon wieder lachen und mit etwas ganz anderem beschäftigt sein.
Nicolas sei viel pragmatischer als sie, sagt die Mutter. Sie habe zum Beispiel beim Anblick eines Fotos immer weinen müssen. Nicolas habe sie gefragt, warum sie schon wieder heule, und dann den Tipp gegeben: „Dann guck doch nicht mehr drauf.“

Das Umfeld

Stirbt ein Elternteil, sind nicht nur die Familie und der Freundeskreis betroffen, sondern natürlich das ganze Lebensumfeld wie auch die Schule. Weiß diese nicht, wie sie in so einem Fall reagieren soll, kann sie sich ebenfalls Beratung bei diesseits holen. Nicolas’ Schule hat das nicht getan, er war nicht der erste Junge, der seinen Vater verlor. Anfänglich habe die Schule den Erlass an die Kinder herausgegeben, Nicolas nicht anzusprechen. Das sei jedoch keine gute Idee und der Erlass wurde wieder zurückgenommen. Schön fanden Mutter und Sohn, dass der Klassenlehrer sehr feinfühlig mit der Situation umging und ein Teelicht für den Vater auf dem Pult brennen ließ und Nicolas im Bedarfsfall tröstend zur Seite stand.
Als die Beerdigung anstand, hatten Nives Sunara und Nicolas auch eigene Vorstellungen. Nicolas wollte einen Fußball mit in den Sarg legen, denn sein Vater war sein Trainer im Verein gewesen und er sollte seinen Lieblingsball bei sich haben, mit dem die beiden immer im Garten kickten. Als die Mutter den Ball fein säuberlich abwusch, wurde der Sohn richtig wütend. Natürlich musste der Ball wieder in den dreckigen Originalzustand versetzt werden.
Auf dem Friedhof erschienen sehr viele Menschen, die Zeremonie durchzustehen fiel Sunara sehr schwer, sie verabschiedete sich, bevor alle kondoliert hatten. Aufgefallen ist ihr, dass nur drei Kinder vor Ort waren. Das fand sie sehr schade für Nicolas. Sie und auch Trauerbegleiterin Maria Pirch bekräftigen, dass kein Kind zu jung sei, um an so einer Zeremonie teilzunehmen, der Tod gehöre nun einmal zum Leben dazu.

Neue Orte und Rituale finden

Während für Nicolas die Gruppenteilnahme vorbei ist, lässt sich Nives Sunara weiterhin begleiten. Sie hat inzwischen ihre Selbstständigkeit aufgegeben und soeben eine feste Anstellung angenommen. In ihr Leben als Alleinerziehende findet sie sich langsam ein. Sie und ihr Sohn tasten sich vor und ergründen, was ihnen guttut und was nicht. „Gewisse Orte sind verbrannt“, sagt sie. Sie dürfe ihren Sohn nicht mehr an der Stelle aus dem Auto lassen, wo ihr Mann es das letzte Mal tat, denn das löse bei Nicolas starke Verlust-ängste aus. Auch Urlaubsorte, die gemeinsam besucht wurden, gingen gar nicht mehr. Fahrradtouren mit Picknick am Friedhof haben sich auch als kontraproduktiv erwiesen, kurze Besuche am Grab seien jedoch gut.
An Wochenenden unternehmen die beiden nun viel und verabreden sich, um nicht in ein Loch zu fallen. Zudem haben sie neue Orte erkundet, die sie besuchen können. Letzten Sommer haben sie trotz anfänglicher Bedenken einen gemeinsamen dreiwöchigen Sommerurlaub verbracht. Zuerst habe sie befürchtet, nur weinen zu müssen. Das sei jedoch nicht der Fall gewesen. Außer in kurzen Momenten der Traurigkeit, erzählt Nives Sunara, habe sie sich im Urlaub wieder auf ihre Stärke besinnen können. Das sei der Wendepunkt gewesen.

Im letzten Jahr haben Mutter und Sohn schon viel erreicht auf dem Weg in ein neues Leben, das sie nun unweigerlich zu zweit meistern müssen. Sie halten die Erinnerung an den Verstorbenen wach, finden für sich aber auch neue Orte und Rituale, mit denen sie sich wohlfühlen können. Verzweiflung und Stärke liegen manchmal nahe beieinander.

Wer in eine ähnliche Situation kommt, kann sich Unterstützung holen bei:
diesseits
Maria Pirch, Pfarre Franziska von Aachen
Pfarrhaus Hl. Kreuz, Pontstraße 148,
52062 Aachen
0176 20614530, pirch@franziska-aachen.de
diesseits-aachen.de

Kindergruppen starten regelmäßig (von 6 bis 12 Jahren).
Jugendliche und Erwachsene können sich individuell beraten lassen.

Buchtipp von Nives Sunara:

In den ersten Monaten nach dem Tod meines Mannes habe ich viele Trauerbücher von Betroffenen gelesen, die ebenfalls einen Partner verloren hatten. Das hat mir gutgetan, da ich somit meine eigenen Gefühle und Gedanken besser einordnen konnte. Ich habe das als eine Art Rückversicherung für mich empfunden, dass es anscheinend völlig normal ist, in dieser Phase der Trauer so fühlen und zu denken, vor allem aber gab es in all diesen Büchern das leise Versprechen: Es wird besser und erträglicher mit der Zeit! Ganz besonders geholfen hat mir das Buch von Sheryl Sandberg und Adam Grant, da es zum einen ein Erfahrungsbericht von Sheryl Sandberg ist, die ihren Mann auch ganz plötzlich verloren hat und mit zwei kleinen Kindern zurückgeblieben ist, und gleichzeitig viele Studien anführt, die sich damit befassen, welche Auswirkungen Schicksalsschläge (u. a. Tod, Trennung, grausame Kindheit, Arbeitsverlust) auf Menschen haben können bzw. wie es gelingen kann, gestärkt daraus hervorzugehen und letztlich wieder Lebensfreude zu empfinden.

Sheryl Sandberg/Adam Grant: Option B – Wie wir durch Resilienz Schicksalsschläge überwinden und Freude am Leben finden. Ullstein, Berlin 2017

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