Ein Fischbrötchen oder – besser – ein „Backfisch-Baguette“ haben wir uns früher in der Adalbertstraße geholt, wenn wir in der Stadt unterwegs waren. „Wir“, das waren meine Söhne und ich. Später, als sie größer waren, haben sie schon mal zwei verdrückt und manchmal hab ich auch ein Matjesbrötchen gewählt, schön matschig-säuerlich und mit Zwiebel. Der Besuch bei der „Nordsee“ war irgendwie Tradition. Ich kannte das schon aus Zeiten, als ich selber noch jugendlich und mit meiner Mutter zu einem der seltenen Besuche aus Jülich in der Aachener Fußgängerzone war. Ab und zu kehrten wir auch ein, dann zu einer Fischsuppe. Mit Oma und meinen Kindern auch manchmal zu Fisch mit Kartoffeln. Und aufs Klo gehen konnte man bei der Nordsee auch – immer gut zu wissen.
Damit ist es in Aachen jetzt vorbei. Anfang 2024 hat die Aachener Nordsee-Filiale die Segel gestrichen. Das sehe ich mit einer gewissen Wehmut. Das Ladenlokal fügt sich nun in eine Kette vieler Leerstände in der Adalbertstraße ein, wer will es den Geschäftsführern verdenken? Nach 75 Jahren sei der Mietvertrag ausgelaufen, und da die Geschäftsergebnisse nicht mehr den Erwartungen entsprachen, trennte man sich von der Filiale.
Nicht die einzige Institution, die man in Zukunft vermissen wird. Weltladen und das Secondhandgeschäft Fraulü sind Geschichte, Miranda Zuiderduin hat sich von ihrer Modeboutique getrennt. Unsere Leserinnen und Leser reagierten schockiert auf das Ende des Geburtshauses nach 26 Jahren Bestehen zum Ende des Jahres (Hebammenmangel, wir haben berichtet), Florian Schüring gibt seinen Vintageladen Cocoon auf und aus der Dauerbaustelle Jakobstraße verschwinden die Läden Lana und Miila. Es werden weitere folgen.
Krise folgt auf Krise, Baustelle auf Baustelle und das Innenstadtkonzept der Stadt Aachen verfängt bislang nicht so recht. „Ladenliebe“ wird getitelt, so richtig helfen und halten kann man den Einzelhandel anscheinend nicht.
Unmut und Unzufriedenheit der Menschen bleiben nicht folgenlos. (Gefühlt) wöchentlich gehen Menschen auf die Straße und/oder legen ihre Arbeit nieder, es gibt Demos und Streiks.
Aktuelle Schließungen in Aachen
Fraulü, kurz vor der Jakobstraße am Markt, nach 1,5 Jahren geschlossen seit Ende September 2023: „Steigende Personal- und Sachkosten konnten nicht aus Rücklagen kompensiert werden.“
Weltladen, Jakobstraße: Geschlossen nach 43 Jahren im November 2023, will ggf. als Genossenschaft 2024 wiederkommen.
Zuiderduin, Annastraße: Nach zwölf Jahren hat Miranda Zuiderduin ihre entzückende Modeboutique Ende 2023 geschlossen. Miranda: „Der Laden sollte verkleinert werden und mehr kosten – das ging nicht mehr.“
Hier kann man noch schnell vorbeischauen
Der Lana Outletshop in der Jakobstraße mit organic und fairer Mode für Kinder und Erwachsene schließt Ende Februar 2024 nach vielen Verzögerungen der Baustelle vor der Türe. Der Räumungs-/Lagerverkauf läuft bis Mitte/Ende Februar (Di-Fr 10:00-18:00 und Sa 10:00-16:00 Uhr) in der Weststraße 38.
Miila, der hübsche baby & kids concept store schließt nach sechs Jahren voraussichtlich Ende März 2024. Nach längerem Hin und Her und vielen Versuchen trotz Baustelle zu bestehen, hat Inhaberin Corinna Faber die Reißleine gezogen.
Cocoon am Karlsgraben: Florian Schüring schließt seinen Vintageladen aufgrund der angekündigten Baustelle am Theater Ende April 2024. Im März feiert er zehnjähriges Bestehen.

Seit 20 Jahren kenne ich den inhabergeführten Einzelhandel in Aachen ganz gut. Die Gründe für den Niedergang sind zahlreich: Verändertes Konsumverhalten (Amazon und alle Onlinehändler), zu hohe Pachten, Generationswechsel erzeugt Nachfolgeprobleme, fehlendes Stadtmarketing mit einem Masterplan (siehe Maastricht), städtisches Baustellenmanagement, eine autovermeidende Verkehrspolitik in einer alternden Gesellschaft und wenig Lobby für den kleinen Einzelhandel. Die gesellschaftliche Unsicherheit erzeugt zusätzlich eine Kaufzurückhaltung mangels positiver Perspektive, aber Robert Habeck verschuldet da maximal Letzteres, da würde ich eher die Spackos der ekelhAFDen nennen, die die schlechte Stimmung mitverantworten.