Proper Strand Lopers: Einsatz für weniger Müll an der belgischen Küste

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Verpackungen, Plastik und Müll allerorts. Gerade erst geisterte eine neue Schreckenszahl durch die Medien: Die Deutschen sind mit satten 220 Kilo pro Person und Jahr traurige Europa-Spitzenreiter beim Produzieren von Verpackungsmüll. Ein zufälliges Erlebnis in Ostende war da Wasser auf meine Mühlen, die ich Verpackungen mehr und mehr ablehne. Ich stieß auf die Aktion „De Strand Helden“ der Proper Strand Lopers, die sich für einen sauberen Strand einsetzen, und schloss mich kurz entschlossen für einen Abend ihrem Arbeitseinsatz an. Seitdem weiß ich, was Menschen an einem Tag an Müll produzieren können und wie schamlos ihn einige Erdenbürger dann nach dem Motto „und nach mir die Sintflut“ liegen lassen. Zum Glück gab es auch ein paar kleine Hoffnungsschimmer.

Ein Montagabend im August. In Ostende, wohin sich auch die Aachener gerne absetzen, herrscht seit Wochen bestes Strandwetter, die Unterkünfte sind ausgebucht, am Strand wimmelt es noch von Touristen, später soll es ein Feuerwerk vor dem Casino geben. An vollen Stränden halte ich mich in der Regel nicht auf, wandere lieber einsame Abschnitte jenseits des Trubels entlang. Etwa um 21 Uhr passiere ich an diesem Tag jedoch den Zugang zum Westelijke Strekdam, dem großen Steindamm, der ins Meer ragt. Plötzlich wird mein Blick magisch von einer Gruppe von etwa 15 Menschen angezogen, die gerade Müll und Plastikflaschen aus Säcken schütten und sortieren. Mein Interesse ist geweckt. Müll? An den Stränden um Ostende? Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir erst kürzlich im Büro geführt haben. Es ging um das Plastik in den Meeren. Wir fragten uns, wo man es zu Gesicht bekommt und wieso wir es noch nicht gesehen haben. Gibt es auch um Ostende ein Müllproblem?
Gerade will ich mich in die Infotafel vertiefen und mich über die Proper Strand Lopers und „De Strand Helden“ kundig machen, da tritt flugs ein junger Mann auf mich zu und erklärt mir umgehend das Projekt.
Die Proper Strand Lopers haben sich über Facebook organisiert. Von 4.000 Fans sind rund 10 % aktive Freiwillige, die sich für einen sauberen Strand einsetzen. In diesem Sommer wollen sie mit „De Strand Helden“ ein Zeichen setzen und laden Interessierte ein, mit ihnen täglich eine Stunde lang Müll zu sammeln.
Normalerweise wird der Touristenstrand in der Nacht oder am frühen Morgen von der Stadt Ostende maschinell gereinigt. In der Zwischenzeit kann der Müll ins Meer gelangen. Die Gruppe möchte dem zuvorkommen und hat mit der Stadt ausgehandelt, jeden Abend von 20 bis 21 Uhr das von Touristen meistfrequentierte Strandstück zwischen Damm und Casino zu reinigen und zu dokumentieren, was an Müll anfällt. Kunststoffflaschen und Getränkedosen werden getrennt gesammelt. Für jede erhalten die Proper Strand Lopers von der Stadt eine Spende von 25 Cent, um ihre Arbeit zu unterstützen. Die Gruppe setzt sich damit auch für die Einführung eines Pfandsystems ein, das es in Belgien noch nicht gibt. Sie erhoffen sich dadurch eine drastische Reduzierung des Müllaufkommens an den Küsten.
Aäron Fabrice de Kisangani (20) wohnt in der Gegend und hat sich die Rettung des Meeres und der Umwelt auf die Fahnen geschrieben. Seit 12 Jahren sei er bereits aktiv, berichtet er. Er beobachtet und dokumentiert, engagiert sich und beteiligt sich an edukativen Projekten. In den letzten Jahren sei die Vermüllung der Strände immer schlimmer geworden, so seine Beobachtung.
Für heute ist die Aktion zu Ende, die Arbeitsgeräte werden aufgeräumt, dann zerstreut sich die Gruppe.
Das Gesehene lässt mich nicht los. Am darauffolgenden Tag möchte ich genauer wissen, wie es nun nach einem sonnigen Tag am Touristenstrand aussieht.

Aäron Fabrice de Kisangani (20), dritter von links, engagiert sich seit seinem achten Lebensjahr für das Meer und MüllvermeidungDIY: Hinter Touristen herräumen

Um Punkt 20 Uhr treffen wir an der Sammelstelle ein. Kevin Pierloot, einer der Organisatoren, ist mit seiner Familie mit von der Partie. Er gibt eine kurze Einweisung. Jeder bekommt Säcke, die man befüllen kann, und Eimer, zudem eine Greifstange zum Aufheben des Mülls und dicke Handschuhe. Zuerst möchte ich auf die Handschuhe verzichten, denn ich arbeite, wo es geht, lieber ohne, nehme mir aber doch welche – zum Glück, wie sich später noch zeigen wird.


Wir sollen uns nur auf dem Stück bis zum Casino bewegen und um 21 Uhr wieder da sein.
Die Gruppe von heute ca. 15 Personen schwärmt aus. Ich verliere sie sofort aus den Augen, denn schon erblicke ich neben dem Wege Zigarettenkippen. Nicht eine, nicht zwei – alle 35 Zentimeter bücke ich mich und hebe eine auf. Moment, so geht das nicht. Wir müssen einen Plan haben. Zu zweit beschließen wir, uns direkt am Meer entlang bis zum Casino durchzukämpfen und dann in der Mitte des Strandes zurückzugehen.
Es ist gar nicht so leicht, bis zur Wasserkante zu kommen. Überall Flaschen, Dosen, Kleinteile, Beutel, und seltsame weiße Lappen. Als ich einen blutverschmierten Lappen aufhebe, schwant mir langsam, dass die Idee mit den Handschuhen eine gute war. Wir stürzen hierhin und dorthin. Dort eine Plastikflasche, da eine Dose, dort gleich sieben auf einen Streich – man ist schon verleitet, nur noch den „Premiummüll“ zu beachten, für den die Gruppe 25 Cent bekommt.
Hatte ich am Anfang noch Angst, wie man beäugt werden würde, bin ich nun überrascht, dass mehrere Menschen animiert werden, eigenen Müll in unsere Beutel und Eimer zu stopfen oder einfach kurz vorbeikommen, um sich zu bedanken. Gerade Kinder beobachten uns sehr neugierig – ein kleiner Junge folgt uns ein großes Stück, sammelt selber mit und kommt immer wieder mit neuem Abfall angelaufen (ein kleiner Hoffnungsschimmer).
Zuerst hatte ich vor, bei der Tour Fotos zu machen. Schnell sehe ich davon ab. Mit den versifften Handschuhen kann ich die Kamera nicht anfassen. An Aus- und Anziehen ist auch nicht mehr zu denken.

Windeln und Feuchttücher

An der Wasserkante komme ich ein paarmal an meine Ekelgrenze. Ich finde auf meinem Stück locker sieben gut gefüllte, pitschnasse Windeln, neben einer schwimmen Bröckchen. Hier frage ich mich noch intensiver als sowieso schon die ganze Zeit, was in den Menschen vorgeht. Was in den Eltern vorgeht, die diese Windeln einfach am Strand zurückgelassen haben. Was mutet man seinen Mitmenschen am Strand und der Umwelt zu? Hat man keine Vorbildfunktion seinen Kindern gegenüber? Denken die Eltern, die Kinder seien noch so klein, dass man noch kein Vorbild sein muss? Werden sie es später sein? Und wozu tragen Kinder Schwimmwindeln? Ist ein bisschen Pippi im Wasser nicht weniger schlimm, als nachher die Schwimmwindel ins Meer zu werfen? Und wenn die Kinder so klein sind, dass mit mehr in der Windel zu rechnen ist, dann nimmt man doch etwas mit, worin man die Windel zum Müll transportieren kann. Oder man bringt sie zu einem der – durchaus vorhandenen – MÜLLEIMER, wie sie auch auf dem Strand stehen.
Mein Gefühl des Befremdetseins hört nicht auf. Ich sehe Großfamilien zusammenhocken in einem Kreis von Abfall, den sie im Laufe des Tages bei diversen Picknicks um sich angehäuft haben.
Wir sammeln und sammeln. Ich bücke mich nicht mehr nach Zigarettenkippen, es sind zu viele. Mein Eimer ist fast voll und wir sind noch auf dem Hinweg. Er ist schwer, ich fange an, die Abfälle zusammenzuquetschen. Und immer diese Tücher … Da wird mir schlagartig klar, um was es sich handelt. Da ich so ein Produkt noch nie benutzt habe, bin ich schlichtweg nicht drauf gekommen: Feuchttücher! Der Strand ist übersät davon! Sie können es in ihrer Häufigkeit mit den Zigarettenkippen aufnehmen.


Kaum habe ich diese Erkenntnis gewonnen, treffen wir auf Kevin Pierloot. Er fragt, ob wir schon die Feuchttücher entdeckt hätten, und erklärt, dass es sich um ein großes Problem handele, denn sie lösen sich keineswegs auf, wie viele Menschen fälschlicherweise annehmen, sondern bestehen aus Trägermaterialen wie Vliesstoffen aus synthetischen Polymeren (z. B. Polyester) und Chemikalien. Im Grunde also Massen an Kunststoff, einfach in die Gegend geworfen. Dabei würde es reichen, einen nassen Waschlappen in einem Beutel mitzunehmen – oder die Hände waschen zu gehen.
Wir machen uns auf den Rückweg. Unsere Behältnisse sind voll, wir quetschen noch einiges dazu. Aäron Fabrice de Kisangani kommt uns entgegen und begrüßt uns mit High five. Er freut sich, uns für die Aktion gewonnen zu haben.
Er wolle noch ein bisschen am Strand bleiben und die Großfamilien im Blick behalten, von denen er annehme, dass sie gleich ohne ihren Müll aufbrechen werden, um sie ein bisschen aufzuklären.
Wir kommen ins Lager. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Der Müllberg wächst stetig. Da liegt ein Teppich, dort ein Zelt. Tolle Idee, am Strand auf einem Teppich zu picknicken. Aber muss man diesen samt Müll dann einfach liegen lassen? Nur wenige Teile lassen einen denken, dass sie verloren wurden, hier mal ein Schuh, dort ein Sandförmchen, dort ein kaputter Drache, hoffentlich weggeflogen und nicht achtlos zurückgelassen. Anne van den Bilcke, eine der Freiwilligen, biegt um die Ecke. Die Betreiberin eines Haarsalons in Ostende, die sich jeden Tag nach Feierabend an der Strandreinigung beteiligt, sieht aus wie eine Dame auf Reisen. Sie ist voll bepackt, zieht noch einen Koffer hinter sich her, den sie am Strand aufgesammelt hat – vielleicht gestohlen am Bahnhof und dann hier entsorgt? Jedenfalls einfach am Strand zurückgelassen.
Aäron erzählt von seinen Ideen: Man müsse Verbotsschilder aufstellen und Strafen kassieren für wilden Müll, meint er. Und immer beim Nachwuchs ansetzen, denn Kinder sind begeisterungsfähig. Und wer einmal gelernt hat, dass es Müll zu vermeiden und die Umwelt zu schützen gilt, wird dies hoffentlich auch beibehalten.

Nachdenklich gehe ich zum Hotel zurück. Dort stehen acht kleine Plastikwasserflaschen, die ich in drei Tagen leergetrunken habe. Ich beschließe, sie zur Sammelstelle der Gruppe zu bringen, sodass sie wenigstens das Geld der Gemeinde dafür bekommen. Und zurück in Aachen werde ich mir endlich eine Wasserflasche kaufen, wie ich es eigentlich schon lange vorhatte.

Interessante Links:

www.properstrandlopers.be

Dosenpfand bald auch in Belgien?
https://brf.be/national/1156156

Mülldossier der Süddeutschen
Zum Beispiel Streitgespräch zum Thema „Deutschland ist ein Wegwerfland“
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/das-grosse-muell-dossier-deutschland-ein-wegwerfland-1.3497655
Müllmythen
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/recycling-die-groessten-muell-mythen-des-alltags-1.3490012-3

ZDF: Der Wahnsinn mit dem Pfandsystem
https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-der-wahnsinn-mit-dem-pfandsystem-100.html

Irreführung: Bambusgeschirr großenteils aus Kunststoff
http://www.cvuas.de/pub/beitrag.asp?ID=2609&subid=1&Thema_ID=3&lang=DE

Deutschlandfunk zum Thema feuchtes Toilettenpapier
https://www.deutschlandfunk.de/klaeranlagen-das-dilemma-mit-feuchtem-toilettenpapier.697.de.html?dram:article_id=409089

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