Nach zwei Jahren Corona und den entsprechenden Maßnahmen sind die Ressourcen bei Familien erschöpft, Kinder und Jugendliche leiden unter Ängsten, Depressionen, Essstörungen, in Deutschland wurden zudem vermehrte Suizidversuche verzeichnet.
Wir haben mit Dr. med. Susanne Gilsbach gesprochen, Oberärztin Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik RWTH Aachen.
Im Frühjahr 2021 fühlten sich nach einem Jahr Corona vier von fünf Kindern laut Studienergebnissen (COPSY) aus Hamburg belastet. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF spricht in seinem neuen „Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2021“ davon, dass sich 24 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland deprimiert fühlen.
Was beobachten Sie nach zwei Jahren Corona in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Wir beobachten nach wie vor eine hohe Belastung der Kinder und Jugendlichen durch die pandemiebedingten Einschränkungen. Viele Familien haben erschöpfte Ressourcen, die Kinder und Jugendlichen leiden vermehrt unter Ängsten und Depressionen. Auch sogenannte expansive Störungen scheinen zu mehr Belastungen zu führen. Das sind unter anderem Kinder und Jugendliche, die Probleme in der Regeleinhaltung haben und schnell wütend werden. Diese Probleme sind unter den Pandemiebedingungen nochmal deutlicher geworden.
2021 wiesen Sie darauf hin, dass gerade Essstörungen unter jungen Menschen massiv ansteigen. Wie hat sich diese Problematik entwickelt?
Die Tendenz ist geblieben. Die Zahl an Mädchen, aber auch Jungen mit einer Anorexia nervosa ist weiterhin deutlich höher als während der letzten Jahre. Dies ist uns auch aus ähnlichen Versorgungseinrichtungen in verschiedenen europäischen Ländern und auch aus Australien bekannt. Das Phänomen betrifft also nicht nur unsere Klinik oder Deutschland, sondern die Zahlen sind in der westlichen Welt insgesamt hochgegangen.
Kompensieren die Jugendlichen damit den Kontrollverlust, den sie erleben?
Heute denkt man bei der Magersucht eher an neurobiologische Faktoren, also an biologische Voraussetzungen für eine Erkrankung, als an psychologische.
Der Kreislauf, den wir jetzt in der Pandemie sehen, ist wie folgt: Die Jugendlichen verlieren ihre Kompensationsmöglichkeiten durch Sport, zudem herrscht ein stark körperbezogener Medienkonsum und eine Orientierung an Influencern auf z. B. Instagram. Dann fangen die Jugendlichen an, weniger zu essen, und hungern. Wenn der Hungerkreislauf erst einmal im Gang ist, ist er nicht mehr gut zu unterbrechen und die Jugendlichen kommen zu uns.
Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 46.000 junge Menschen zwischen zehn und 19 Jahren das Leben. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen ist Suizid in Deutschland nach Unfällen und Transportmittelunfällen die dritthäufigste Todesursache. Während in zwei Jahren Pandemie 47 Kinder und Jugendliche bis 20 an und mit Covid-19 starben, gab es alleine 2020 180 Suizide in dieser Altersgruppe.
Eine Studie des Universitätsklinikums Essen, die die Daten aus 27 deutschen Kinder-Intensivstationen umfasst, ergab eine Steigerung um 400 Prozent bei den Suizidversuchen von Kindern und Jugendlichen für die Zeit des Lockdowns im Frühjahr 2021. Erkennen Sie in Aachen ähnliche Tendenzen?
Wir hatten glücklicherweise schon sehr lange keinen vollendeten Suizid mehr unter unseren Patientinnen und Patienten und haben auch keine so drastische Zunahme von Suizidversuchen beobachten können.
Ich kenne die Zahlen aus den Studien, hier haben wir zum Glück nichts dergleichen beobachtet.
UNICEF spricht davon, dass Kinder und Jugendliche die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden noch viele Jahre lang spüren werden. Regierungen würden zu wenig in die psychische Gesundheit der jungen Generation investieren. Weniger als zwei Prozent des Budgets aus den Gesundheitskosten werden hierfür verwendet. Auch dem Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und dem späteren Lebensverlauf wird laut UNICEF nicht genügend Bedeutung beigemessen.
Gibt es in Deutschland im ambulanten und stationären Bereich genug Hilfsangebote?
Hier kenne ich keine Zahlen, kann aber meine subjektive Wahrnehmung schildern. In meinen Augen sind beispielsweise die Jugendämter schlecht finanziert. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet mit den Jugendämtern zusammen. Unser Sozialdienst empfiehlt beispielsweise eine sozialpädagogische Familienhilfe, die mit den Eltern arbeitet und Erziehungsbeistandschaften, die mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten und die Familien entlasten. Die Jugendämter würden gerne mehr kooperieren, es fehlt aber nicht selten an Kapazitäten. Das Gleiche sehen wir in Wohngruppen. Auch dort fehlt es an Personal. An den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtungen liegt es nicht. Sie sind sehr patent, aber die Einrichtungen sind unterbesetzt. Von diesem subjektiven Standpunkt aus würde ich sagen, es muss mehr Geld in Kinder und Jugendliche und ihre mentale bzw. psychosoziale Gesundheit investiert werden – unabhängig von Corona.
Eine Rüge des Europarates hat sich Deutschland für die Behandlung der Kinder eingefangen. Dunja Mijatović, Menschenrechtskommissarin, bemängelte Mitte Juli 2021 Deutschlands Umgang mit Kinderrechten und seinen im europäischen Vergleich besonders rigorosen Umgang mit seinen Schulen, die „besonders strikten Lockdowns“ ausgesetzt worden seien. Sie mahnte die Bundesregierung, die WHO-Empfehlungen zu beachten, die besagen, dass offene Schulen „Kernziel der Regierungen sein sollten“ und Schulschließungen nur das „allerletzte Mittel“ angesichts ihrer schädlichen Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Bildung der Kinder seien.
Welche Rolle spielen Einrichtungen wie Schulen, aber auch Freizeiteinrichtungen für die Gesundheit?
Schulen und Freizeiteinrichtungen bieten Struktur und Förderungsmöglichkeiten. Wenn diese wegfallen, leiden insbesondere Kinder und Jugendliche, die sozial und finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Auch der soziale Austausch ist extrem wichtig für das Wohlbefinden. Strukturell gesehen ist es wichtig, dass die Einrichtungen geöffnet bleiben.
Laut den vorgenannten Studien leiden viele junge Menschen unter Angstgefühlen, sind wütend und schauen voller Sorgen in ihre Zukunft. Sie sprachen schon 2021 davon, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Ängste entwickeln, überhaupt noch in die Schule zu gehen.
Gerade haben Schülersprecherinnen und Schülersprecher eine Petition gestartet, Schulen sicherer zu machen oder die Präsenzpflicht aufzuheben. Hat man das Vertrauen der jungen Menschen in die Institutionen nachhaltig geschädigt? Was braucht es, um jungen Menschen nach zwei Jahren Pandemiegeschehen wieder ein Gefühl der Sicherheit zu geben?
Das ist eine schwere Frage, die ich nicht ohne Weiteres beantworten kann. Ursprünglich haben sehr viele Kinder und Jugendliche unter den Schulschließungen gelitten. Aktuell besteht große Sorge bei den Schülerinnen und Schülern in Bezug auf den Präsenzunterricht. Prinzipiell sind offene Schulen besser als geschlossene, aber ich kann auch die Angst der Kinder und Jugendlichen verstehen, nicht gut vor Corona geschützt zu sein. Insgesamt gilt das, was für das ganze Land gilt: dass die Pandemie so schnell wie möglich zu Ende gehen sollte. Und dass eine hohe Impfquote das beste Mittel ist, das wir haben.
Hat man den jungen Menschen zu viel Angst gemacht?
Auch hier kann ich nur subjektiv antworten: Die Patientinnen und Patienten, die ich sehe, wirken eher nicht, als habe man ihnen viel Angst gemacht. Sie gehen überraschend kompetent mit der Situation um und schätzen sowohl die Belastungen durch die Restriktionen, aber auch durch eine Infektion mit Covid-19 realistisch ein.
Wir sehen eigentlich viele patente Jugendliche. Sie haben sich impfen lassen, gehen tapfer zur Schule, sind aber auch differenziert und kritisch. Einige sind da kompetenter als die Erwachsenen. Die wissenschaftliche Studienlage weist aber natürlich auf mehr Ängste bei Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Pandemie hin. Dies umfasst aber Ängste generell, nicht speziell Ängste vor einer Erkrankung mit Covid-19.
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