Der Tod kommt immer ungebeten. Und manchmal kommt er früh und hinterlässt junge Partner und Kinder. Wie kann den Kindern geholfen werden? Welche Angebote gibt es für die hinterbliebenen Partner, mit der Trauer fertig zu werden? Wir haben mit Joana gesprochen. Ihre Kinder waren drei und fünf Jahre alt, als sich ihr Partner das Leben nahm.
Es kam für alle überraschend und niemand hatte damit gerechnet. Ihr Mann sei eine „totale Frohnatur“ gewesen, sagt Joana. Gerade noch hätten sie „den Sommer ihres Lebens“ verbracht, dann sollte ein neuer Lebensabschnitt beginnen, doch daraus entwickelt sich innerhalb von Tagen eine Panik und Depression und Joanas Mann setzt seinem Leben keine zwei Wochen später ein Ende, noch bevor die Familie Hilfe suchen kann. Er hinterlässt Joana und zwei Töchter im Alter von drei und fünf Jahren.
Ein Stück weit habe er seine Frau und Kinder beschützen wollen, sagt Joana, denn ihr Mann war familiär vorbelastet und hatte nun plötzlich Angst bekommen, seine Familie ebenfalls in Mitleidenschaft zu ziehen. Innerlich hatte er viele schlechte Gefühle seit der Kindheit aufgestaut.
Plötzlich stand Joana, die bereits seit Jugendtagen mit ihrem Mann liiert war, mit den Kindern alleine da. Wie sollte es weitergehen?
Hilfe suchen und annehmen
Als großartig beschreibt die junge Frau die Unterstützung aus ihrem Umfeld. Sofort seien Freunde und Verwandte da gewesen, um zu helfen. Zusätzlich suchte sie sich Beistand von Fachleuten und Trauerbegleitern. Einerseits ging es darum zu verstehen, was in ihrem Mann vorgegangen ist, aber sie wollte auch für die Zukunft gewappnet sein und nicht zuletzt auch für die Kinder Antworten haben, wenn diese zum Beispiel fragen: „Kann ich auch so krank werden wie Papa?“ „Nein“, antwortet sie dann entschieden, denn heute gehe man mit Gefühlen anders um. Negative Gefühle und Trauer werden heute rausgelassen und gelebt und nicht unterdrückt wie in früheren Jahrzehnten.
Den Umgang der Kinder mit dem Thema Tod will Joana in jeder Facette zulassen. Die kleine Tochter habe sich selbst geheilt, indem sie alles zu Papier gebracht habe. Sie habe nur noch gemalt und Wirbelstürme gezeichnet. Die größere Tochter entwickelte zunächst körperliche Schmerzen. Unterstützung beim Umgang mit der Trauer der Kinder fand Joana bei Spaziergängen mit einer auf Trauer und Traumata spezialisierten Fachkraft der Familienhilfe und einem Trauerbegleiter. Reittherapie und eine Trauergruppe für die ältere Tochter wurden ebenfalls in Anspruch genommen.
Auch der Kindergarten spielte eine wichtige Rolle. Zunächst war man dort von den Geschehnissen überwältigt, nach dem ersten Schock war das Personal dann sehr bemüht – und auch erfolgreich damit –, Normalität in den neuen Alltag der Kinder einzuführen.
Einige Eltern taten sich anfangs schwer und wollten das Thema am liebsten von den Kindern fernhalten. Doch das geht bekanntlich nicht, und Joana hat viel dazu beigetragen, Ängste und Hemmungen zu nehmen, und dafür gesorgt, dass offen über alles gesprochen werden konnte. Ihr sei wichtig, dass Kinder in solchen Situation nicht auf eine Opferrolle reduziert werden. Besser sei es, offen über den Suizid zu sprechen, als das Erlebte im Hintergrund schwelen zu lassen – und dann auch wieder zu anderen Themen überzugehen, so wie Kinder das eigentlich auch von sich aus machen.
Das Thema Tod wurde später, auch im Zusammenhang mit Allerheiligen, von der Kita noch einmal näher durchleuchtet, sodass es sich für Joanas Töchter und die anderen Kinder „normal“ anfühlte und der Umgang damit nicht mehr so fremd und furchteinflößend wirkte.
Wenn die kleine Tochter wie kurz vor dem Interview fragt: „Wo kann man eigentlich neue Papas kaufen?“, lacht Joana darüber. In der Familie hat der Mann und Papa natürlich seinen festen Platz. Was war sein Lieblingsessen, was hat er gerne gemacht, wo sind kleine Zeichen im Alltag, wo man ihn wiederfindet? Vergessen wäre schlimm, sind sich alle einig.
Sehr geholfen hat der jungen Mutter in ihrem eigenen Trauerprozess die Gruppe für verwitwete Menschen bei diesseits. Das Angebot der Pfarre Franziska von Aachen richtet sich an Menschen im Alter von Ende 20 bis Anfang 40. Im Moment nehmen sechs Frauen dieses Angebot wahr, sie haben Kinder im Kindergarten und Schulalter.
Das Tolle an der Gruppe sei die gegenseitige Stärkung und Bestärkung, erzählt Joana. Jeder Fall sei anders, und doch verbinden die gleichen Gedanken und Gefühle die hinterbliebenen Partner. Außenstehende könnten das nicht im vollen Umfang nachvollziehen. Zunächst gehe es in der Gruppe darum, frisch Trauernden zu helfen und sie zu stärken, aber auch darum, den Alltag zu bewältigen und sich Gutes zu tun.
Die Hilfe der Gruppe kann man so lange in Anspruch nehmen, wie es sich richtig anfühlt. Einmal im Monat treffen sich die Frauen für eineinhalb Stunden, begrüßen sich, zünden Kerzen an und reden. Letztens sei Social Media Thema gewesen. Ab wann kann man wieder ein lachendes Profilbild zeigen?, war einer der Gesprächspunkte.
Trauer kommt in Wellen, sagt Joana. Um – auch für die Kinder – stark sein zu können, muss man alle Gefühle ausleben und zulassen. Dabei kann der Rückhalt der Gruppe helfen.
Adressen:
Familienhilfe InFamilia
Bendelstraße 9, 52062 Aachen
0241 9976810
Reittherapie Tanja Meul
Am Zännloch 24, 52223 Stolberg
02402 9744944
diesseits
Pfarre Franziska von Aachen
Maria Pirch
0176 20614530, pirch@franziska-aachen.de
diesseits-aachen.de
Hier gibt es eigene Trauergruppen für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, jung Verwitwete und Erwachsene.
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