Es liegt auf der Hand: Bei einer im Schnellverfahren eingeführten Impfung müssen eventuelle Nebenwirkungen sorgsam überwacht werden. Das dachte sich auch Andreas Schöfbeck, damals Chef der Krankenkasse BKK ProVita, als er die Daten von 11 Millionen Versicherten analysieren ließ. Anfang 2022 wies er in einem öffentlichen Brandbrief auf das Ausmaß von Verdachtsfällen bei seinen Versicherten hin. Er machte deutlich: Es sei von 2,5 bis 3 Millionen Betroffenen in ganz Deutschland auszugehen. Schöfbeck wurde wenige Tage darauf entlassen, das Thema auf Eis gelegt. Gegenüber Multipolar hat er sich nun erstmals öffentlich zur Sache geäußert.
Stutzig wurde Schöfbeck, als Mitarbeiter ihm Berichte von schweren Nebenwirkungen bei Versicherten vorlegten. Auch eine Mitarbeiterin in Elternzeit sowie eine Cousine des Krankenkassenchefs waren schwer erkrankt. Naheliegend war also die Idee, die Daten der 70 Betriebskrankenkassen mit fast 11 Millionen Versicherten auszuwerten. Dafür wurde Datenanalyst Tom Lausen ins Boot geholt, der die Daten anonymisiert auswertete.
Das Ergebnis zeigte, dass vier bis fünf Prozent aller Geimpften in ärztlicher Behandlung wegen Nebenwirkungen der Corona-Impfung waren. Auf Deutschland hochgerechnet war von 2,5 bis 3 Millionen Menschen auszugehen. Natürlich konnten unter den Fällen „Bagatellen“ wie gerötete Einstichstellen, Schmerzen und ein bisschen Fieber sein, jedoch ebenso schwerwiegende Fälle. Dass diese Zahlen öffentlich gemacht werden müssen, um eine Untersuchung anzustreben, war ihm schon aufgrund der schieren Anzahl klar.
Seitens des Vorstandsvorsitzenden des BKK-Dachverbandes waren die Zahlen über Mitarbeiter im Controlling überprüft und als seriös erachtet worden. Aufgrund der Brisanz des Themas wollte der Vorstandsvorsitzende die Daten jedoch nur anonym an die Presse durchspielen. Andreas Schöfbeck hielt das für keine gute Idee, schließlich müsse die Studie erläutert werden. Ausgewertet worden war der neue Code U12.9 – also „Unerwünschte Nebenwirkungen bei der Anwendung von COVID-19-Impfstoffen“, der am 1. April 2021 eingeführt wurde. Nebenwirkungen aufgrund anderer Impfungen wurden nicht in die Studie eingebracht. Auch wurden Patienten nicht etwa doppelt gezählt, wie ein Vorwurf lauten könnte. Schöfbeck ging davon aus, dies vielleicht erläutern zu müssen. „Wir hatten vor den Corona-Impfungen nie im vergleichbaren Umfang Nebenwirkungen bzw. Verdachtsfälle“, so der ehemalige Krankenkassenchef.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paul-Ehrlich-Institut 250.000 Verdachtsmeldungen erfasst, was in etwa einem Zehntel der Menge entspricht, die die Krankenkassendatenauswertung ergab. Nicht verwunderlich, findet Schöfbeck, schließlich kostet eine Meldung einen Arzt dreißig bis fünfundvierzig Minuten Zeit – unvergütet. Außerdem merkt er an, es sei schwierig gewesen, die Impfungen infrage zu stellen. Schließlich seien sie als „wirksam und sicher“ verkauft worden.
Andreas Schöfbeck entschied, einen Brandbrief zu verfassen und im Februar 2022 an das PEI, an den GKV-Spitzenverband, den BKK-Dachverband, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die STIKO zu schicken. Eine Rückmeldung erhielt er nur vom PEI und auch erst, nachdem die Welt berichtet hatte. Tagesschau und Bundesregierung wiegelten ab und rückten die Untersuchung in die Ecke „Schwurbelei“, anstatt auf einer neutralen Analyse zu bestehen.
Das Paul-Ehrlich-Institut zeigte jedoch Interesse an den Daten. Am 1. März 2022 um 16:00 Uhr sollten Andreas Schöfbeck sowie Tom Lausen mit PEI-Präsident Klaus Cichutek über die Untersuchung sprechen. Dazu ist es nicht gekommen. Am Vormittag des gleichen Tages wurde Kassenchef Andreas Schöfbeck nach 21-jähriger Vorstandstätigkeit bei der BKK ProVita entlassen. Tom Lausen wurde kurz zugeschaltet, jedoch wurde ihm der Ton abgedreht. Das Thema wurde auf Eis gelegt.
Bis heute sind die Daten der Krankenkassen in Deutschland nicht untersucht worden. Eine Forsa-Umfrage von 2024 kommt zu ähnlichen Zahlen wie die BKK ProVita.
Nach der Veröffentlichung des Brandbriefes bei der Welt hat Schöfbeck nach eigenen Angaben innerhalb kürzester Zeit um die 1.500 Mails und viele Anrufe erhalten, in denen ihm Menschen dramatische Vorfälle nach der Impfung schilderten. Darunter waren auch Ärzte, Physiotherapeuten, Hebammen.
Andreas Schöfbeck hat gegen seine Kündigung geklagt. Heute lebt er den größten Teil der Zeit im Ausland. Das ganze Multipolar-Interview ist hier zu finden.
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