Bitte leise singen – die zweite: Über Kinderrechte, Zugang zu Bildung und die Impfempfehlung für Jugendliche

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben, Gesundheit

Vor einem Jahr titelte ich im Editorial der Herbstausgabe KingKalli: „Bitte leise singen“. Die Martinszüge in Aachen waren erlaubt worden, es gab viele Regeln, zum Beispiel, wie man zu singen habe – eben leise. Später wurden die meisten Umzüge doch wieder abgesagt. Kinder hatten im Sommer 2020 Regenbogen gemalt, darauf die Worte „Alles wird gut“. Heute fragt man sich, ob sich jüngere Kinder überhaupt noch an eine Zeit erinnern, in der „alles gut“ war – und sie zum Beispiel im Kindergarten singen durften. Die Klasse habe ihm „Happy Birthday“ gesprochen, erzählt ein Junge, dritte Klasse. Als er doch leise zu singen anfängt, schaut er erschrocken in die Runde.

Eine Rüge hat sich Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) für die Behandlung der Kinder in der Bundesrepublik eingefangen. Dunja Mijatović, Menschenrechtskommissarin des Europarates, bemängelte Mitte Juli Deutschlands Umgang mit Kinderrechten und seinen im europäischen Vergleich besonders rigorosen Umgang mit seinen Schulen, die „besonders strikten Lockdowns“ ausgesetzt worden seien. Sie mahnte die Bundesregierung, die WHO-Empfehlungen zu beachten, die besagen, dass offene Schulen „Kernziel der Regierungen sein sollten“ und Schulschließungen nur das „allerletzte Mittel“ angesichts ihrer schädlichen Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Bildung der Kinder seien.

(siehe auch: kingkalli.de/kinderrechte-und-schulschliessungen-europarat-menschenrechtskommissarin-ermahnt-bundesregierung)

Wie es weitergehen kann

In Aachen denkt man darüber nach, den Platz vor dem Depot Talstraße „Platz der Kinderrechte“ zu nennen. Wenn es schon so schlecht gelaufen ist, kann man ja wenigstens einen Platz so benennen, „den man anfassen, begehen und besuchen kann“ (Zitat Pressemitteilung der SDP-Fraktion). Nun denn.

Eineinhalb Jahre nachdem die Pandemie ausgerufen wurde, debattiert die Bundesregierung weiter über mögliche restriktive Maßnahmen im Herbst und Winter, setzt Jugendliche und Familien massiv unter Druck, den Nachwuchs impfen zu lassen, und kündigt sogar bereits Impfungen für Kinder ab fünf Jahren an. Die Bundesregierung fährt eine Impfkampagne und schaltet in Familienmedien Anzeigen, die die Impfung ab 12 Jahren anpreist. Sie suggeriert, dass Bildung nicht bereitgestellt werden könnte, wenn Kinder und Jugendliche sich nicht impfen lassen. Die Impfung bringe „Stück für Stück die Normalität in Schule, Freizeit und Familie zurück“.
Dabei haben sich die Verbände der Kinder- und Jugendmedizin (1) im September wieder zu Wort gemeldet. Sie sprechen sich für das Offenhalten der Bildungseinrichtungen aus und nennen nichtpharmazeutische Voraussetzungen dafür: So sei in Gemeinschaftseinrichtungen eine gute Basishygiene (wie Lüften) sinnvoll und ausreichend. Auf mobile Luftreinigungsgeräte in Schulen und Kitas könne verzichtet werden. Die Beschaffung dieser Geräte zieht sich in Aachen ohnehin seit Monaten hin, da kann man es gleich bleiben lassen.
Auch eine regelmäßige Testung asymptomatischer Kinder und Jugendlicher sei nicht sinnvoll und solle nicht weiter erfolgen. Lediglich anlassbezogen könnten bei hohem Infektionsgeschehen und Ausbrüchen regelmäßig Lolli-PCR-Pooltests durchgeführt werden. Für den Kita- und Grundschulbereich sei sogar das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei mäßigem Infektionsgeschehen nicht nötig.
Die Verbände weisen darauf hin, dass die Impfung von Kindern und Jugendlichen nach der aktuellen Empfehlung der STIKO zwar empfohlen sei, der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens dürfe allerdings nicht vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht werden. Sie erläutern, dass eine Impfung nicht vor Ansteckung und der Weitergabe der Infektion schützt.
Die Aussage der aktuellen Impfkampagne „Schützt mich und meine Mitschüler“ ist demnach mit Vorsicht zu genießen. Eine Impfung schütze natürlich vor einer schweren Erkrankung, das gilt aber vor allem für ältere erwachsene Bezugspersonen der Kinder. An diese gehen Appelle, sich impfen zu lassen. Personal, das sich nicht impfen lassen wolle, könne einen Mund-Nase-Schutz tragen und sich testen lassen.

Inwiefern es Sinn macht, Kinder und Jugendliche gegen eine Krankheit impfen zu lassen, an der diese kaum schwer erkranken, zu deren Nebenwirkungen aber Herzmuskelentzündungen (2) zählen, sollte im Ermessensspielraum der Familien bleiben.

Kinder in den Fokus statt „Platz der Kinderrechte“

Was Deutschland braucht, ist kein Platz der Kinderrechte, sondern Kinderrechte. Menschen, die wieder offen und mit Freude auf das Leben zugehen und Kindern das Wesentliche vermitteln: Vertrauen in das Sein und Mut. Und dazu gehört auch, wieder „Happy Birthday“ zu singen.
Es ist wünschenswert, dass die Bundesregierung die Hinweise der EU-Menschenrechtlerin und der Verbände ernst nimmt und umsetzt und dafür sorgt, dass Kinder und Familien wieder einen fröhlichen Alltag mit allen Bildungsangeboten haben und die Interessen und Rechte der Kinder gewahrt werden. Das Recht auf Bildung und auf freie Persönlichkeitsentfaltung ist eines der zentralen Güter unserer Kultur, das es zu bewahren gilt. Auch und gerade in schwierigen Situationen.

 

 

Verweise und Quellen:

(1) Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI)
dgkj.de/aktuelles/news/detail/post/kinder-und-jugendmedizin-zur-aktuellen-corona-lage-in-schulen-und-kitas
und 2021-09-13-Stellungnahme-DGPI-DGKH_kurz
(2) Bei mind. 1 von 17.000 geimpften Jugendlichen tritt eine Herzmuskelentzündung auf, wobei laut STIKO (Epidemiologisches Bulletin, Seite 35) eine Untererfassung realistisch ist. Seit Beginn des Impfens von Jugendlichen in Deutschland wurden 57 Fälle registiert (über 50 davon bei männlichen Jugendlichen).

Die Rüge von Dunja Mijatović, Menschenrechtskommissarin des Europarates
coe.int/en/web/commissioner/-/germany-should-pursue-efforts-to-fully-ensure-children-s-rights

 

 

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One response to “Bitte leise singen – die zweite: Über Kinderrechte, Zugang zu Bildung und die Impfempfehlung für Jugendliche

  1. Dieser Text hat so gut angefangen und dann biegt er völlig falsch ab.

    Wir wollen doch bitte nicht wieder Hände waschen und Lüften als Hygienekonzept für Schulen propagieren, oder? Ich sehe es auch so, dass man Kindern die Teilhabe ermöglichen muss und nicht von der Impfung abhängig machen darf.

    Hier aber passiv zum Nicht-Impfen aufzurufen, weil Kinder „kaum schwer erkranken“ und bei einem von 17.000 eine (heilbare) Herzmuskelentzündung auftritt, ist in meinen Augen mehr als fahrlässig.

    Ich bin schockiert, King Kalli.