Aus dem Familienalbum: Silvester

in Familienleben

Bärbel L. (58):
Bis zum Teenager-Alter haben meine Schwester und ich meist zu Hause Silvester gefeiert. Da meine Eltern recht jung waren, haben sie immer große Partys zu Hause mit Verwandten und Freunden veranstaltet. Das fand ich als Kind ganz toll: Es gab gutes Essen, eine Polonaise durchs Haus und manchmal stand die Party auch unter einem bestimmten Motto wie zum Beispiel „Die Goldenen Zwanziger“. Das ganze Haus wurde dekoriert und auf alle Uhren wurden riesige Schleifen geklebt, damit die Gäste ja nicht zu früh nach Hause gingen. Als wir klein waren, haben wir dann immer zuerst gemeinsam mit den Gästen zu Abend gegessen – klassisch badische Küche, meist ein Fleischgericht mit Spätzle als Beilage – und haben dann „vorgeschlafen“, weil wir auf jeden Fall um 12 Uhr zum Feuerwerk wach sein wollten. Als es dann so weit war und unsere Mutter oder unser Vater uns wecken wollten, haben wir an einem Silvester aber wohl gesagt, dass wir nicht mehr aufstehen wollen – da war uns der Schlaf in dem Moment wichtiger! Allerdings waren wir dann am nächsten Morgen beleidigt, dass sie uns nicht einfach trotzdem wachgerüttelt haben. An einem anderen Silvesterabend wurden wir nochmal nach 12 Uhr wegen der Lautstärke des Feierns im unteren Stockwerk wach und hatten auf einmal einen Bärenhunger. Daher sind wir runter in die Küche geschlichen und haben uns über die Reste, die noch auf der Arbeitsfläche und dem Küchentisch in Schüsseln und auf Platten standen, hergemacht. Als unsere Mutter im Türrahmen auftauchte, staunte sie nicht schlecht, sie hat sich aber köstlich über uns amüsiert, wie wir da in unseren selbstgenähten Frotteebademänteln standen, den Mund mit Soße verschmiert und fettigen Patschefingern. Die Bilder kleben heute noch im Fotoalbum. Als meine ältere Schwester einige Jahre später dann alt genug war, um auf eine private Silvesterparty mit Freunden zu gehen, war ich erst ganz neidisch – sie kam aber schon um 22 Uhr zurück, weil es da anscheinend ziemlich langweilig zuging und sie lieber doch mit ihren Onkeln, Tanten und Freunden der Familie feiern wollte. Als Erwachsene kann ich mich noch an ein Silvester erinnern in Strasbourg, bei dem wir nach dem Jahreswechsel noch bis in die Morgenstunden Monopoly gespielt haben – die interkulturelle Verständigung hat über das Spiel prima geklappt. Als ich selbst Mutter war, war das eigene Feuerwerk für meine Kinder immer das Highlight – ökologisch aus heutiger Sicht natürlich nicht so gut. Sie hatten so einen Spaß an der Vorbereitung, schon am Nachmittag wurden in einem metallenen Flaschengitter leere Weinflaschen mit den Raketen bestückt, die sie dann später im Hof unter Aufsicht ihres Vaters anzünden durften. Natürlich fehlte auch weniger gefährliches, kindergerechteres Feuerwerk nicht. Später wohnten wir für ein paar Jahre in den USA. Das erste Silvester bei Bekannten war dann in einem Punkt für meine Kinder sehr enttäuschend: Es gibt in den USA nämlich nur Tischfeuerwerk.

Per L. (59):
Als Kind war das Silvesterfest bei uns ganz klassisch. Unsere Großeltern mütterlicherseits haben nur ein Haus weiter gewohnt, sodass wir gemeinsam gegessen und gefeiert haben. Um Mitternacht haben wir uns dann darauf gefreut, die Feuerwerkskörper mit Hilfe von meinem Papa zu zünden. Meine Studienzeit habe ich in Berlin verbracht – also Mitte der 80er bis Anfang der 90er. Ein besonderes Silvester war sicherlich das im Jahr 1989, als ich bei der ersten gesamtdeutschen Silvesterfeier am Brandenburger Tor anwesend war und wir voller Euphorie gefeiert haben. Übermütig sind sogar viele auf die Quadriga geklettert.

Johanna B. (84):
Damals fiel das Silvesterfest bei uns sehr bescheiden aus. Mein Vater hatte eine Wagnerei und wir haben oberhalb der Werkstatt gewohnt. In der Stube wurde nur übers Wochenende oder eben an Feiertagen Feuer gemacht. In der Stube stand noch der Weihnachtsbaum und meine Eltern sowie meine vier Geschwister haben sich am Tisch versammelt, um Kartoffelsalat mit Würstchen zu essen. Zu der Zeit hatten wir keinen Fernsehapparat, aber ein Radio, sodass wir damit auch Musik hören konnten. Wir haben auch gemeinsam Lieder gesungen und dazu Klavier gespielt. Gesellschaftsspiele standen auf dem Programm. Besonders Spaß hat mir das Quartettspiel „Schwarzer Peter“ gemacht. Der Verlierer bekam dann einen Rußfleck auf die Nase oder Stirn, den Ruß konnten wir dem mit Holz befeuerten Küchenherd entnehmen. Um Mitternacht gab es eine Neujahrsbrezel aus süßem Hefeteig, die man zum Anstoßen verzehrt hat. Ein Feuerwerk haben wir nicht gemacht, das wäre einerseits zu teuer gewesen, andererseits hatten wir wegen der Wagnerei auch einen Holzschopf vor dem Haus, sodass mein Vater immer Angst hatte, dass da was in Brand gesetzt werden könnte. Als ich in jungen Jahren meinen späteren Ehemann kennengelernt habe, durfte er, als wir noch nicht verheiratet waren, zu Hause bei mir mitfeiern. Später, als wir quasi schon verlobt waren, sind wir an einem Silvesterabend nach Strasbourg zum Tanzen gefahren. Das war zwar nur 25 Kilometer weg, aber es war schon etwas Besonderes.

 

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