Ich hatte nur eine Oma. Alle weiteren Großeltern, die ich hätte haben können, waren bereits vor meiner Geburt gestorben. Meine einzige Oma war klein, aber tüchtig, und wer sie als Oma hat, so dachte ich, braucht sich vor nichts zu fürchten. Sie war Metzgermeisterin mit eigenem, gut laufendem Betrieb. Wir Kinder waren oft bei ihr, auch während die Metzgerei geöffnet war.
Da war echt was los: die laute Ladenglocke, die in meiner Erinnerung unentwegt läutete, weil ständig Kunden den Laden betraten oder verließen. Die Schwingtür zwischen der Kühlkammer und dem Laden, die ebenso permanent hin- und herschwang. In der Küche neben dem Laden saßen die Mitarbeiter mit ihren Schnurrbärten und ihren blutverschmierten Hemden und aßen unfassbar fettige Bratkartoffeln. Über dem beigen Telefon mit Wählscheibe, das immer wieder laut läutete, war die gesamte Wand vollgeschrieben mit allen möglichen Telefonnummern. Und unter dem Tisch lauerte der Dackel, der jedem ins Bein biss, der nicht schnell genug seine Füße auf die Eckbank zog. Zwischen all dem Getöse saßen wir Kinder am Tisch und malten mit Wasserfarben und aßen die grünen Äpfel, die unsere Oma uns zwischendurch schnitt. Sie hatte so ein großes Herz für uns. Und auch für die beiden Damen, die seit dem Kriegsende bei ihr wohnten. Wir nannten sie Tanten. Manchmal spielten wir zwischen den Schweinehälften Verstecken. Nur wir Kinder, nicht die Tanten. Wir fassten die gekühlten Nasen oder Füße der toten Schweine an, die kopfüber von der Decke hingen. Ich weiß noch genau, wie sich das anfühlt. Heute bin ich längst Vegetarierin. Manchmal im Sommer badeten wir im Garten in den Metzgerwannen. Das war wie eine Badewanne auf Stelzen. Wir fanden das sehr cool. Wenn meine Oma mit ihrem dicken Ford rückwärts aus der Garage fuhr, saßen wir natürlich unangeschnallt auf der Rückbank, der kläffende Dackel auf der Hutablage. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie vorher in den Rückspiegel schaute. Aber meine Oma, die kaum über das Lenkrad blicken konnte, strahlte für mich so eine Stärke aus, dass ich mich an ihrer Seite niemals gesorgt hätte. Am Abend wurde es immer richtig gemütlich bei meiner Oma, dann saßen wir auf ihrem großen Sofa und schauten „Phantomas“ oder „Lindenstraße“. Wir aßen Schokolade und einen Mix aus Flips und Gummibärchen, den wir extra anrührten, und wir tranken Cola. Danach schliefen wir neben ihr in dem großen Ehebett. Meine kleine Oma schnarchte wie eine große, aber selbst das fühlte sich gemütlich an. Ja, leise war sie nicht. Am Sonntag in der Kirche übertönte meine Oma beim Singen alle anderen. Das fand ich lustig.
Wenn ich an meine Oma denke, dann bin ich mir manchmal gar nicht mehr so sicher, dass alles wirklich so war, wie mein Gehirn es abgespeichert hat. Ich weiß nur, dass ich als junge Erwachsene sehr, sehr traurig war, als meine einzige Oma viel zu früh starb.
Das ist eine ganz herzerwärmende Erinnerung. Vielen Dank für das Teilen.