Alle müssen an einem Strang ziehen: Wie Inklusion gelingt

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Clara* (12) ist sehbehindert. Nach einer gelungenen Kindergarten- und Grundschulzeit startet sie frohgemut im weiterführenden Wunschgymnasium. Dort klappt plötzlich gar nichts mehr. Clara wird zunehmend depressiv, will schließlich nicht mehr zur Schule gehen. Die Familie organisiert einen Schulwechsel. Auf der neuen Schule läuft die Inklusion glatt, Clara ist wieder glücklich. Ihr Vater Peter Wald* hat mit uns über das Thema Inklusion gesprochen und gibt Tipps, worauf zu achten ist, wenn Eltern die passende Schule für ihr Kind mit Förderbedarf suchen.

Als Clara 2006 mit einer Sehbehinderung zur Welt kommt, ist es üblich, Kinder in speziellen Sonderschulen, später Förderschulen genannt, passend zur Beeinträchtigung der Kinder zu unterrichten. In Aachen wäre das im Falle von blinden und sehbehinderten Kindern die LVR-Johannes-Kepler-Schule gewesen. 2009 setzt die Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention um und die Landesregierung in NRW beschließt daraufhin, Kinder mit Behinderungen verstärkt in Regelschulen zu unterrichten, sozusagen die Inklusion im Bereich Schule umzusetzen. Nur im Ausnahmefall, wenn beispielsweise viele Beeinträchtigungen aufeinandertreffen, werden Kinder in Förderschulen aufgenommen. Seit dem Schuljahr 2012/13 nimmt die Johannes-Kepler-Schule keine Kinder mehr auf. Lehrer werden jetzt vom Landschaftsverband zu den Kindern in die jeweiligen Schulen geschickt, die diese besuchen, um die Regelschulen mit fachlicher Beratung zu unterstützen. Peter Wald hat durchaus seine Bedenken, wenn er über dieses Thema spricht. Er bezweifelt, dass dies Gesetz nur zum Wohle der Kinder ausgeheckt wurde, und führt auch die hohen Kosten für den Unterhalt eigener Schulen ins Feld, das so eingespart werden könne. Er plädiert für eine Wahlfreiheit der Eltern, die nun nur bedingt gegeben sei. Zudem ist die nächstgelegene Schule jetzt die Louis-Braille-Schule in Düren. Für Kinder bedeute dies Anfahrtswege von bis zu 1,5 Stunden je Strecke mit dem Sammeltaxi – nicht gerade optimal für ein Kind mit Beeinträchtigung.

Für Clara wurde die Louis-Braille-Schule nicht in Betracht gezogen. Schon zur Kindergartenzeit wurde sie gut gefördert und entwickelte sich positiv dank der Frühförderung durch die LVR-Johannes-Kepler-Schule. Auch in der Grundschule wurde sie herzlich aufgenommen. Hier war bereits früher einmal ein sehbehindertes Kind beschult worden, Hilfsmittel wie ein besonderes Arbeitspult, standen zur Verfügung. Die passende Beleuchtung kauften die Eltern kurzerhand selbst. Für die materielle Ausstattung bei Förderbedarf sei der Landschaftsverband oder die Krankenkasse zuständig, berichtet Peter Wald, allerdings dauere eine Beantragung von Hilfsmitteln dort ein bis zwei Jahre. Krankenkassen lehnten oft Anträge ab, man müsse in Berufung gehen, am besten solle man schon mit der Antragstellung beginnen, wenn das Kind noch im Kindergarten sei. Familie Wald ist das zu dumm, sie kann es sich leisten, für die Sonderausstattung für die Tochter in die eigene Tasche zu greifen – ein Privileg, das vielen Familien versagt ist. Die Grundschulzeit lief gut – der Landschaftsverband Rheinland, der für Claras Förderung zuständig war, kooperierte mit der Schule, jede Woche kam eine betreuende Lehrerin vorbei, um sich zu vergewissern, ob alles funktionierte oder ob Clara oder die Schule an irgendeiner Stelle weitere Unterstützung benötigten. Clara hatte gute Noten. Gemäß ihren Fähigkeiten tanzte sie sogar Ballett und erlernt das Geigenspiel. Es stand außer Frage, dass sie aufs Gymnasium wechseln würde. Als sie an der Wunschschule angenommen wurde, war die Freude zunächst groß.

Noch heute sind die Eltern irritiert, wenn sie die Monate reflektieren, die dann folgten. Da Clara nun auf einer privaten Schule war, war der Landschaftsverband Rheinland nicht mehr für die Tochter zuständig. Private Schulen sind verpflichtet, eigenes Personal einzustellen, das sich um die Inklusionskinder kümmert. Die zuständige Lehrerin hatte zwar eine Fortbildung für Kinder mit Lernbehinderung vorzuweisen, nicht jedoch für Kinder mit Sehbehinderung. „Das ist nicht das Gleiche!“, gibt Peter Wald zu bedenken. Vorschläge, eine kostenlose Fortbildung für die betreuenden Lehrer an einem Nachmittag zu organisieren, wurden abgeblockt, dazu sei keine Zeit da.

Der aufgestellte Förderplan, der festschrieb, was im Umgang mit Clara zu beachten sei, wurde ignoriert, Dokumente für das Kind wurden nicht vergrößert, keiner fühlte sich zuständig, Lehrer „vergaßen“, dass Clara so nicht arbeiten kann. Unter ihren Arbeitsblättern tauchten Kommentare auf wie „Du hast die Frage nicht verstanden“ – dabei hatte Clara sie schlichtweg nicht lesen können. Versuche der Eltern, die Schule zur Mitarbeit zu ermuntern, scheiterten allesamt. Als die Eltern in ihrer Not den Landschaftsverband Rheinland einschalteten, war das Vertrauensverhältnis längst zerstört.

Und Clara? Das Mädchen war sehr positiv gestartet und machte einen Entwicklungsschub, fuhr sogar alleine mit der Euregiobahn zur Schule. Dann jedoch ging es ihr immer schlechter. Alarmiert waren die Eltern, als Clara plötzlich alles daran setzte zu verbergen, dass sie sehbehindert ist. Zu ihren Mitschülern hatte sie zwar guten Kontakt, mit den Lehrern klappte es jedoch gar nicht. Die Noten verschlechterten sich, Clara weinte viel, wollte schließlich nicht mehr zur Schule gehen.
Als die Eltern die Schule ansprachen, sollte es einen Beratungstermin erst in vier bis sechs Wochen geben – viel zu lang aus Sicht der Eltern.

Peter Wald nahm Kontakt zu sechs Gymnasien auf, drei boten ein Gespräch an. Ein städtisches Gymnasium machte innerhalb von nur zwei Wochen einen Probetag möglich. Als Clara diesen wahrnahm, beschloss sie noch am selben Tag, direkt in der neuen Schule zu bleiben. Inzwischen hat sie sich gut eingelebt und laut ihrem Vater „nochmal richtig Gas gegeben“. Der Landschaftsverband Rheinland ist nun wieder für die Betreuung zuständig und schaut jede Woche im Unterricht vorbei. Tochter, Eltern und Lehrer kommen gut miteinander aus und alles geht einen positiven Weg.

„Kommunikation ist alles“, resümiert Peter Wald heute. Er hätte kein Problem damit gehabt, wenn die erste Schule klar und deutlich formuliert hätte, dass sie der Beschulung der Tochter nicht gewachsen sei. Viel schlimmer sei das Verschleppen der Situation gewesen. „Eine Schule muss das auch wirklich leisten können und alle müssen bereit sein, an einem Strang zu ziehen.“

 

Damit andere Eltern, deren Kind einen Förderbedarf hat, nicht das Gleiche erleben, haben wir mit Hilfe von Peter Wald folgende Tipps zusammengestellt.

Wie finde ich die passende Schule für mein Kind mit Förderbedarf?

1) Aktiv werden, schon wenn das Kind im Kindergarten ist. Um Förderung kümmern, ggf. Hilfsmittel und Therapien beantragen. Besonders wichtig ist die Frühförderung durch die Förderschulen des Landschaftsverbands Rheinland.

2) Wenn das Kind durch den Landschaftsverband Rheinland betreut wird, dort nachfragen: Gibt es bereits positive/negative Erfahrungen mit einer Schule?

3) Mit den Schulen reden und dabei bedenken: Staatliche Schulen werden durch den Landschaftsverband Rheinland betreut, private Schulen müssen das selbst leisten (Gibt es dort Lehrer mit Fachausbildung? Förderbedarf ist nicht gleich Förderbedarf).

4) Mit der Schule abklären, ob sie Personal und Ausstattung hat, um dem Kind gerecht zu werden.

5)  Mit der Schule regelmäßige Termine zur Reflexion vereinbaren (nach 4 Wochen, nach 3 Monaten …)

 

Links:

Verein zur Förderung Sehbehinderter e. V. in Aachen,
info@vzfs.org, vzfs.org

Netzwerk Sehen

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LVR-Johannes-Kepler-Schule
jks.lvr.de

Neue Standards für Inklusion:
https://kingkalli.de/neue-standards-fuer-inklusion/

 

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