Dort wo heute das Aachener Rathaus steht, stand vor über tausend Jahren die Pfalz Karls des Großen. Sein Reich erstreckte sich über den größten Teil von Europa. Damit Kaiser Karl immer darüber informiert war, was in seinem Reich vor sich ging, reiste er sehr viel. Auf den langen Strecken, die zu Pferd passiert wurden, reiste der ganze Hofstaat mit. Natürlich mussten so viele Menschen auch essen und trinken. Da es mit der Beschaffung von geeigneter Nahrung im frühen Mittelalter hin und wieder Schwierigkeiten gab, hat Karl der Große mit der Verordnung über Land- und Krongüter, der „Capitulare de villis vel curtis imperii“ eine große kulturelle Leistung vollbracht: Sie gilt als das älteste schriftliche Dokument frühmittelalterlicher Gartenkultur und wird als Beginn der westlichen Gartenkultur und Gärtnerei betrachtet. Im ganzen Reich sollten auf den Landgütern bestimmte Pflanzen angebaut werden, damit das Volk in der Lage war, sich selbst und, wenn nötig, den Kaiser und sein Gefolge zu ernähren. Die Verordnung funktionierte wie ein Muster für alle Bereiche der Landwirtschaft, wie z. B. für die Dreifelderwirtschaft, den Weinbau, die Obstpflege, sowie die Zucht von Haus- und Herdenvieh (von Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Ziegen, Bienen und Fischen). Wer genau diese Verordnung in Karls Auftrag verfasst hat, weiß man heute nicht mehr so genau.
Erhalten geblieben ist die „Capitulare de villis“ eher zufällig – in einer Abschrift zusammen mit Briefen Papst Leos III. an den Kaiser. Zeitlich lässt sich die Landgüterverordnung am besten zwischen die historisch belegte Missernte und darauffolgende Hungersnot von 792/793 und dem Aachener Kapitulare Karls des Großen von 802/803 datieren. Im 70. Kapitel der „Capitulare de villis“ gibt es eine Aufzählung von über 90 Nutzpflanzen und Heilkräutern, die in allen kaiserlichen Gütern angepflanzt werden sollten.
Steht man heute auf dem Katschhof und schaut auf die Rückseite des Rathauses, sieht man dort, an die ehemalige Kaiserpfalz geschmiegt, einen kleinen Karlsgarten, der eine Auswahl der Obst-, Gemüse- und Kräutersorten beherbergt, die Karl der Große in seinen Pfalzen anbauen ließ.
Im internationalen Karlsjahr 2000 wurde vom Freundeskreis Botanischer Garten e. V. ein weiterer Garten am Gut Melaten hinter dem Uniklinikum eröffnet. Der Karlsgarten ist kein einfacher Kräutergarten, man findet hier neben vielen Heil- und Gewürzpflanzen auch Gemüse und Obstgehölze, die die Versorgung des Volkes sichern sollten. Auch Pflanzen, mit deren Wirkstoffen man sich in Rauschzustände versetzen konnte, oder solche, mit denen Stoffe gefärbt und bearbeitet wurden, sowie Kräuter gegen unliebsame Insekten und Nager sind hier zu finden. Und natürlich Aphrodisiaka, die die Liebeslust steigern sollten, wovon heute noch altbekannte Redeweisen Zeugnis ablegen: „Freu dich, Fritzchen, morgen gibts Selleriesalat.“
Tipp: Das Buch „Obst, Gemüse und Kräuter Karls des Großen“ ist im Buchhandel erhältlich.

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