15 Jahre Trauerarbeit von diesseits: Geteiltes Leid ist halbes Leid

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Leid teilt man heute nicht mehr „nur“ analog, zum Beispiel in Trauergruppen, sondern auch über Social Media oder per App. Trauerbegleiterin Maria Pirch berichtet über die Entwicklungen in 15 Jahren Trauerarbeit bei diesseits. Im Oktober gibt es zudem zwei Veranstaltungen.

Vor vielen Jahren habe ich Maria Pirch zum ersten Mal getroffen. Damals erzählte sie, wie sie als Notfallseelsorgerin zu einem Einsatz kam. Ein Jugendlicher war plötzlich zu Hause verstorben, die Eltern waren im Schockzustand. Doch niemand schien das jüngere Geschwisterkind zu bemerken und zu beachten, das auch im Raum war. Das war die Geburtsstunde der Trauerarbeit für Kinder in Aachen.

Foto: Birgit Franchy

„diesseits“ nennt sich das Angebot der Pfarre Franziska von Aachen. Die Räumlichkeiten liegen im Pfarrhaus der Heilig-Kreuz-Kirche in der Pontstraße und sind kürzlich neu eingerichtet worden. In einem historischen Kaminzimmer stehen gemütliche Sitze mit Cordbezug, warme Farben dominieren, auf den Holztischen werden Kerzen entzündet, mit Hilfe bemalter Steine kann man seine Gefühle ausdrücken. Hier treffen sich die Gruppen „Jung verwitwet“, „Junge Erwachsene – diesseits 20plus“ oder „Verwaiste Eltern“. Für Kinder gibt es einen separaten Raum im Nebengebäude.
Gemeindereferentin und Trauerbegleiterin Maria Pirch leitet das Angebot seit 15 Jahren, an ihrer Seite stehen zwölf Ehrenamtliche. Wie viele Kinder im Laufe der Jahre begleitet wurden, kann sie nicht abschätzen. Die Gruppen für Kinder sind fließend, die meisten Kinder bleiben eineinhalb bis zweieinhalb Jahre dabei. Sind die Gruppen voll oder sind die Kinder jünger als sechs oder älter als zwölf Jahre, gibt es tiergestützte Angebote – mit Hund oder Pferd – zur Ergänzung. Zunächst sei sie kritisch gewesen, was die Trauerarbeit mit Tieren anbelangt, erzählt Pirch, doch inzwischen ist sie vollends überzeugt. Sie habe selber einmal erlebt, wie ein kleiner Junge, der nach dem Tod seines großen Bruders am Boden zerstört war, durch das reittherapeutische Angebot wieder auflebte. „Nicht alle Kinder wollen sprechen“, gibt sie zu bedenken. „Die Arbeit mit Tieren bietet auch nonverbale Möglichkeiten.“

„Geh doch mal dahin!“

Als die Trauerarbeit vor 15 Jahren startete, habe sich das Thema Tod in einer tabuisierten Phase befunden. Heute ist es wieder weniger angstbesetzt. Die Menschen seien offener für Trauerangebote und empfehlen sie sich gegenseitig. Freunde, Jugendamt oder Kitas würden den Rat aussprechen: „Geh doch mal dahin!“ Und wer den Weg zu diesseits gefunden habe, sei erleichtert.
„Egal ob Kinder oder Erwachsene, hier findet man Menschen in der gleichen Situation, die einen verstehen,“ so Maria Pirch. Manche Gruppen finden auch zeitgleich statt. Während die Kinder sich in der Kindergruppe treffen, finden sich die Väter und Mütter, manchmal auch die Omas in der Angehörigengruppe zusammen.

Set für die Trauerarbeit mit Kindern von Pädagoge, Bestatter und Spielzeugbauer Richard Hattink | Foto: Birgit Franchy

In der diesseits-Kindergruppe wird auch mit neuen, ungewöhnlichen Utensilien gearbeitet. So hat diesseits ein Legoset erworben, das der Pädagoge, Bestatter und Spielzeugbauer Richard Hattink extra für die Trauerarbeit konzipiert und gestaltet hat. Beim Beerdigung-Spielen kommen Kinder ins Gespräch. Da ist eine Kirche, in der eine Trauerfeier stattfinden kann, ein Bestattungsfahrzeug, Bestatter tragen einen Sarg, traurige Legofigürchen treten an ein Grab oder an die Urnenwand. Blumen schmücken das Grab. Einziger Makel des Spiels: „Die Legofiguren passen gar nicht in den Sarg.“ Es gibt also einiges zu besprechen.

Trauern per App?

Auch die neue Technik macht vor der Trauerarbeit nicht halt. Maria Pirch ist ganz angetan von der App „grievy“, die 2021 von Dr. Nele Stadtbäumer, Aenis Chebil und Daniel Bachmann als Studienarbeit in Aachen entwickelt wurde. Nele Stadtbäumer hatte während des Psychologiestudiums 2019 mit 24 Jahren ihren Vater ganz plötzlich verloren. Bestehende Hilfsangebote empfand sie damals als schwer zugänglich, Wartezeiten als zu lang. So kam sie auf die Idee, einen niedrigschwelligen, sofortigen Zugang zu professioneller Trauerbegleitung zu schaffen.

Ihre App bietet ein personalisiertes Selbsthilfeprogramm mit Expertenunterstützung. Auch auf anderen grievy-Kanälen wie Instagram treffen sich Trauernde und sprechen über den Tod ihrer Eltern oder Geschwister und ihre Gefühle bei der Bewältigung dieses einschneidenden Erlebnisses. Das Start-up wurde schon für mehrere Preise nominiert. Maria Pirch empfiehlt die App inzwischen allen medienaffinen jungen Erwachsenen und sieht sie als tolles Zusatzangebot, das persönliche Gespräche im eigenen Umfeld zwar nicht ersetzen, aber ergänzen kann.

Bald wird sich Maria Pirch als Hauptamtlerin aus der Arbeit zurückziehen, die Pensionierung steht an. Eine Nachfolgerin arbeitet sie schon ein, denn es wird natürlich bei diesseits weitergehen. Das Angebot soll sogar ausgebaut werden: „Bisher gibt es Trauerarbeit für Familien und Kinder in Aachen über diesseits und in Alsdorf über das Trauernetzwerk Alsdorf. Derzeit arbeiten wir daran, weitere Anlaufstellen in der StädteRegion einzurichten.“

diesseits

Pfarre Franziska von Aachen
Pontstraße 148, 52062 Aachen
Maria Pirch
Gemeindereferentin/Trauerbegleiterin
0176 20614530
diesseits-aachen.de

 

Zwei Events zum diesseits-Jubiläum

1) Filmabend im Apollo-Kino Aachen

Mo 27.10.2025, 19:00 Uhr, Eintritt 5 Euro

The Last Sketch
Kurzfilm im Beisein von Produzent Edgar Hubert
„The Last Sketch“ beobachtet, wie zwei Menschen einen Verlust auf völlig unterschiedliche Weise tragen – ohne Heilversprechen. Es gibt keine Lösungen, nur einen vorsichtigen Blick auf das, was bleibt, wenn nichts bleibt. Am Ende stellt sich die Frage, ob es genügt, einfach zu versuchen, zu verstehen.

Lass uns nicht vom TODschweigen
Kurzfilm der Hospizstiftung Region Aachen
anschließende Diskussionsrunde
Im Film „Lass uns nicht vom TODschweigen“ zeigen junge Menschen im Alter von 5 bis 17 Jahren, wie es ist, offen über Leben, Sterben und Trauer zu sprechen.

 

2) Jubiläumsfeier für Fachpublikum

Fr 31.10.2025, 18:00 bis 21:00 Uhr
Katholische Hochschulgemeinde
Pontstraße 72, 52062 Aachen

Die Teilnahme an der Jubiläumsveranstaltung am 31. Oktober ist kostenfrei.
Anmeldung bitte bis 10. Oktober online
franziska-aachen.de/diesseits

Stand und Perspektiven für die Trauerarbeit mit Familien
ab 18:00 Uhr: Impulsvorträge
z. B. mit Dr. Nele Stadtbäumer (Zeitgemäße Formen der Trauerbegleitung)
Stephanie Witt-Loers (Kreative Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen)
Maria Pirch (15 Jahre diesseits: Rückblick und Ausblick)

ab 19:30 Uhr:
„Herausforderungen für die Trauerarbeit mit Familien in unserer Region“ – Podiumsgespräch

Zudem wird es einen Büchertisch, musikalische Begleitung und Fingerfood geben.

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