Zu Besuch im Bilderbuchmuseum: „Hier kann man sich den ganzen Tag aufhalten!“

Foto: Birgit Franchy

Draußen ist es am ersten Januarwochenende nasskalt und ungemütlich, ein Lichtblick ist da die hübsch orange Burg Wissem, auf die man über einen gepflasterten Innenhof zuschreitet. Drinnen ist es muckelig warm. Es erweckt den Eindruck, als würde man einen Kindergarten oder eine Grundschule betreten, an den Kleiderhaken gegenüber der Kasse hängen Jacken, darunter liegen viele Paar Schuhe. Nicht nur die Kinder, viele Erwachsene haben sich ebenso ihrer Winterschuhe entledigt. Es wirkt familiär.

Die untere Etage widmet sich noch bis April dem Thema Wimmelbuch, und dies ist für mich als ausgewiesenen Wimmelbuchfan der Anlass, nach vielen Jahren mal wieder in Troisdorf vorbeizuschauen.
Zunächst betrete ich einen kleinen Raum zur rechten Seite. An den Wänden Originalzeichnungen mit Wimmelmotiven. Auf kleinen Schautafeln finden sich Aufgaben. Wer entdeckt auf den Bildern die gefragten Motive?

Er gehört offenbar zu den Zimmern mit recht neuen Werken. Es geht um Gefühle und Nachhaltigkeit. Ein Vater steht mit seinem Sohn vor Bildern der Illustratorin Bille Weidenbach. Sie hat in „Hätte, hätte, Eimerkette. Ein Bilderbuch von Flut, Mut und Wiedergut“ die Flutkatastrophe von 2021 thematisiert, die sie selbst im Ahrtal erlebt hat. Gezeichnet hat sie immer den gleichen Ort, einmal im fröhlichen Treiben eines normalen Sommertages, dann mit steigendem Wasser, mit Hochwasser in der Nacht, beim Wiederaufbau und schließlich an einem Sommertag, als „alles wieder gut“ ist. Natürlich dürfen da die obligatorischen Windräder am Bildrand und die Solarplatten auf den Dächern nicht fehlen. Bille Weidenbach hat in Abstimmung mit ihrem Verlag bewusst ein Happy End für die Geschichte gewählt, auch wenn sie aus eigener Erfahrung weiß, dass es Tote gab und der Wiederaufbau nicht ganz so schnell ging. Wer genau hinschaut, wird auf den Bildern übrigens ihren Hund entdecken – dieser hatte schon vor der Katastrophe ein ungutes Gefühl und wollte nicht mehr über die Brücke im Ort gehen.

Zu Besuch im Bilderbuchmuseum | Foto: Birgit Franchy

Für mich geht es einen Raum weiter. Florian und Carolin aus Bonn sind mit ihren Kindern hier. Der kleine Jona liegt auf seinem Deckchen auf einer pinken Spielmatte. Rollen kann er mit seinen fünf Monaten schon, auf dem Bauch liegend schaut er fröhlich durch den Raum. Mama Carolin und der fünfjährige Arne haben sich je ein Bilderbuch geschnappt und lümmeln damit auf einem Sitzsack herum. Die Fülle der Angebote und die Gemütlichkeit hätten sie gar nicht erwartet, sagt Florian. Carolin freut sich, ein Angebot gefunden zu haben, das sowohl dem Fünfjährigen als auch einem Baby gerecht wird. „Perfekt“, kommentieren sie ihren ersten Eindruck. Die ausgestellten Originalzeichnungen seien zudem so interessant, dass man die Ausstellung auch ohne Kinder anschauen könne. Früher seien sie schon einmal hier gewesen, nun sind sie zum ersten Mal mit Kindern da, haben vor dem Betreten des Museums noch im Auto gepicknickt – um dann zu erfahren, dass es sogar einen Picknickraum gibt. Doch dazu später.

Foto: Birgit Franchy

Im größten Raum der unteren Etage geht es um die klassischen Wimmelbuchthemen Bauernhof, Wald und Baustelle. Zu jedem Themenbereich passt der entsprechende Spielbereich. In der Bauernhofecke pflanzt eine Mutter gerade Gemüse, während Papa und Tochter Kühe und Pferde hüten. Der Baustellenbereich hat eine ganze Reihe kleiner Jungs ab dem Krabbelalter angezogen, die Duplosteine aufhäufen oder in Schubkarren herumfahren. Überfüllt ist es überhaupt nicht, überall ist genug Platz, auch wenn sich rund 200 Interessierte pro Tag in der Ausstellung tummeln. Am kostenlosen ersten Sonntag im Monat sind es 250 Personen.

Der Maltisch | Foto: Birgit Franchy

Einen Raum weiter sitzen Judith und Henry (4) am Maltisch, malen Bilder aus und unterhalten sich über das Mittagessen, das Judith geplant hatte. Eigentlich wollte sie Maultaschen machen, stellt nun jedoch fest: „Hier kann man sich den ganzen Tag aufhalten!“
Sie sind aus Siegburg gekommen und zum ersten Mal hier. Dies sei ein toller Ort im Winter für Menschen mit kleinen Kindern. Der Vater und die kleine Schwester sind auch irgendwo unterwegs. „Auf der Baustelle“, mutmaßt Henry, seine kleine Schwester habe gar nicht mehr weggewollt. Judith und Henry haben schon Yoga gemacht, im Gefühleraum liegen Yogamatten und es gibt Kärtchen mit verschiedenen Übungen darauf. „Überall kann man etwas machen“, freut sich Judith. Die ausgemalten Bilder werden gleich mitgenommen oder an die Wand gehängt. Irgendwo in dieser Etage habe ich auch ein großes Wimmelbild der Burg Wissem in einer Nische gesehen. Daran kann man seine ausgemalte Figur heften.

Durchs Treppenhaus geht es ein Stockwerk höher. Hier sind mehrere kleine Räume mit unterschiedlichen Ausstellungen beheimatet. Im Rotkäppchenzimmer spielen gerade ein Vater und seine Tochter. Sie sind zum zweiten, aber sicher nicht zum letzten Mal hier. Der Vater erfreut sich außer an der Ausstellung an dem toll restaurierten Gebäude. Das Turmzimmer solle ich keinesfalls verpassen, gibt er mir mit auf den Weg und weist darauf hin, dass man im Anschluss an die Ausstellung auch noch auf den Spielplatz nebenan gehen könne (dort treffe ich die beiden später tatsächlich wieder).

Foto: Birgit Franchy
So süße Bücher! | Foto: Birgit Franchy
Ein Buch toller als das andere! | Foto: Birgit Franchy
Überall gemütliche Nischen zum Lesen | Foto: Birgit Franchy

In der zweiten Etage gibt es einen großen Lesesaal. Aus den Regalen oder von den Fensterbänken kann man sich eins der unzähligen Bücher schnappen und schmökern. Überall befinden sich Sitzecken und Nischen. Zwei Geschwister sitzen alleine in einem Raum und zeigen sich gegenseitig ihre Bücher. Auf einer anderen Bank sitzen Oma, Opa und Enkelin. Während Oma vorliest und die kleine Enkelin andächtig lauscht, ist der Opa eingeschlafen. Ein Vater liest seiner Tochter vor. Sie sitzt im Rollstuhl – natürlich gibt es einen Aufzug. Ebenso wie eine Kindertoilette mit kleinen Klos und kleinen Waschbecken und Wickeltisch. Hier ist einfach an alles gedacht.
Und das Turmzimmer? Durch eine kleine Tür kriecht man geduckt hinein und kommt in ein Burgverlies für kleine Ritterfans. Da steht eine Rüstung und dort Schatzkisten. Es ist düster und geheimnisvoll. Selbstverständlich kann man sich auf Sitzsäcken neben einer alten Stehlampe niederlassen und lesen. Ganz toll gemacht, wie alles hier.

Das Erkerzimmer | Foto: Birgit Franchy

Das Bilderbuchmuseum ist wirklich ein großartiges Ausflugsziel und auch für Erwachsene mit Spaß an guten Büchern und Illustrationen ein richtiger Gewinn. Es kommt ohne übertriebenes Brimborium aus, verzichtet auf digitale Einspielungen und Effekte. Es ist erstaunlich ruhig in den Räumen, keine Reizüberflutung, kein Geschrei. Als ich gehe, hat es sich etwas gefüllt, ich muss meine Jacke aus anderen ausgraben. Aber wo war denn nun der Picknickraum? War das vielleicht ein Missverständnis? Ich habe nur Schilder gesehen, die auf ein Ess- und Trinkverbot hinwiesen. Die Nachfrage an der Kasse ergibt: Der Raum ist im Nebengebäude. Also gehe ich nachschauen. In einem riesigen Saal, der auch als Kinderwagenparkplatz dient, stehen zwei Tische, an denen man sich mit Mitgebrachtem niederlassen kann. Der Raum ist trotz der Größe gut geheizt, man muss nicht frieren. Ja, hier ist wirklich an alles gedacht!

Burg Wissem aka Bilderbuchmuseum | Foto: Birgit Franchy

Bilderbuchmuseum
Burgallee 1, 53840 Troisdorf, troisdorf.de

Die Wimmelbuchausstellung geht noch bis zum 27. April 2025.
Preise: Familienkarte 12 Euro (zwei Erwachsene (Eltern, Großeltern o. Ä.) und alle Kinder der Familie)

An jedem ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt kostenlos, sofern das Museum geöffnet ist.

Öffnungszeiten:
Di-Fr 11:00-17:00 Uhr, Sa/So 10:00-18:00 Uhr, geschlossen: Mo, an Weiberfastnacht und am Karnevalssonntag

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