Wie erleben Lehrer die Coronakrise? Interview mit einer Grundschullehrerin aus Heinsberg

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Die Schulen im Kreis Heinsberg sind seit dem 26. Februar geschlossen. „Corona-Ferien“ gibt es jedoch nicht. Lehrer und Lehrerinnen sind angehalten ihren Schülern und Schülerinnen einen Schulalltag anzubieten und sie aufzufordern, mitzuziehen. Wie sieht der Berufsalltag aus, was haben Lehrer und Lehrerinnen jetzt zu bewältigen? Unsere Praktikantin Alina Keuter hat bei einer befreundeten Lehrerin nachgefragt.

Die Schulen im Kreis Heinsberg sind seit dem 26. Februar geschlossen. Wie sieht jetzt dein beruflicher Alltag aus? Welche Aufgaben hast du?

Zu Beginn der „Corona-Ferien“ habe ich zunächst Tests und einen Aufsatz korrigiert, den wir vor Karneval geschrieben hatten. Dann begann die Zeit der Vorbereitung des Unterrichtsmaterials, das die Kinder zu Hause bearbeiten sollen. Dazu war ich einige Male für ein paar Stunden in der Schule, um Arbeitsmaterial zu sichten und zu kopieren. Dort habe ich mich u. a. einmal mit einer meiner Stufenkolleginnen getroffen, um das Arbeitsmaterial gemeinsam für die ganze Jahrgangsstufe auszuwählen. Darüber hinaus habe ich eine Sonderpädagogin getroffen, die das Gutachten über eine meiner Schülerinnen im Rahmen des AO-SF Antrags geschrieben hat.
Neben der Zusammenstellung und dem Verschicken der Unterrichtsmaterialien stehe ich ständig in Kontakt mit meinen Kolleginnen (Telefon, WhatsApp, E-Mail) und der Schulleitung. Von ihr kommen Mails mit Dienstanweisungen vom Schulamt oder Informationen der Bezirksregierung zum Umgang mit Corona an den Schulen. Es gibt also einiges zu Lesen. Mit meinen beiden Stufenkolleginnen tausche ich mich über alles aus, was in der kommenden Zeit für unsere Klassen relevant ist (anstelle der wöchentlichen Teamsitzungen).
Darüber hinaus bin ich viel im Internet unterwegs, z. B. schaue ich mir Lernangebote an, die die Kinder zusätzlich online nutzen können.

Was machen die Schüler zu Hause?

Da die Kinder vor Karneval alle Bücher und Arbeitshefte in der Schule gelassen haben, bekommen sie nun immer am Wochenende Arbeitsblätter für die Fächer Deutsch und Mathematik für die darauffolgende Woche. Die Blätter sind jeweils mit Wochentag und Datum versehen, sodass die Kinder diese strukturiert bearbeiten können. Zusätzlich gab es zweimal einen Satz Arbeitsblätter in Englisch. Im Schnitt haben die Schüler also täglich drei bis vier Arbeitsblätter zu bearbeiten. Da man davon ausgehen kann, dass nicht alle Eltern in der Lage sind, neuen Lehrstoff zu vermitteln, sollten wir nur Aufgaben zur Wiederholung und Vertiefung bekannter Lerninhalte anbieten. Bei Grundschülern kann man nicht voraussetzen, dass alle einen eigenen Computer, Laptop oder ein Tablet besitzen, und so haben wir das „Arbeitsblatt in Papierform“ gewählt, das digital übermittelt, von den Eltern ausgedruckt und in einem Schnellhefter abgeheftet werden sollte. Somit haben wir auch ausgeschlossen, dass Eltern ihre Kinder in den Lehrwerken vorarbeiten lassen.
Zu den „verpflichtenden“ Arbeitsmaterialien gab es auch noch Zusatzangebote im Internet, die die Kinder bearbeiten konnten, z. B. Lesetraining oder Knobelaufgaben. Alternativ wurden die Kinderprogramme der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender oder das Sportangebot eines Berliner Basketballvereins empfohlen.

Wie gehen Schüler und Eltern mit der Situation um?

Leider habe ich in der ganzen Zeit nur wenig Rückmeldung von den Eltern bekommen. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, über die Klassenpflegschaftsvorsitzende Kontakt zu mir aufzunehmen, was aber nur in zwei Fällen genutzt wurde. Dort habe ich dann angerufen und die Probleme wurden geklärt. Einige Mütter habe ich beim Einkaufen getroffen; sie erklärten, dass es keine nennenswerten Schwierigkeiten bei der Bearbeitung der Arbeitsblätter gegeben habe. Ob es generelle Probleme gab, z. B. was die Arbeitssituation der Eltern oder die Kinderbetreuung betraf, habe ich auch nicht erfahren.
Über welchen Weg läuft nun die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern?
Wie schon erwähnt, läuft die Kommunikation zwischen den Schülern/Eltern und mir über die Klassenpflegschaftsvorsitzende. Dies war von der Schulleitung so gewünscht. Auch die offiziellen Informationen vom Schulamt oder der Bezirksregierung an die Eltern laufen über die Elternvertreterin. Ihr habe ich das Unterrichtsmaterial, Briefe an die Eltern oder Kinder und Links zu bestimmten Internetseiten per WhatsApp und E-Mail geschickt und sie hat alles an die Eltern weitergeleitet. In den ersten Tagen nach Karneval habe ich vorab alle Eltern angerufen und sichergestellt, dass alle per WhatsApp oder E-Mail zu erreichen sind und somit auch jedes Kind das Unterrichtsmaterial bekommt.

Entstehen große Lücken, was den Lernstoff anbelangt?

Fünf Wochen ohne regulären Unterricht sind schon eine lange Zeit. Die Kinder, welche jetzt im 4. Schuljahr sind, haben schon so einiges versäumt, das es bei Unterrichtsbeginn wieder aufzuholen gilt. In Mathematik sind das z. B. die schriftliche Multiplikation und Division, die dann im Eiltempo durchgearbeitet werden müssen. Aber auch in Deutsch gibt es noch einiges zu erarbeiten, z. B. die Bildung von Futur und Plusquamperfekt oder die vier Fälle. Am Ende des Schuljahres sollen ja nach Möglichkeit alle Kinder die vorgegebenen Lernziele der 4. Klasse erreichen. Da sind wir dann schon ein wenig auf die Unterstützung durch die Eltern angewiesen.

Worin liegen momentan die größten Schwierigkeiten für den Schulalltag?

Die größten Schwierigkeiten bestehen darin, wie schon angedeutet, dass im „Homeschooling“ keine neuen Lerninhalte eingeführt werden können und man so natürlich nicht wirklich vorankommt. Die meisten Kinder haben Probleme, Neues selbstständig zu erarbeiten. Lediglich schriftliche Erklärungen reichen oft nicht aus, um gesicherte Kenntnisse zu erwerben. Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, Rückfragen zu stellen, und man muss davon ausgehen, dass nicht alle Eltern in der Lage sind, Sachverhalte entsprechend zu erklären.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass die Schüler vielleicht nicht alle einen strukturierten Tag haben, d. h. feste Zeiten für die Schulaufgaben und Zeiten für Freizeit, Bewegung und Spiel. Die unterschiedlichen familiären Situationen spielen dabei natürlich eine bedeutende Rolle.

Welche Folgen hat die Situation auf die Zukunft, wenn der Unterricht wieder wie gewohnt weitergeht?

Die momentane Situation hat zur Folge, dass man zunächst einmal bis zum Schuljahresende und dem anstehenden Übergang zur weiterführenden Schule nicht mehr viel Zeit hat. Da gilt es, im Eiltempo sozusagen die versäumten Lerninhalte aufzuholen. Dabei ist ein wichtiger Faktor, ob alle Kinder auf demselben Stand stehen. Dies wäre idealerweise der Fall, wenn alle Schüler die Arbeitsmaterialien im geforderten Umfang bearbeitet hätten und man bei der Weiterarbeit auf gesicherte Lerninhalte zurückgreifen könnte.
Des Weiteren haben die Schüler nur Arbeitsmaterial für die Hauptfächer bekommen, d. h. auch in allen übrigen Fächern sind Lücken entstanden, die in irgendeiner Form geschlossen werden müssen.
Die Corona-Krise wird sicherlich auch Auswirkungen in anderer Form haben, z. B. wie wird der Unterricht wieder anlaufen, wie wird es mit dem z. Z. noch geforderten Sicherheitsabstand sein? Werden die Kinder die Hygienevorschriften einhalten können? Können wir die anstehende Fahrradprüfung durchführen und wie sieht es mit der Abschlussfeier am Ende des Schuljahres aus? Werden die Schulen nach den Osterferien wieder geöffnet?
Erst wenn diese letzte Frage geklärt ist, können wir an die Arbeit gehen und versuchen, gemeinsam alle entstandenen Probleme zu lösen. Es wird sicherlich nicht einfach und stellt uns vor besondere Herausforderungen.

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