Waldmeisters Naturkolumne 12: Ganz schön lange her – mit Oma und Opa die Natur entdecken

Hen & chickens (1901). Original public domain image from the Library of Congress. Digitally enhanced by rawpixel.

Wie war das noch, damals mit Oma und Opa? Ich muss überlegen, und dann fällt mir eine ganze Menge ein.

Die eine Oma lebte in Frankfurt. Große Stadt, viel Verkehr, nicht sehr viel Grün. Aber die Wohnung in einem großen Gründerzeit-Mietshaus hatte einen schönen Balkon mit Blick auf den Frankfurter Hauptfriedhof. Schon damals ein wahres Naturparadies. Mit großen Bäumen, vielen Eichhörnchen, einer reichen Vogelwelt. Mit Oma bin ich dort sehr viel spazieren gegangen, wir haben die Tiere beobachtet, Vögel und Eichhörnchen gefüttert.
Dort lernte ich zum ersten Mal Vogelarten kennen, den Buchfink, den Kernbeißer, Spechte, Meisen und Baumläufer. Und Oma schenkte mir zu Weihnachten das erste Vogel-Bestimmungsbuch mit ganz vielen wunderbaren Zeichnungen. Vor dem Haus also der riesige Park. Und hinter dem Haus, im Inneren eines größeren Häuserblocks, gab es verschiedene Gärten, meistens durch Zäune und Mauern getrennt. Mein Highlight war ein Teich in Nierenform, bestimmt 30 Quadratmeter groß, ein tönerner Frosch spritzte Wasser aus seinem Maul hinein. Viel Zeit habe ich am Rand des Teiches verbracht, mit dem Blick auf gelbe Schwertlilien und rosa Seerosen. Aber der Tonfrosch war nicht alleine, es gab tatsächlich echte grüne Wasserfrösche, die quakten, fragt mich nicht, wie die dorthin gekommen waren. Ich weiß es nicht.
Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, hat Oma viel Anteil an meinem Interesse an Natur, an Tieren und Pflanzen. Vor ein paar Monaten habe ich euch schon mal von Pilzen erzählt. Meine Oma stammte aus Schlesien und war eine echte Pilzexpertin. Wenn wir am Wochenende Zeit hatten, dann ging es oft in den nahen Taunus. Mit dabei der Weidenkorb und scharfe Küchenmesser. Und wenn wir zurückkamen, war der Korb meistens voll mit den tollsten Funden: Steinpilzen, Maronen, Butterpilzen, Grünlingen … Jetzt biete ich selber Pilzexkursionen an, ich glaube, der Grundstein dazu wurde durch Oma gelegt.

Es ist schön, mit den Großeltern unterwegs sein zu können, viele von ihnen wissen viel über Bäume und Pflanzen, ein großer Teil dieses Wissens ist heute verloren gegangen, die Menschen nehmen sich oft nicht mehr die Zeit für Entdeckungen, für Naturspaziergänge, für das Lernen natürlicher Zusammenhänge.

Wie gesagt, die eine Oma lebte in der Großstadt. Ganze Ferien habe ich meistens bei Oma und Opa in Thüringen in der Rhön verbracht. Da war es ganz anders als in Frankfurt. Opa war Bauer auf einem wunderbaren Hof, dazu gab es eine Bäckerei mit tollem Brot und duftendem Kuchen am Wochenende, was für ein Kinderparadies.

Ich war immer draußen, im Dorf gab es wenig Verkehr, mehr Kühe als Autos. Opa hatte ein Pferd, das musste den Pferdewagen oder den Pflug ziehen. Und manchmal durfte ich reiten. Wenn ich mich recht entsinne, kam das Pferd, es hieß Linde, immer ohne mich zum Hof und zum Stall zurück, ich bin jedes Mal runtergefallen.
Opa hat viel gearbeitet. Kühe, Schweine, Schafe, Hühner, Hasen, Tauben, den ganzen Tag war ich auf dem Hof von Grunzen, Muhen, Gackern umgeben. Wie gerne ich dort war. Frische Eier aus den Nestern, die Kühe von der Weide holen und zurückbringen, Schweine füttern. Immer gab es etwas zu tun, es wurde nie langweilig.

Von Opa habe ich ganz viel gelernt, er war mit mir im nahen Wald unterwegs, hat mir die verschiedenen Bäume gezeigt und erklärt. Er wusste ganz genau Bescheid über die Jahreszeiten, die Wolken, über die Rückkehr der Zugvögel. Ich weiß noch genau, der leckere Schinken aus der Räucherkammer durfte nicht angeschnitten werden, bevor der Kuckuck im Frühling zum ersten Mal zu hören war. Meine Cousins waren manchmal im Frühling im Wald und ahmten den Kuckucksruf nach, aber Opa ist nicht ein einziges Mal darauf reingefallen.
Was ich da so alles erzähle, ist lange her. Jetzt bin ich selber Opa, habe zwei Enkel, neun und sieben Jahre alt. Und ich freue mich so sehr, wenn die beiden mit mir im Wald unterwegs sind, wenn sie sich dafür begeistern, Pilze zu entdecken oder die Kröten bei der Wanderung zu beobachten, zu schnitzen oder zu klettern.

Ich kann nur dazu raten, sich die Zeit zu nehmen, wieder selber Kind zu werden. Es ist so erfüllend, Zeit mit den Enkeln zu verbringen, im Wald, auf Wiesen, am Bach. Kinder und Großeltern kehren geerdet zurück. Und die Eltern werden erstaunt sein, wie entspannt (und vielleicht auch müde) ihr Nachwuchs nach einer Naturexkursion ist.
In diesem Sinne, ich wünsche allen Großeltern, Kindern und Enkelkindern einen wunderbaren Frühsommer mit vielen tollen Erlebnissen.

Euer
Waldmeister Michael Zobel

Cock Bird & Dogs (1901). Original public domain image from the Library of Congress. Digitally enhanced by rawpixel.

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