Vorurteile, die nicht bestätigt werden – Geschlechterrollen in Afrika (Tansania)

in Aktuelles um die Ecke, Auslandsjahr, yang52 (14+)

Die Vorstellungen, die wir in Deutschland von den Geschlechterrollen vieler afrikanischer Länder haben, sind noch von großen Vorurteilen geprägt. Ich schließe mich nicht aus, da ich vorher glaubte, dass die Frauen dort den ganzen Tag zu Hause bleiben, sich um die Kinder kümmern, kochen, den Haushalt schmeißen und keine Ausbildung genießen dürfen, während die Männer morgens das Haus verlassen und bis zum Abend für das Einkommen der Familie sorgen. Während meines Freiwilligendienstes in Tansania habe ich gemerkt, dass die meisten Vorurteile zu Unrecht bestehen und die Realität ganz anders aussieht.
Wie auch in Deutschland gehen in den meisten Haushalten beide Elternteile arbeiten. Dabei gibt es so gut wie keine Jobs, die ausschließlich von dem einen oder dem anderen Geschlecht ausgeführt werden. In unserer Schule gibt es beispielsweise mehr weibliche als männliche Lehrkräfte, in der Schule, in der andere Freiwillige von InVia-Köln e. V. arbeiten, mehr Lehrer als Lehrerinnen. Man sieht Frauen sowie Männer in den Dukas (Kiosks) arbeiten oder auf dem Markt die Lebensmittel verkaufen, bei der Polizei, der Post oder bei der Bank ihre Pflichten erfüllen. Viele Familien leiten ein „Familienunternehmen“ und besitzen einen Stand auf dem Markt, auf dem sie ihr angebautes Obst und Gemüse verkaufen. Wenn es darum geht, wer die Felder beackert, besät und erntet, sehe ich hauptsächlich Frauen und nur selten eine Handvoll Männer, die in kleinen Gruppen zu ihrem Stück Land fahren. Den Verkauf übernehmen beide oder auch manchmal die jugendlichen oder erwachsenen Kinder. Besucht man Werkstätten wie Schweißereien oder Reparateure jeglicher Art, findet man eher Männer vor, wie es in Deutschland aber meist auch nicht anders ist; denn oft ist die Arbeit, die ausgeführt wird, von sehr hoher körperlicher Intensität. Letztens bin ich beispielsweise mit einem Freund an einer Autowerkstatt auf dem Motorrad vorbeigefahren, und plötzlich sagt er mit amüsierter, aber auch erstaunter Stimme zu mir: „Guck mal, da repariert eine Frau ein Auto.“ Bei der Aussage war ich eher überrascht, dass es ihn so erstaunt hat als über den eigentlichen Inhalt des Satzes.

Beiden Geschlechtern steht die Arbeitswelt offen

Beiden Geschlechtern steht jedoch im Endeffekt die Arbeitswelt offen, je nachdem, welche Ausbildung genossen wurde. Auch bei Studium und Ausbildung ist mir bis jetzt noch nicht aufgefallen, dass eine Ungerechtigkeit in der Geschlechterverteilung herrscht. Was jedoch deutlich auffällt, ist, dass im Arbeitsbereich Transfer und Transport ausschließlich Männer arbeiten. Ich persönlich habe z. B. noch nie eine weibliche Dalla- oder Bodafahrerin (Bus- oder Motorradfahrerin) gesehen, und auch die Geldeinsammler in den Dalladallas sind ohne Ausnahme männlich. Auch sieht man Frauen meist nicht hinter dem Steuer und es überrascht eher, wenn dies doch der Fall ist. Bei uns wird dann am Abendessenstisch immer heftig darüber diskutiert, ob der Unterschied zu Deutschland wirklich so groß ist. Mein persönliches Bild zeigt jedoch, dass in Europa deutlich öfter Frauen am Steuer sitzen. Jedoch weiß ich, dass auch hier viele Frauen ihren Führerschein besitzen; die Schwestern im Konvent, in dem ich lebe, steuern das Auto beispielsweise auch gerne selbst, wenn ihr Fahrer mal abwesend ist.
Nach einem langen Arbeitstag bleibt dann vielen selbst überlassen, was sie mit dem Rest des Tages anfangen wollen. Es gibt viele Männer, die gerne vor den Dukas täglich ihr Feierabendbier trinken und noch mit ihren Freunden quatschen, bis es Zeit wird, nach Hause zu gehen. Daheim passt die Frau auf den Nachwuchs auf und kümmert sich um die Wäsche und die Essenszubereitung, obwohl in Tansania sowohl Mann als auch Frau gute Köche sind; ich habe z. B. von zwei männlichen Freunden mehrere tansanische Gerichte beigebracht bekommen. Zwar kann ich nur von den Familien reden, die ich kenne, wie ihr Alltag abläuft (und das beschränkt sich auf nicht allzu viele Haushalte), aber in den mir bekannten Fällen hat die Frau zu Hause die Hosen an und kümmert sich um die Haushaltsangelegenheiten und die Kindererziehung. Viel Separation gibt es, würde ich sagen, nicht mehr, aber man denkt trotzdem gerne noch in den gewohnten Geschlechterschienen und so laden die Kinder einen eher dazu ein, dass man mal bei ihrer Mama zum Essen vorbeischauen soll. Noch nie hörte ich, dass der Vater dann kochen würde. In der Gesellschaft ist es auch noch so, dass die Frauen ein besonderes Ansehen erlangen, sobald sie Mutter geworden sind, und ab diesem Zeitpunkt nicht mehr mit ihrem eigenen Namen angesprochen werden, sondern mit Mama und dem jeweiligen Namen ihres Kindes; wohingegen die Väter zwar auch als Baba bezeichnet werden, aber weiterhin mit ihrem rechtmäßigen Namen gerufen werden.

Erst einmal habe ich erlebt, dass die Geschlechter voneinander getrennt behandelt worden sind. Im April war ich zu einer Messe eingeladen, die nicht wie gewöhnlich in der Kirche stattfand, die ich normalerweise besuchen würde. Meine Mitfreiwillige Merlina und ich waren früh dran, es waren noch nicht allzu viele Leute da und so setzten wir uns einfach irgendwohin, weil wir es nicht anders gewohnt waren. Nach gut einer vergangenen Stunde Messe bemerkte Merlina plötzlich, dass auf der anderen Seite ausschließlich Männer und auf unserer Seite ausschließlich Frauen saßen. Wir hatten also eher Glück gehabt, dass wir uns durch Zufall auf die richtige Seite gesetzt hatten. In anderen Lebensbereichen habe ich aber keine Separation erlebt.

Sehr ähnlich wie in Deutschland läuft das Leben der beiden Geschlechter in Tansania also auch auf Augenhöhe ab und es ist eher der Fall, dass Mann und Frau einfach ihre bevorzugten Aufgaben im Alltag haben, die sie getrennt oder halt auch gemeinsam stemmen. Mir ist hier bewusst geworden, dass man gerade von den Geschlechterrollen von anderen Kulturen oft ein veraltetes oder falsches Bild hat. Ich werde sehen, ob sich mir noch weitere Unterschiede und Besonderheiten eröffnen, denn die meisten bezüglich der Geschlechterrollen oder auch der Kultur haben sich mir erst in den letzten paar Monaten eröffnet, nachdem ich mich eingelebt hatte. Ich bin mir also sicher, dass ich noch Weiteres in meinen letzten dreieinhalb Monaten mitnehmen werde.



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