Vorhang zu in der Barockfabrik

in Aktuelles um die Ecke, Kultur & Musik

„Die Barockfabrik schließt zum 30. Juni 2017“ steht seit einigen Wochen auf der Webseite des Kulturhauses zu lesen – unauffällig verlinkt zu einem YouTube-Video, in dem Sal Valentinetti den Sinatra-Song „My Way“ zum Besten gibt. Eine seltsame Kombination aus nüchternem Behördensprech und großen Gefühlen trifft da aufeinander, und irgendwie passt das auch ganz gut. Denn Ende Juni ist in Aachen fast unbemerkt eine Ära zu Ende gegangen: Ohne vorherige Ankündigung wurde die Barockfabrik am Löhergraben, die seit über 30 Jahren eine feste Größe des städtischen Kulturlebens war, sang- und klanglos geschlossen.
Für Kinder- und Jugendkultur war die Barockfabrik mit ihrem breit gefächerten Programm jahrelang die Adresse in Aachen. Das Kinder- und Jugendtheater AVANTI, die Tanzwerkstatt und die Puppenbühne waren dort zu Hause und es gab zahlreiche kreative Workshops und Kurse für Kinder aller Altersgruppen. Die Betonung liegt allerdings deutlich auf „war“, denn in den letzten Jahren wurde es ruhiger und ruhiger um die Kulturstätte.

Zuletzt wurde die Fabrik fast nur noch als Veranstaltungsort genutzt: Die Kinder- und Jugendbuchwochen fanden dort statt sowie Aufführungen der Puppenbühne Öcher Schängche, verschiedener Figurentheater und des Theater-Starter-Festivals. Ein neuer Schwerpunkt war seit 2015 das offene Atelier, ein Kunstangebot für jugendliche Migranten und Flüchtlinge, deren Bilder im Ludwig Forum ausgestellt wurden.
Alle weiteren kulturpädagogischen Angebote waren seit einigen Jahren kontinuierlich reduziert worden, ebenso der Veranstaltungsetat und die Personalausstattung. In jüngster Zeit war das Haus nur noch mit 1,5 Stellen besetzt – eigentlich zu wenig, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Während des diesjährigen Theater-Starter-Festivals mussten daher bereits mehrere Vorführungen in der Barockfabrik ausfallen, weil nicht genügend Personal vorhanden war, um die Veranstaltungen zu betreuen.
Die schrittweise Abwicklung des Kulturhauses wurde bereits 2013 durch einen Beschluss des Kulturausschusses eingeleitet. Die damalige schwarz-grüne Mehrheit hatte entschieden, das Konzept der Barockfabrik zu überarbeiten und die kulturellen Angebote zu dezentralisieren.
Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, sieht die Schließung daher unproblematisch: In den letzten Jahren seien die kulturellen Angebote für Kinder und Jugendliche in Aachen stark ausgebaut worden und würden nun reibungslos an verschiedenen Standorten weitergeführt. Von städtischer Seite seien durch das Centre Charlemagne und das neue Depot in der Talstraße zusätzliche Schwerpunkte entstanden, und auch freie Anbieter wie die Bleiberger Fabrik oder das DAS DA Theater leisteten inzwischen großartige Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendkultur.

Durch die baulichen Probleme sei es ohnehin kaum möglich gewesen, die Barockfabrik für die Arbeit mit Kindern zu erhalten. Da es in der Fabrik nur im Keller sanitäre Anlagen gibt, müssten auf allen Etagen neue Toiletten eingebaut werden. Und auch die langen Flure des Gebäudes gelten als problematisch, weil die Kinder und Jugendlichen dort nur schwer zu beaufsichtigen sind.
Für die Vertreter der damaligen Oppositionsparteien ist das jedoch kein schlagkräftiges Argument. „Wer so ein Haus erhalten will, kann auch ein paar Toiletten einbauen“, so Sibylle Reuß, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Es sei aber unter der aktuellen Kulturdezernentin einfach kein politischer Wille mehr da gewesen, das Haus zu erhalten. Trotz vieler Initiativen und Vorschläge von SPD und Linken sei es leider nicht möglich gewesen, den Erhalt des Hauses durchzusetzen. Die Entscheidung für ein rein dezentrales Konzept hält sie ohnehin für problematisch. Insbesondere für kleine Kinder sei ein ganzheitliches Angebot, wie es in der Barockfabrik geboten wurde, sehr wichtig. Kleinkinder wollen und müssen Kultur mit allen Sinnen erleben und keine spezialisierten Kurse für Musik oder Literatur belegen. So etwas sei aber nur in einem Familienzentrum mit fundiertem kulturpädagogischem Konzept möglich.

Was derweil mit dem historischen Gebäude am Was derweil mit dem historischen Gebäude am Löhergraben geschehen soll, ist noch unklar. Die Stadtverwaltung bestätigt, dass die Kinder- und Jugendbuchwochen 2017 noch wie geplant in der Barockfabrik stattfinden werden. Auch der Rote Saal soll für Aufführungen des Öcher Schängche und verschiedener Figurentheater erhalten bleiben, alle anderen Angebote werden jedoch an andere Standorte ausgelagert oder eingestellt.
Der Kulturausschuss hat sich bei seiner Sitzung am 22. Juni dafür ausgesprochen, dass in der Fabrik weiterhin Kulturarbeit stattfinden soll – wenn auch voraussichtlich nur noch für Erwachsene. Gesichert ist das jedoch noch nicht. „Es wäre schade, wenn ein städtisches Gebäude in dieser Lage und Ausstattung zum reinen Bürohaus verkommen würde“, findet Sibylle Reuß. Und auch Ulla Epstein, kulturpolitische Sprecherin der Linken, hält diese Option für eine Verschwendung von städtischem Potential. Angesichts der zentralen Lage biete sich die Barockfabrik doch geradezu an für ein städtisches Kulturzentrum. Ihre Fraktion wünscht sich für die Zukunft ein Kultur- und Bürgerhaus ähnlich dem alten Rathaus in Würselen. Unter dem Arbeitstitel „Haus der Öcher Kulturen“ wird auch eine Nutzung durch verschiedene freie Träger angedacht. Mehrere Gruppen der Volkshochschule, Karnevalsvereine, eine Theaterschule und Musikgruppen haben Interesse angemeldet, das Gebäude zu nutzen. Konkrete Planungen gibt es aber noch nicht. Zunächst wird die Fabrik daher bis auf den Roten Saal ungenutzt bleiben. Ein Workshop für die Erarbeitung eines neuen Nutzungskonzepts findet voraussichtlich erst kommendes Jahr statt.

Foto: Dietmar Rabich



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