Übergriffe auf Frauen in der Öffentlichkeit. Ein Beispiel.

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

37 % der Frauen und Mädchen ab dem 16. Lebensjahr sind von körperlicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen betroffen und jede zweite Frau kennt sexuelle Belästigungen. Die Fälle treten im persönlichen Umfeld auf, aber auch außerhalb. Nicht immer wissen die Betroffene, wie sie sich richtig verhalten sollen. Birgit Franchy traf Nicole Lennartz und Manfred Beier vom Kommissariat Vorbeugung und sprach über das richtige Verhalten, wenn man in der Öffentlichkeit belästigt wird. Anhand eines Beispiels verdeutlichen sie, wie man sich verhalten kann, wenn man einen Übergriff erlebt. Außerdem haben wir Anlaufstellen für euch zusammengestellt.

Eine Frau betritt spätabends einen mäßig besetzten Zugwaggon und freut sich zunächst, eine Doppelbank für sich alleine zu haben. Sie bemerkt, dass ein Mann sie auffallend taxiert. Er sitzt schräg hinter ihr. Aus dem Augenwinkel bemerkt sie, wie der Mann sich ständig nach vorne beugte, um sie anzusehen. Daraus machte er auch keinen Hehl. Sie drückt sich daraufhin in die Ecke der Bank, um seinen Blicken zu entgehen. Ein Fehler?
Manfred Beier: Wenn sich die Frau unwohl fühlt, wäre ein Sitzplatzwechsel schon zu diesem Zeitpunkt durchaus angemessen. Sie sollte sich zu jemandem setzen.
Das Gleiche gilt abends auf der Straße: Lieber eine  belebte Straße aufsuchen, wo Menschen sind, wenn ich mich verfolgt fühle.

Die Frau bleibt sitzen, meint aber exihibitionistische Handlungen zu bemerken. Da hält der Zug an einem dunklen kleinen Bahnhof, der Mann hört mit seinen Aktionen auf und zeigt dem hinzugekommenen Schaffner sein Ticket. Die Frau überlegt, den Schaffner anzusprechen, doch während der Mann, der sie belästigt, groß, sportlich und muskulös ist, ist der Schaffner jung, klein und schmächtig. Sollte die Frau den Schaffner einweihen? Was hat dieser für Möglichkeiten?
Manfred Beier: Diese Situation bietet einen Anker. Auf jeden Fall sollte die Frau den Schaffner ansprechen oder ihm hinterhergehen, wenn sie ihn nicht direkt ansprechen möchte.
Nicole Lennartz: Schaffner sind für solche Situationen ausgebildet und sollten auf jeden Fall angesprochen werden.
Manfred Beier: Das Gleiche gilt draußen für Taxifahrer, Busfahrer oder auch Ladenbesitzer.

Als der Zug wieder fährt, setzt der Mann sein Treiben fort. Die Frau hat Bedenken, andere Fahrgäste einzubeziehen, aus Angst, dass sie lieber wegschauen, als zu helfen.
Wie sollten andere Fahrgäste einbezogen werden? Was macht Sinn?
Nicole Lennartz: Andere Menschen sollten auf jeden Fall einbezogen werden. Zum Beispiel kann ich Menschen direkt ansprechen: „Hey, Sie da, mit dem roten Pullover.“

Als die Frau sich sicher ist, was da vor sich geht, und Angst bekommt, von hinten angegriffen zu werden, steht sie auf.
Unnötig? Sind Täter, die exhibitionistische Taten durchführen, immer als harmlos einzustufen?
Nicole Lennartz: Exhibitionistische Taten sind Straftaten, und es sollte Anzeige erstattet werden. Findet die Tat vor einem Kind statt, zählt dies zu „sexuellem Missbrauch an Kindern“. Es sollte in jedem Fall die Polizei informiert werden.
Es kann auch nicht immer davon ausgegangen werden, dass es bei dieser Tat bleibt.

Die Frau überlegt, was zu tun ist. Am nächsten kleinen Bahnhof aussteigen? Oder ins nächste Abteil gehen? Sie geht ins nächste Abteil, setzt sich neben eine  junge Frau und erzählt ihr, was vorgefallen ist. Der Mann steht auf, schaut ihr nach und entscheidet sich, am nächsten Bahnhof auszusteigen.
Nicole Lennartz: Das ist absolut die richtige Reaktion. Die Frau sucht den Kontakt zu einer Mitreisenden, welche ihr zuhört und sie ggf. bei Bedarf unterstützen würde. Richtig ist auch, nicht gemeinsam mit dem Täter den Zug an einem einsamen, kleinen Bahnhof zu verlassen. Die sicherste Verhaltensweise ist in dieser Situation, gemeinsam mit Mitreisenden den Zug zu verlassen und die Polizei sofort über diesen Vorfall in Kenntnis zu setzen.

Die Probandin in unserem Beispiel ist eine erwachsene Frau. Da solche Fälle immer wieder vorkommen können: Sollten Eltern ihre Töchter auf so etwas vorbereiten oder macht das nur unnötig Angst? Und wenn ja, wie bereite ich sie vor?
Nicole Lennartz: Ja, Kinder sollten unaufgeregt vorbereitet werden. Und zwar nicht nur Mädchen! Diese Dinge passieren auch Jungen.
Gut ist, wenn die Kinder bereits im Kindergarten- wie auch Grundschulalter Präventionsveranstaltungen, die z. B. von der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück durchgeführt werden, besuchen können.

Manche Menschen sagen, in Zeiten von Smartphones könne man ja ein Foto des Täters machen. Eine gute Idee?
Manfred Beier: Eher nicht. Das kann provozieren. Über so etwas sollte nur nachgedacht werden, wenn man sich in einer sicheren Gruppe befindet.

Was ist, wenn jemand so eine Szene beobachtet? Wie könnte er oder sie eingreifen?
Manfred Beier: Wenn so eine Szene beobachtet wird, sollte man sich zu dem Opfer gesellen.

Wie ist die Aktion des Mannes einzustufen. Ist das ein „Kavaliersdelikt“ oder eine Straftat? Es ist ja „nicht wirklich etwas passiert“.
Nicole Lennartz: Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die immer zur Anzeige gebracht wird. Übrigens können Menschen auch durch so eine Tat ein Trauma erleiden!
Und es gilt auch hier: Der Täter ist der Täter, und das Opfer ist das Opfer. Immer wieder fühlen sich Frauen schuldig, wenn ihnen eine Straftat widerfährt. Auch junge Mädchen, die heute gerne leicht bekleidet herumlaufen, sind keine Aufforderung, übergriffig zu werden. Leider hört man immer noch Sprüche wie „die fragt es sich doch“, das ist natürlich Unfug und muss aus den Köpfen verschwinden.

Wie sollte sich eine Frau oder grundsätzlich jeder vorbereiten?
Manfred Beier: Belebte Straßen nutzen, nicht die einsamsten Gässchen. Im Zug: lieber in ein Abteil mit mehreren Personen setzen.
Und bitte keine Waffen! Wir erleben immer wieder, dass Menschen sich bewaffnen. Aber das kann im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losgehen, denn die wenigsten sind natürlich geübt im Waffengebrauch. Selbst der Einsatz von Tränengas muss geübt sein, sonst sprüht man gegen den Wind und hat es noch selber im Gesicht. Oder man verletzt sich an seinem eigenen Messer. Wir sagen: Finger weg davon!
Nicole Lennartz: Es gibt sogenannte Stinkkapseln, welche man in der Oberbekleidung mitführen kann. Diese könnte man bei Bedarf zum Platzen bringen, so dass ggf. ein Täter aufgrund des üblen Geruchs Abstand nimmt. Nicht unbedingt angenehm für den Ausführenden – aber in der Regel abstoßend für den Täter.
Wir empfehlen darüber hinaus auch Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse.

Beratung & Infos:

Kriminalkommissariat 44
Kriminalprävention/Opferschutz
Jesuitenstraße 5, 52062 Aachen
Nicole Lennartz
0241 9577-34401
nicole.lennartz@polizei.nrw.de

Das Kriminalkommissariat berät nicht nur zum Thema Prävention und Missbrauch (auch bei Kindern) sondern hält auch viele Infobroschüren bereit.
Zum Beispiel: „Stärker, als Du denkst“ Selbstschutz und Selbstbehauptung – Eine Broschüre für Frauen und Mädchen in der StädteRegion

Ansprechpartner der Fachstellen gegen sexuelle Gewalt der StädteRegion Aachen
(Diese Beratungsstellen können ebenfalls von Jungen bzw. heranwachsenden männlichen Jugendlichen aufgesucht werden.)

Fachstelle gegen sexuelle Gewalt
Amt für Kinder, Jugend und Familienberatung der StädteRegion Aachen
Zollernstraße 10, 52070 Aachen
Dipl.-Pädagogin Angelika Degen
0241 5198-2240
angelika.degen@staedteregion-aachen.de

Fachstelle Sexueller Missbrauch in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der StädteRegion Aachen
Frankentalstraße 3, 52222 Stolberg
Dipl.-Sozialpädagogin Psychotherapeutin (HPG) Sabine Rommel
02402 22545
Sabine.rommel@staedteregion-aachen.de

ANKER – Anlauf- und Beratungsstelle für Kinder, Eltern und Ratsuchende
Fachstelle für sexuelle Gewalt
Otto-Wels-Straße 2 b (Luisenpassage),
52477 Alsdorf
Sandra Breuer
02404 9495-10/-15/-11
www.anker-alsdorf.de

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
www.hilfetelefon.de
08000116016
Unter dieser Adresse werden Frauen kostenfrei und in 15 verschiedenen Sprachen rund um die Uhr beraten. Und zwar bei Gewalt in Ehe und Partnerschaft, bei sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung und Zwangsheirat oder Menschenhandel.
Auch die Polizei nutzt manchmal diese Adresse, um sich Hilfe durch Dolmetscherinnen zu holen. Fachkräfte, Freunde und Angehörige können sich ebenfalls beraten lassen.

theaterpädagogische werkstatt gGmbH
www.tpw-osnabrueck.de
Theaterstücke für alle Altersstufen zum Thema Neinsagen, Kinder-stark-Machen …

Selbstbehauptungstraining
z. B.
thome.wsd-persoenlichkeitstraining.de

basta! e. V. Düren ist ein Verein gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen
Paradiesbenden 24, 52349 Düren
info@basta-dueren.de
Sprechzeit Donnerstag (außer in den Ferien):
16:00-18:00 Uhr nach telefonischer Voranmeldung
Telefon für Veranstaltungsfragen und -anmeldungen:
Di, 13:00-14:00 Uhr
Mi, 13:00-14:00 Uhr
Do, 16:00-18:00 Uhr
02421 489216 oder 01515 2571690
Der AB wird täglich abgehört

Aufgabe und Ziel des Vereins ist es, dem sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen vorzubeugen und die psychische, physische und soziale Situation der Kinder zu verbessern, die sexuell missbraucht werden oder in ihrer Vergangenheit sexuell missbraucht worden sind.



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