Die Aachener Kinderärztin und Psychotherapeutin Dr. Brit Steinau betreut Familien, deren Start ins Familienleben holperig verläuft. In der Krisensprechstunde zu Regulationsstörungen des Säuglings hat sie festgestellt, dass die Coronakrise sich auch bei Familien mit einem Neugeborenen negativ niederschlagen kann. Für KingKalli hat sie einen Gastartikel verfasst und ermutigt Familien sich in Notsituationen Hilfe zu suchen.
„Ich habe mich total als Versager gefühlt. Ich kriege es mit meinem Kind nicht hin.“
Es macht mich sehr betroffen, dass ich immer wieder solche Äußerungen von Müttern zu hören bekomme. Es lastet ein immenser Druck auf den Betroffenen. Hilflosigkeit, Schamgefühle, Verzweiflung, Erschöpfung, Einsamkeit, Emotionslosigkeit, Leere stellen sich ein. Und dabei hat sich in der Schwangerschaft doch ein ganz anderes Bild der anstehenden Mutterschaft herausgebildet und erwartet wurde ein Gefühl der Euphorie, Familienglück und eine Überschwemmung mit Muttergefühlen. Ein Rhythmus im Tages- und Nachtablauf. Harmonie im Miteinander. Ein Gefühl des Getragen sein in der Beziehung.
Verzerrtes Bild von der perfekten Familie
Soziale Medien tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass genau dieses heile Familienbild entsteht. Man sieht Frauen nach der Geburt, perfekt gestylt, strahlend lächelnd, mit perfekter Figur. Einen scheinbar zufriedenen Säugling im Arm. Bestenfalls noch Liebkosungen von Seiten des Mannes.
Der Übergang von der Paarbeziehung in die Elternschaft stellt einen komplexen Vorgang dar, der sich langsam ausbildet und entwickelt. Ein Prozess, der Zeit benötigt. Die hormonelle Umstellung während der Schwangerschaft und nach der Geburt sollte behutsam wahrgenommen werden. Das Baby hat große Anpassungen zu leisten. Versorgt im Mutterleib, behütet und geschützt, hat sich das Baby nach der Geburt dem eigenständigen Leben zu widmen. Temperatur regulieren, Nahrung und Verdauung bewältigen, Reize der Umwelt wahrnehmen, verarbeiten und in das eigene Leben integrieren. Gleichzeitig zu spüren, dass man auf die unterstützende Hilfe der Eltern bei der eigenen Regulation angewiesen ist. Diese müssen feinfühlig die Signale des Kindes verstehen und altersangemessen zeitnah reagieren. Komplexe Vorgänge, bei denen alle gefordert sind und bei denen es so manches Mal zu einer Überforderung kommen kann. Die Beziehung zum Partner konstituiert sich neu. Und auch für den Mann, der in die Vaterschaft eingetreten ist, stellen sich große Veränderungen ein. Auch die Männer zeigen Anpassungsstörungen und Zeichen der Überforderung, die sich beispielsweise in Rückzug oder längeren Arbeitszeiten und bis hin zu einer Depression äußern können.
Krisen sind normal
Es handelt sich um völlig normale Krisen, die in vielen Lebensbereichen und Übergängen von Lebensphasen zu beobachten sind. Da sind beispielsweise die Pubertät zu nennen, der Auszug eines Kindes, die Wechseljahre, berufliche Veränderungen, der Eintritt ins Rentenalter und und und.
In solch schwierigen Lebensphasen benötigt es manchmal der professionellen Unterstützung und man sollte sich nich die scheuen, diese wahrzunehmen. Manchmal bedarf es nur eines Zurechtrückens des eigenen Blickwinkels und der Wahrnehmung. Ein Zurechtrücken von falschen Informationen bezüglich der Säuglingsentwicklung, die beispielsweise dem Internet entnommen wurden.
Es kann aber auch sein, dass man aufgrund der eigenen Biografie und Lebenssituation Schwierigkeiten hat, sich auf die neue Lebenssituation einzulassen und es daher noch hilfreicher sein kann, sich auf professionelle Unterstützung einzulassen.
Auf Bauchgefühl hören, wenn es nicht gut läuft
Mir ist es wichtig, Familien zu ermutigen, rechtzeitig und früh genug Hilfe aufzusuchen. Sie zu ermutigen, auf Ihr Bauchgefühl zu hören und zu vertrauen. Verlassen Sie sich auf Ihre Intuition, dass etwas nicht richtig läuft. Meine Erfahrung zeigt, dass sich Mütter nicht täuschen.
Greift die Unterstützung/Beratung oder Therapie früh genug, so werden langfristige Störungen in der Entwicklung des Kindes und Beziehung vermieden.
Dies gilt um so mehr, wenn zusätzliche Belastungen hinzukommen. Eine derzeit sehr große Belastung stellt für Familien die Coronapandemie dar. Ausgleichende Angebote für Familien sind weggefallen. Kontaktbeschränkungen führen zu Isolation und Vereinsamung. Ein persönlicher Austausch, der ausgleichend auf die Psyche gewirkt hat, fällt weg. Aktivitäten und Begegnungen für den sogenannten „Tapetenwechsel“ gibt es derzeit nicht mehr. Familien stoßen an ihre Grenzen und die Auswirkungen auf die psychische Verfassung sind oftmals negativ. Depressive Verstimmungen, Resignation, Lethargie, Gleichgültigkeit, Resignation und Verzweiflung können vorherrschend sein. Um so wichtiger, auf Unterstützung zuzugreifen.
Anlaufstellen
Aachen
Luisenhospital Aachen
Ambulanz für Schreibabys – Haltgebende Eltern-Säugling-Begleitung
Betreuungsangebot:
– Ambulanz für Schreibabys
– Eltern-Kind-Begleitung in Krisensituationen
– Kurse in Schmetterlings-Babymassage nach Dr. Eva Reich
– Individuelle bindungsorientierte Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuung
Info und Anmeldung: 0171 2114837 (Dagmar Kirsten) oder 0241 414-2205 (Treffpunkt Luise)
Dr. med. Brit Steinau
Säuglings- und Kleinkindersprechstunde für Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen – alle Kassen, 0241 4011450
www.kinderaerztin-steinau.de
Dipl.-Soz.päd. Petra Weidemann-Böker
Schlafberatung vom Säugling bis zum Schulkind
Buchautorin: So lernen Kinder schlafen
02408 5993760, www.infobaby.de
Termine nach Absprache / kostenpflichtig
Dipl. Päd. Kerstin Kelberlau
Lütticher Str. 32
52064 Aachen
0241 41202111
www.kerstin-kelberlau.de
Anlaufstelle „Frühe Hilfen“ Kinderschutzbund Aachen
Talstraße 2, 52068 Aachen
0241 9499430
fruehehilfen@kinderschutzbund-aachen.de
kinderschutzbund-aachen.de/fruehe-hilfen
StädteRegion Aachen – Gesundheitsamt
Trierer Straße 1, 52078 Aachen
Karin Essers, Hildegard Schmadalla-Bürvenich
0241 5198-5308
gesundheitsberatung@staedteregion-aachen.de
Zuständig für die Koordination der Frühen Hilfen in Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Monschau, Roetgen, Simmerath und Würselen
Düren
Schreiambulanz am St.-Marien-Hospital Düren
Hospitalstraße 44, 52353 Düren
Sprechstunden und Anmeldung unter 02421 805-370. Es wird eine Überweisung vom Kinderarzt benötigt.
Stolberg
Bethlehem Gesundheitszentrum Stolberg gemeinnützige GmbH
Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)
Hilfe bei Regulationsstörungen des Säuglings nach Überweisung durch den Kinderarzt
02402 107-4194
spzsekretariat@bethlehem.de, spz@bethlehem.de
www.bethlehem.de
Infos im Internet:
www.schreibaby.de/adressen-fuer-eltern-von-schreibabys/#plz5
Weiterführende Links:
Definition von Regualtionsstörungen
kingkalli.de/schreibaby-regulationsstoerung-was-ist-das/
Interview mit Dr. Brit Steinau: „Von der Bedeutung eines guten Starts ins Leben, der Veränderung im Familienleben und der Definition von Regulationsstörungen“
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