Tinte trifft Tusche – neue Ausstellung im Couven Museum Aachen

Tante Anna war schuld. Aus ihrem Erbe stammte ein mit Kleeblättern verziertes Schreibset mit Tintenfass, das Dr. Julius Rohm so begeisterte, dass es den Grundstein für seine Sammlung legte. 70 historische Tintenfässer und Schreibsets aus der Zeit des Jugendstils sind derzeit im Couven Museum Aachen zu bestaunen. Ergänzt wird die Ausstellung um Tuschezeichnungen des Künstlers Stephan Wunsch. Die Ausstellung ist bis zum 18. April 2027 zu sehen.

Schreiben hat etwas mit Bildung zu tun. Gerne stellte das Bildungsbürgertum um 1900 zur Schau, was es hatte. Mit der Ausstattung im Schreibzimmer rund um Schreibtisch und Sekretär umgab man sich mit Dingen, die den eigenen Geschmack, aber auch den gesellschaftlichen Rang sichtbar machten. Firmen wie WMF stellten zur Zeit des Jugendstils kunstvolle Schreibsets wie das von Tante Anna in Serie her. Dem Gestaltungsreichtum waren kaum Grenzen gesetzt. Das Set mit den Kleeblättern und solche mit geometrischen Linien müssen schon fast schlicht genannt werden, andere Werke zeigen mythologische Figuren oder die Begeisterung für Schiff- und Raumfahrt. Dort arbeitet ein Zwerg im Bergwerk, in einem riesigen Kristall vor seinen Füßen lagert die kostbare Tinte. Eine wunderschöne barbusige Jungfrau oder Nixe badet ihre Füße in einer Schale, an deren Ende das kleine Tintenfass eingelassen ist. Ein Jüngling mit Fischschuppen an den Beinen kämpft sich aus den Fluten, das Tintenfass ist im riesigen Fisch verborgen, der ihm folgt.

Natürlich dürfen auch prunkvolle Sets mit Justitia nicht fehlen, die wohl auf den Beruf ihrer Nutzer hinweisen. Was mag der grimmig schauende Ritter symbolisieren? Bei ihm muss man zuerst das Visier öffnen und den Helm abnehmen. Die Tinte ist dann dort, wo man sonst das Hirn vermuten würde, erzählt Kuratorin Carmen Roebers bei der Presseschau über ihr Lieblingsstück. Hat der Eigentümer damit seinen Humor zum Ausdruck gebracht?

Je reicher die Besitzer waren, desto größer waren die Sets und desto mehr konnten sie auf ihren Tischen unterbringen. Analog zu heutigen Smartphoneaufstellern gab es damals Halter für Taschenuhren, damit man beim Schreiben nicht die Zeit aus den Augen verlor. Zudem waren Behältnisse zum Ablöschen der nassen Tusche und Tinte dabei. Carmen Roebers freut sich, damit sogar den Bogen zu den Ausgrabungen in Aachen schlagen zu können. Ein kleines Tongefäß mit Löchern wurde gefunden – das Streusandgefäß zum Ablöschen von Tinte ist natürlich auch ausgestellt. Streusand wurde verwendet, noch bevor es Löschpapier gab.

Das kleine Gefäß für Sand zum Tintelöschen wurde bei Ausgrabungen in Aachen gefunden.

Interessierte können in der Ausstellung auch etwas darüber lernen, wie Tinte und Tusche früher hergestellt wurden. Tinte kam keineswegs nur aus Tintenfischen, sondern konnte aus Galläpfeln oder Walnussschalen hergestellt werden. Anschauungsmaterial und Rezepte sowie ein kleiner Erläuterungsfilm sind zu sehen.

Stephan Wunsch neben einem seiner eigens für die Ausstellung geschaffenen Werke. | Foto: Birgit Franchy

Den Bogen zur heutigen Zeit schlägt Stephan Wunsch. Der Puppenspieler (theater rosenfisch) entwirft und zeichnet seine Figuren gerne mit Tinte und Tusche. Für die Ausstellung hat er passend zu den Räumen eigens Illustrationen angefertigt. Dafür verwendet er verschiedenste Tinten und Tuschen, die heute übrigens synthetisch hergestellt werden, wie er erläutert.

Das Puppenhaus wird passend zu den Sonderausstellungen ausgestattet. | Foto: Birgit Franchy

Für wen ist die Ausstellung geeignet?

Die Ausstellung spricht alle an, die sich für historische Schreib- und Wohnkultur interessieren. Wie haben wohlhabende Menschen im 18. und 19. Jahrhundert in der Aachener Innenstadt gelebt? Die Vitrinen mit der Sonderausstellung „Tinte und Tusche“ sind wie schon frühere Sonderausstellungen zu altem Kinderspielzeug oder Parfümflakons auf allen Etagen in die Räume eingebettet. Nebenher können Apotheke, Festsaal, Direktorenzimmer, Küche und Fliesenzimmer bewundert werden. Das historische Puppenhaus ist immer ein Anziehungspunkt für Kinder. Carmen Roebers gestaltet es immer wieder um. Wer findet die passenden Accessoires zur aktuellen Ausstellung?
Der Besuch eignet sich aber nicht nur als schöner Zwischenstopp in der Innenstadt beim Ausflug mit Oma und Opa, sondern ist auch für junge Menschen interessant. Journaling, Handlettering und Kalligrafie sind heute im Trend. Wer sich dafür interessiert, dürfte sich an der Ausstellung erfreuen und bekommt vielleicht sogar Lust, später seine eigene Tinte zu brauen.

Aus dem Programm

„Tinte trifft Tusche“ trifft „Spät am Markt“
Do 01.10., 17:00 bis ca. 19:00 Uhr 
Nach einer Führung durch die Sonderausstellung „Tinte trifft Tusche. Tintenfässer und Tuschezeichnungen“ mit Julia Samp sind die Teilnehmenden eingeladen, den Abend auf dem Feierabendmarkt „Spät am Markt“ ausklingen zu lassen, Eindrücke auszutauschen und miteinander ins Gespräch zu kommen. 
Treffpunkt Museumskasse, Museumseintritt zzgl. 5 Euro
Anmeldung: museumsdienst@mail.aachen.de, 0241 432-4998

Öffentliche Führungen
So 18.10., 15.11., 13.12.2026, 17.01., 21.02., 21.03.2027, jeweils 13:30 Uhr

Familienführungen
So 29.11., Di 29.12.2026, jeweils 15:00 Uhr

Geschichten im Museum: Tintenfass und Flohfalle – vom Zauber der Dinge
Fr 20.11.2026, 15:30-16:30 Uhr
Mit Erzählerin Lotte von der Inde anlässlich des Bundesweiten Vorlesetags; eine Kooperation von vhs, Stadtbibliothek und Couven Museum
Eintritt frei

Auf Entdeckungstour ins neue Jahr!
Fr 01.01.2027, 10:00-17:00 Uhr
Kinderrallye ohne Anmeldung
Eintritt frei

Workshop – Kreativität zum Mitmachen: Kreatives Schreiben
Sa 14.11.2026, Sa 27.02.2027, 14:00-16:00 Uhr
Mit Dr. Gudrun Liegl-Raditschnigg
Kosten: Museumseintritt
Anmeldung unter: museumsdienst@mail.aachen.de

Anlässlich des Internationalen Weltfrauentags am 8. März findet am Sonntag, 7. März 2027, ein Aktionstag zur Sonderausstellung statt:
„Mit Tinte zur Stimme – SCHREIBEN, LESEN, TEILHABEN“
10:00-17:00 Uhr
Eintritt frei

Finissage
So 18.04.2027, 13:30-16:30 Uhr
Tandem-Führung und Lesung
Stephan Wunsch und Carmen Roebers führen gemeinsam durch die Sonderausstellung. Im Anschluss liest Stephan Wunsch aus seinem Buch „Verrufene Tiere“.
Kosten: Museumseintritt zzgl. 10 Euro Führung und Lesung 


Couven Museum
Hühnermarkt 17
52062 Aachen
0241 432-4421
couven-museum.de

Öffnungszeiten:
Di-Mi 13:00-17:00 Uhr
Do-So 10:00-17:00 Uhr

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