Von der Wanderlust und ungewollten Wanderern – Premiere „Des Müllers Lust“

Frieden! Im Ausverkauf! Toleranz zu verkaufen! Solidarität und Rechtsstaatlichkeit! – Wie auf einem Wochenmarkt werden Werte mit lauten Stimmen zum Verkauf angepriesen. Laut der Eurobarometer-Umfrage von 2018 machen Frieden, Menschenrechte und Demokratie Europa aus. Mindestens einer dieser Werte wurde in allen Mitgliedsstaaten der EU am häufigsten genannt. Doch wie sieht das Verhältnis zwischen Wunschvorstellung und Realität wirklich aus? Ist ihre Nachfrage so gering geworden, dass unsere europäischen Werte mittlerweile zum Schleuderpreis über den Tisch gehen?
Mit genau solchen Fragen zur aktuellen Entwicklung Europas beschäftigt sich das Tanztheater „Des Müllers Lust“, eine neue Produktion des TanztheaterMobil, die am Wochenende im Dance-Loft Premiere feierte. Im Zentrum steht das Sinnbild eines Wanderers, denn das Wandern ist immer noch eine der beliebtesten Freizeitaktivität der Europäer. Ganz nach dem Motto „die Welt steht uns offen“ werden neue Gipfel erklommen und die Welt erkundet. Doch manche Wanderer möchten nicht zurückkehren. Lange blaue Tücher auf der Dance-Loft Bühne erinnern an das Meer, über das sich heutzutage so viele Geflüchtete zu einer gefährlichen Wanderung in eine bessere Zukunft aufmachen.
Zu Beginn des Stücks wird zunächst noch eine fröhliche Version des titelgebenden und allseits bekannten Wanderlieds „Das Wandern ist des Müllers Lust“ angestimmt. Drei Tänzerinnen springen über die Bühne und äußern aufgeregt ihre Reisepläne – Dom Rep? Domburg? Domkeller? Doch diese positive Stimmung schlägt um. Mal mit fließend, langsamen und melancholischen Bewegungen, mal mit schnellen, kraftvollen Tanzschritten drücken Lisa Hellmich, Maureen Lomb und Nona Munnix eine Vielzahl an Emotionen der geflüchteten „Wanderer“ aus, die ihre Heimat aus lebensbedrohlichen Gründen verlassen mussten: Angst, Verzweiflung, Erschöpfung, Ungewissheit, Macht und Wut – aber auch Hoffnung. Das Stück ist eine spartenübergreifende Arbeit aus Tanz und Theater, das in Zusammenarbeit von Yorgos Theodoridis (Choreographie, künstlerischer Leiter TanztheaterMobil) und Alessandra Ehrlich (Dramaturgie, Schauspielerin) entstanden ist. Eine Frage, die während der Vorbereitungen immer präsent war, ist: Wie viel Sprache brauchen wir eigentlich? Deutlich wird: Es braucht nicht viele Worte, um eine Geschichte zu erzählen. Neben Schlagworten und Fragen, die in den Raum geworfen werden, stehen Körper und Mimik als ausdrucksstarke Kommunikationsmittel im Fokus. Sie wirken eindringlich auf den Zuschauer ein und lassen gleichzeitig viel Raum für eigene Interpretationen. „Wichtig ist vor allem immer die eigene Assoziation. Jeden berührt etwas anderes, jeder hat einen eigenen Zugang zum Stück“, so Yorgos Theodoridis im Anschluss an die Premiere. „Wir wollen nicht vorschreiben, was man zu sehen hat. Wir wollen anstoßen zum Selberdenken.“

Als freie Tanzkompanie setzt sich das TanztheaterMobil in Trägerschaft des CulturBazar e. V. seit 2014 dafür ein, junge Menschen für den Tanz zu begeistern. „Des Müllers Lust“ wurde realisiert dank der Förderung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, der Stadt Aachen, der Jugend- und Kulturstiftung der Sparkasse Aachen, des Kommunalen Integrationszentrums Aachen und des NRW Landesbüros Freie Darstellende Künste.
Am 23. November wird es um 20:00 Uhr eine weitere Vorstellung im Dance-Loft geben. Karten hierfür gibt es im Vorverkauf bei KlenkesTicket und im Dance-Loft. Ticket-Reservierung unter: info@culturbazar.org oder 0241 23293. Außerdem besteht für Schulen die Möglichkeit, das Stück über die Bildungszugabe der StädteRegion Aachen zu buchen. Es eignet sich für Jugendliche ab ca. 13 Jahren.

tanztheatermobil.de
dance-loft.de
culturbazar.org

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