Parzival-Schule Aachen: „Treten Sie ein! Sie werden begeistert sein!“

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben, Gesundheit
Foto: Andrea Claessen

Vor zwei Jahren entschied sich unsere Redakteurin Andrea Claessen, ihre Tätigkeit in der Werbebranche aufzugeben, um als Quereinsteigerin an der Parzival-Schule in Aachen zu arbeiten. Hier beschreibt sie, wie es sich anfühlt, in der Mitte des Lebens noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen, und was für eine besondere kleine Welt in der Nähe des Hangeweihers existiert. Die Parzival-Schule sucht derzeit weitere Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter.

7:30 Uhr: Ich bringe meine Tochter in die Schule und fahre ins Büro. Jetzt habe ich ein paar Stunden Zeit, um meinen Job als selbständige Grafikdesignerin zu erledigen. Meine To-do-Liste für heute ist – wie immer – lang. Da klingelt auch schon das Telefon, der erste Kunde ruft an. Seine Stimme klingt angespannt. Er braucht dringend neue Flyer und ein paar Änderungen auf seiner Website. Um das zu ermöglichen, muss ich andere Aufträge verschieben. Abends um 23:00 Uhr sitze ich zu Hause in meiner Küche immer noch am Computer, die Liste ist nicht viel kürzer geworden. Aber jetzt ruft wenigstens niemand mehr an. Nachts entstehen hier die tollen Konzepte, mit denen ich tagsüber versuche, die Kunden zu begeistern. Oder ich schreibe Mails, Angebote und Rechnungen, jeden Abend, auch am Wochenende. Seit Jahren. Früher habe ich einfach mal eine 16-Stunden-Schicht gemacht, dann war alles vom Tisch. Aber seit ich Mutter bin, geht das nicht mehr. Ich werde jetzt auch woanders gebraucht. Doch die Zeit reicht nie, nicht für die Arbeit, nicht für mein Kind und erst recht nicht für mich. Es muss sich etwas ändern …

Eine Freundin erzählt mir von der Möglichkeit, als Quereinsteigerin an der Parzival-Schule zu arbeiten, einer Waldorf-Förderschule für verschiedene Förderschwerpunkte. Berufsbegleitend könnte ich dort eine Ausbildung zur Heilpädagogin absolvieren. Ich habe immer schon gerne mit Menschen gearbeitet, besonders gerne mit Kindern. Etwas Erfahrung konnte ich bereits sammeln, weil ich seit kurzem an einem Nachmittag in der Woche mit meiner Tochter in die Kahlgrachtmühle fahre, ein anthroposophisches Kinderheim in Aachen. Dort kümmere ich mich um zwei Esel und lerne dabei auch die Kinder immer besser kennen. Aber bin ich mit 43 Jahren nicht schon zu alt, um einen ganz neuen Weg einzuschlagen? Und traue ich mir eine Arbeit als Lehrerin an einer Förderschule zu? Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht oft mit Menschen mit Förderbedarf in Berührung gekommen. Die wenigen Male hatten mir jedoch nie Angst bereitet oder mich abgeschreckt. Im Gegenteil. Ich will es versuchen und schreibe eine Bewerbung an das Personalorgan der Schule.

Wenig später ist der Tag meiner ersten Hospitation. Ich gehe mit wackligen Knien und nervösem Magen Richtung Parzival-Schule. Gleich am Tor begrüßt mich ein Junge mit den Worten: „Treten Sie ein! Sie werden begeistert sein!“ Diese beiden Sätze werde ich nicht mehr vergessen.

Zu Anfang bin ich noch unsicher und nervös. Doch ich spüre sehr schnell, dass von diesem Ort eine besondere Wärme und Herzlichkeit ausgeht, die ich so noch nicht erlebt habe. Es hat wohl mit der Ehrlichkeit und Authentizität zu tun, die diese besonderen Kinder haben. Und so, wie sie ganz sie selbst sind, nehmen sie ihr Gegenüber auch so an, wie man nun mal ist. Das ist ein starker Kontrast zu meiner Tätigkeit in der Werbung, wo am Ende eigentlich nichts so ist, wie es scheint. Ich fühle mich sofort wohl und freue mich deshalb sehr, als mir die Schule für das nächste Schuljahr eine Stelle als Lehrerin in Ausbildung anbietet. Ich werde dann unterrichten und parallel eine Ausbildung zur Heilpädagogin absolvieren, die teils in der Schule und teils im Seminar in Herne stattfindet. Normalerweise stellt die Schule ausgebildete Sonderpädagoginnen und -pädagogen und Waldorflehrerinnen und -lehrer ein. Der Quereinstieg war möglich, weil ich ein handwerklich-künstlerisches Studium mit Diplom abgeschlossen habe.

Schon fast zwei Jahre ist dieser aufregende und schöne Neuanfang nun her. Seither steht Heilpädagogik auf meiner To-do-Liste: Die Entwicklung der Kinder einfühlsam in einer liebevollen Atmosphäre zu fördern und ein ganzheitliches, am Kind orientiertes Lernen zu ermöglichen, ist das Anliegen der Parzival-Schule.

Schule als Lebensort – ein gemeinsamer Weg

An der Parzival-Schule sind Gemeinschaftsmomente ein Grundstein der Pädagogik. Die Kinder und Jugendlichen lernen in kleinen, festen Klassengemeinschaften von der ersten bis zur zwölften Klasse. Als Lehrpersonal begleiten wir die Kinder mit wachem Interesse und liebevoller Wertschätzung auf dem Weg zu ihrer eigenen „Lebensidee“.

Dabei gilt auch: Jeder Lernprozess braucht seine Zeit. Und unser Vertrauen. Deshalb findet der Hauptunterricht an Waldorfschulen epochenweise statt: Ein Fach wird eine Zeit lang intensiv behandelt, um anschließend eine Weile zu ruhen. Nach diesen Pausen sind häufig erstaunliche Reifungsprozesse zu beobachten.

Die Parzival-Schule ist eine gebundene Ganztagsschule. Und so sind wir nicht nur ein Lernort, sondern gleichermaßen ein Lebensort. Wir kaufen gemeinsam ein und bereiten unser Essen oft in den klasseneigenen Küchen zu. Im Gartenbauunterricht wird der parkartige Schulhof gestaltet und gepflegt. Erfahrungen im Ackerbau sammeln die Kinder bei regelmäßigen Ausflügen auf einen Bauernhof, und die Bauernhoftiere gibt’s vor der Tür: Zurzeit leben in der Parzival-Schule ein Bienenvolk, zwei Schafe, drei Hühner und der Hahn Carolus. Und neuerdings gehört auch eine Hündin zur Schulgemeinschaft: Die Begegnung zwischen Hund und Kind erwies sich in der Notbetreuung zu Beginn der Corona-Zeit als so heilsam, dass ich kurzerhand eine Bewerbung für meine Hündin Paula schrieb. Sie ist damit jetzt offizielle Schulhündin und Seelentrösterin für alle, die mal eine Auszeit oder ein weiches Fell brauchen.

Schöpferische Kräfte

Ein zentrales Anliegen der anthroposophischen Heilpädagogik ist die Förderung der handwerklich-künstlerischen Tätigkeiten. In der Unterstufe spielen zum Beispiel Formenzeichnen und Wasserfarbenmalen eine wichtige Rolle. Aber auch Filzen, Töpfern, Weben, Stricken, Nähen und Holzarbeiten nehmen viel Raum an unserer Schule ein. Große Bedeutung haben auch der Eurythmie-Unterricht und der klassenübergreifende Chor. Das gemeinsame handwerklich-künstlerische Tun fordert die Kräfte und Fähigkeiten der Schüler heraus. Es weckt ihre Lebensfreude und fördert die Entwicklung.

Theaterspiel

Einen besonders zentralen Aspekt in der künstlerischen Entwicklung nimmt das Theaterspiel an unserer Schule ein. Schon in den unteren Klassen üben wir immer wieder szenisches Spiel, passend zur Jahreszeit. Große Theaterstücke studieren die Kinder dann in der 8. und 12. Klasse ein. Die öffentlichen Vorführungen sind eine schöne Gelegenheit, unsere Schule kennenzulernen. Vor zwei Jahren wurde unser Klassenspiel „Was ihr wollt“ von William Shakespeare sogar im Ludwig Forum aufgeführt.

Zusammenarbeit

Die Parzival-Schule ist eine staatlich anerkannte, selbstverwaltete Schule. Die Eltern unserer Schüler und Schülerinnen sind maßgeblich am Schulleben beteiligt und leisten durch ihre tatkräftige Mitarbeit in den Arbeitskreisen einen unverzichtbaren Anteil am Gelingen unseres Schullebens. Gemeinsam mit dem Kollegium und Eltern engagiere ich mich zum Beispiel im Spendenorgan, da wir als private Ersatzschule auf Spenden angewiesen sind. Gemeinsam mit der Freien Waldorfschule und dem Waldorfkindergarten veranstalten wir jährlich einen großen Martinsbasar auf dem gesamten Schulgelände.

Die richtige Entscheidung?

Hatte der junge Mann, der mich an meinem ersten Tag so enthusiastisch begrüßte, also recht? Oh ja, das hatte er! Ich habe meine Entscheidung, in der Mitte des Lebens noch einmal neu zu beginnen, nie bereut und freue mich jeden Tag, an diesem besonderen Ort arbeiten zu dürfen.

 

Lehrer oder Lehrerin werden

Informationen zur Ausbildung, zum Quereinstieg und zu offenen Stellen gibt es unter
parzival-schule-aachen.de

Spenden

Private Schulen sind auf die Unterstützung angewiesen.
Förderverein der Parzival-Schule
IBAN DE47 3905 0000 0036 0233 07
Sparkasse Aachen

Hinterlasse einen Kommentar