Zuhause für zweieinhalb Wochen: Übergangsunterkunft Inda-Gymnasium

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben
Foto: Birgit Franchy

Babynahrung, Windeln und Fläschchen, Kinderkekse und Zahnbürsten, Hygieneartikel für Damen, Toilettenpapier, Duschzeug und Deo – ich stehe im Warenlager, das vor rund drei Wochen im Inda-Gymnasium für die Versorgung von 300 Flüchtlingen eingerichtet wurde, und mir wird wieder einmal klar, was alles zu einem normalen Alltag gehört und woran es einem mangeln kann, wenn man auf der Flucht ist. Zur Versorgung der Menschen im Inda-Gymnasium wurden die Artikel von Mitgliedern der Malteser eingekauft, teils aber auch gespendet, berichtet Frank Meurer, Einsatzleiter des Malteser Hilfsdienstes. Heute kann ich mir vor Ort einen Eindruck davon verschaffen, wie die Menschen in ihrer vorübergehenden Bleibe untergebracht sind.

„Familien wie wir, mit den gleichen Bedürfnissen und Fragen.“

Als wir die erste Station – das Warenlager – verlassen, werden wir in der Aula umringt von einer Gruppe von rund zehn Menschen, darunter einige Kleinkinder. Eine junge Frau mit Kopftuch hält uns an und bittet in fließendem Deutsch um Informationen: Die Menschen wollten wissen, wohin sie gebracht werden. Frank Meurer sagt, er wisse es nicht. Die junge Frau gibt die Antwort an die Gruppe weiter. Noch einmal wird nachgehakt: Wann erfahren die Menschen denn, wie und wann es weitergeht? Frank Meurer muss leider erneut abwinken: Bislang hat das Malteser-Team noch keine Informationen von der Bezirksregierung erhalten. Die Gruppe zerstreut sich daraufhin wieder.
Die junge Frau, die fließend Deutsch spricht, ist Rima, 20 Jahre alt und Studentin aus Aachen. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Humam, der gerade am Couven-Gymnasium sein Abi bestanden hat und Medizin studieren möchte, kommt sie jeden Tag zu den Flüchtlingen im Inda-Gymnasium, um zu übersetzen. Die beiden sind in Deutschland geboren, ihre Eltern kamen bereits vor 35 Jahren aus Syrien hierher. Die Eltern sind gerade im Urlaub, Rima und Humam hatten eigentlich frei, als sie über das Islamische Zentrum Aachen e. V. erfuhren, dass dringend Dolmetscher benötigt werden. Von da an waren die Geschwister täglich acht bis zehn Stunden im Inda-Gymnasium, um die arabischsprachigen Flüchtlinge (syrische Kurden, irakische Kurden, Menschen aus Tunesien und Marokko) zu unterstützen.
Rima und Humam empfinden den Einsatz als sehr erfüllende Aufgabe. Humam schildert, dass es nicht nur darum gehe, zu übersetzen, sondern auch darum, einfach Zeit mit den Familien zu verbringen, mit den Menschen zu reden und mit den Kindern zu spielen. Es seien ganz normale Familien wie wir, mit den gleichen Bedürfnissen und Fragen. „Ihre Sorgen sind unsere Sorgen“, bestätigt Rima und macht deutlich, wie schwer es ist, den Menschen nicht erklären zu können, was weiter passieren wird. „Sie trauen sich nicht, sich an Aachen zu gewöhnen. Denn sich immer neu an etwas zu gewöhnen und wieder davon zu trennen erfordert viel Kraft.“
Besonders die Kinder hängen sehr an Rima und Humam, sie haben auch eine große Anpassungsfähigkeit. Gerührt berichtet Rima: „Ein kleines Mädchen wollte mir ihre Barbie zeigen, sie sagte: „Komm zu mir nach Hause, ich zeige sie dir.“ Mit ihrem Zuhause meinte sie das Klassenzimmer, in dem ihre Familie untergebracht ist.

Klassenzimmer als Zuhause auf Zeit

Rima und Humam wenden sich wieder den Menschen zu, für die sie vor Ort sind, und Frank Meurer zeigt mir das temporäre Zuhause zweier Familien. In einem Klassenraum wurden Tische und Stühle an die Wand gerückt und zehn Betten aufgestellt. Neben ihnen stehen Wäscheständer, Kinderwagen, Kinderspielzeug und Reisetaschen. Hier wohnen derzeit zwei Familien mit je fünf Familienmitgliedern.
Der Malteser Hilfsdienst hat innerhalb eines Tages das Inda-Gymnasium zu einer Wohnstätte für 300 Personen hergerichtet und die Familien aus der großen Turnhalle in die Klassenräume geholt, wo sie zu fünf bis zehn Personen je Raum zusammenleben. Zudem gibt es einen Infopunkt in der Aula, der immer besetzt ist, einen Sanitätsraum mit einer täglichen ärztlichen Sprechstunde, eine Kleiderkammer, ein Warenlager und einen Waschsalon, einen Stillraum, einen schlichten Wickelraum und ein Spielzimmer. Duschen stehen in der Turnhalle bereit. Gegessen wird in der Mensa, das Essen wird vom Studierendenwerk geliefert, auf Bestandteile wie Schweinefleisch wird der Einfachheit halber direkt verzichtet, damit alle Menschen das Essen zu sich nehmen können, auch wenn natürlich nicht alle den gleichen Glauben haben. Auch verschiedene Gebetsräume wurden bereitgestellt.
Der Malteser Hilfsdienst hat sich große Mühe gegeben, das Gebäude wohnlich herzurichten, wenn es auch nur für kurze Zeit ist. Insgesamt haben die täglich 35 Helfer vor Ort bisher 5.000 ehrenamtliche Stunden geleistet. Selbst Einsatzleiter Frank Meurer ist ehrenamtlich im Einsatz. Dafür kommt er nach seiner regulären Arbeitszeit – hauptberuflich ist er Dozent beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn – noch für einige Stunden aus dem Rhein-Sieg-Kreis nach Aachen.
Auch wurde mit vielen Freiwilligen aus Aachen kooperiert, die sich einbringen wollten. Lehrer meldeten sich und gaben ersten Deutschunterricht. Der Circus Configurani kam vorbei, um Kindern Jonglieren beizubringen, Erzieherinnen malten und bastelten mit den Kindern.
Auch aus den Reihen der Flüchtlinge wollten einige nicht untätig bleiben. Sie engagierten sich bei der Kinderbetreuung und der Müllentsorgung.
„Es wird hart, wenn sie gehen müssen“, sagt Humam, denn aus „Flüchtlingen“ sind in der kurzen Zeit schon Freunde und Bekannte geworden, sagen die Geschwister.
Bis Freitag soll die Schule geräumt werden, schon letzten Freitag wurden 100 Flüchtlinge Bonn zugeteilt. Dann ist auch die Ungewissheit vorbei, und die Menschen werden sich an einem andern Ort niederlassen – wer weiß für wie lange.

In der nächsten Woche sollen die Klassenräume dann wieder den Schülern des Inda-Gymnasiums zur Verfügung stehen. Wer hätte gedacht, dass die UNESCO-Projektschule, die sich der Friedens- und Menschenrechtserziehung in besonderem Maße widmen soll, ihrem Thema in den Ferien so nahekommt.

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Nachtrag 5. August, 17:24 Uhr: Soeben wurde durch das Presseamt der Stadt Aachen bekannt gegeben, dass die Bezirksregierung keine Unterkunft für die 205 Menschen finden konnte. Deshalb werden Morgen 120 in die ehemalige Hauptschule Franzstraße umziehen und am Freitag 85 in die Turnhalle Michaelsbergstraße in Aachen.

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