Genau vor einem Jahr haben wir Alessio und seine Familie kennengelernt und in KingKalli davon berichtet, vor welchen täglichen Herausforderungen eine Familie mit einem körperlich und geistig beeinträchtigten Kind steht. Das war vor der Coronakrise und vor dem ersten Lockdown. Jetzt haben wir nachgefragt, wie es der Familie inmitten der Maßnahmen ergangen ist.
Montag, 22. Februar 2021: Als ich bei Familie Mavilla anrufe, ist Nicole Mavilla ausgelassen fröhlich. Heute ist der erste Tag, an dem Familien ihre Kinder nach dem inzwischen fast dreimonatigen Lockdown wieder in die Schule schicken können. Das gilt auch für Kinder, die die Förderschule besuchen, und damit auch für den zehnjährigen Alessio, der vom Fahrdienst in die Parzivalschule nach Aachen gebracht wurde. Seit vier Uhr nachts sei er wach gewesen, so habe er sich auf die Schule gefreut, erzählt seine Mutter. Die vierjährige Aurelia besucht den Kindergarten und ist ebenfalls in ihrer Einrichtung. Da ist Zeit für ein Gespräch.
Das letzte Jahr hat Familie Mavilla vor viele Aufgaben gestellt. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr, der mit Mühe und Not gemeistert wurde, hatte Alessio gerade einmal an fünf Tagen Schule, bevor es in die Sommerferien ging. Ein Therapieaufenthalt in der Slowakei war geplant, da die Familie aber nicht wusste, ob man würde fliegen können, entschied sie sich, die 13-stündige Fahrt mit dem VW-Bus anzutreten. Am ersten Tag vor Ort die böse Überraschung: Der Bulli samt Inhalt war vom Parkplatz gestohlen worden – inklusive Therapiestuhl und Alessios Spezialwindeln, die man nur im Sanitätshaus kaufen kann. Der Abbruch des Aufenthalts kam dennoch nicht in Frage, da Alessio von den Therapien immer sehr profitiert und in der Entwicklung Fortschritte macht. Zurück in Deutschland musste dann ein neuer Wagen her – gar nicht so einfach, denn auch VW befand sich im Lockdown, sodass es satte sechs Monate dauerte, bis Familie Mavilla wieder einen Bulli hatte, in den der Rollstuhl von Alessio passte. Zudem muss auch das neue Fahrzeug umgebaut werden. Für die fünfstellige Summe kommt weder die Versicherung noch die Krankenkasse auf. Doppelte Sorgen für die Familie, denn Vater Alexander Mavilla wird bald seinen Job verlieren – er arbeitet bei Continental. Die Firma wird den Standort Aachen aufgeben.
Nach dem Sommer atmet die Familie trotzdem zunächst auf, denn Alessio kann in die Schule, Aurelia in den Kindergarten. Der zweite Lockdown im Winter wird wieder zur Belastungsprobe. Alessios zahlreiche Therapien finden normalerweise in der Schule statt, auf sie verzichten kann er nicht, da sich sonst seine Fähigkeiten wieder zurückbilden, Muskeln abgebaut werden. Also kommen Therapeutinnen teils nach Hause, teils muss die Mutter ihren Sohn hinbringen, eine logistische Herausforderung, die zum Beispiel noch dadurch erschwert wird, dass sich die logopädische Praxis im vierten Stock befindet und nicht komplett mit Aufzug erreicht werden kann.
Beim Thema Homeschooling steht die Familie vor dem gleichen Problem wie vermutlich viele Familien. Alessio hat nicht die geringste Lust, den Schulstoff mit seinen Eltern zu bearbeiten. Zum Glück hat er eine Schulbegleiterin, die im Januar und Februar in die Familie kommt.
Die Schule wird als engagiert bewertet, an Karneval besuchen die Lehrerinnen alle Kinder zu Hause – beziehungsweise natürlich auf der Straße vor dem Haus –, singen Karnevalslieder und bringen Süßigkeiten. Eine riesige Freude für den Jungen.
Sorgen hat Nicole Mavilla im Lockdown auch die Situation ihrer kleinen Tochter bereitet. Da Alessio nichts alleine machen kann und mehrfach täglich epileptische Anfälle erleidet, kann er keine Sekunde aus den Augen gelassen werden. Nicht mal duschen geht die Mutter, wenn sie mit den Kindern alleine ist. Ihre Tochter bekommt den ganzen Tag Sätze zu hören wie „Warte mal“, „Fang schon alleine an“, Alessio hier, Alessio da – kurzum, sie spiele immer die zweite Geige, bedauert Nicole Mavilla. Und so ist es nur zu verständlich, dass Aurelia sehr um Aufmerksamkeit und Lob buhlt. Schließlich entscheiden die Eltern, Aurelia tagsüber in die Notbetreuung des Kindergartens zu geben. „Ab dem Zeitpunkt war ihre Laune viel besser und sie ist viel ausgeglichener“, so die Mutter im Rückblick.
Freiräume für sich selbst hat die Mutter in den Monaten des Lockdowns gar keine. Auf der Couch habe sie nie gelegen, abends sei sie mit den Kindern ins Bett gegangen, erzählt Nicole Mavilla. Ihre eigene Laune habe auch unter der Situation gelitten, morgens habe sie manchmal keine Lust mehr aufzustehen. Immerhin habe sie noch ihren Job als Jemako-Beraterin, das sei ihre positive Ablenkung im Alltag und darauf freue sie sich immer aufs Neue, auch wenn die persönlichen Kontakte im Lockdown fehlen. Wenn Artikel ausgeliefert werden müssen, macht die Familie das gemeinsam. Das und mal durch die Waschstraße fahren sind die „Freizeitaktivitäten“, die der Familien geblieben sind.
Wenn man Nicole Mavilla fragt, ob sie Angst vor Corona habe, winkt sie ab: „Corona ist unser kleinstes Problem.“ Diese Sorge habe neben den Alltagsproblemen, die der Lockdown verursacht, eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Auch die Großeltern haben sich nach kurzer Zeit der Bedenken entschieden, lieber die Familie zu besuchen und den Kontakt zu halten, als sich zu Hause zu isolieren. Zudem können sie Alessio kurz alleine beaufsichtigen, wenn Nicole Mavilla mal zum Einkaufen muss – oder eben duschen möchte.
Mit Blick auf die Zukunft wünscht sich Nicole Mavilla vor allem eins: dass Kindergarten und Schule geöffnet bleiben, „denn Kinder brauchen Normalität“. Alessio, der eigentlich ein absoluter Strahlemann sei, habe Tag für Tag schlechtere Laune entwickelt, so kenne man ihn gar nicht. Er habe sich nur noch gewünscht, zur Schule zu können, denn normalerweise sind schon Ferien für ihn eine Höchststrafe. Alessio, der aufgrund seiner halbseitigen Spastik selbst kaum etwas machen kann, liebt es, anderen Kindern beim Spielen zuzuschauen, das sei seine allergrößte Freude, und die Mutter hofft sehr, dass dies nun dauerhaft wieder zum Alltag gehört.
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Text: Birgit Franchy ⁄ Fotos: privat
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