Nachwuchsdokumentarfilmer aus Aachen: Nur was man kennt, kann man schützen!

Foto: Andreas Blauth

Der Nachwuchsdokumentarfilmer Gamander López hält Aachens Waldleben in beeindruckenden, preisgekrönten Bildern fest.

Interview: Peter Hermann, Fotos: Gamander López / Andreas Blauth

Der Aachener Wald ist eine grüne Lunge nur wenige Minuten von der Hektik der Innenstadt entfernt, der für viele Bürgerinnen und Bürger liebgewonnene Ausflugsziele und vertraute Spazierwege zu bieten hat. Der 18-jährige Gamander López dürfte dort jedoch einige Orte kennen, die den meisten Augen verborgen bleiben. Der junge Mann, der derzeit noch die Abiturklasse der Freien Waldorfschule am Hangeweiher besucht, wohnt am Naturschutzgebiet Bildchen und dreht fast schon sein halbes Leben lang Naturfilme in seiner unmittelbaren Umgebung. Mit einem davon, „Der Wald hinter den Bäumen“, ging der Sohn einer deutschen Mutter und eines spanischen Vaters im Sommer beim „Deutschen Jugendfilmpreis 2020“ im Rahmen des „bundes.festival.film“ aus der Teilnehmergruppe der 16- bis 20-Jährigen als strahlender Sieger hervor. Die Stars seines technisch professionell umgesetzten und mit 1.000 Euro belohnten Werks: Tiere, Pflanzen und Landschaften im Aachener Wald. Mit viel Talent, Behutsamkeit und unendlicher Geduld hat der Nachwuchsregisseur über ein Jahr hinweg wunderschöne, interessante oder drollige Szenen mit Füchsen, Dachsen, Mäusen und Vögeln bei ihren alltäglichen Verrichtungen festgehalten – mit Hilfe von allerlei Gerätschaften wie einer Actionkamera, einer Kamera für Nachtaufnahmen, einer Kameradrohne und einem Teleskoparm sowie teilweise unter einer Tarnausrüstung verborgen. Fünfzig Stunden Material hat er gefilmt, gesichtet, geschnitten und schließlich mit Musik und eigener Erzählerstimme versehen, bis der Film „rund“ war. Im Interview hat er KingKalli von sich und seiner Tierfilmleidenschaft erzählt.

Wie bist du dazu gekommen, Naturdokumentationen zu drehen?
Ich bin immer viel und gerne mit meiner Mutter und meiner Schwester in der Natur spazieren gegangen und fand auch das Beobachten von Tieren toll. Schon als kleines Kind habe ich häufig in einem Naturfotobuch geblättert und gedacht, es wäre cool, so etwas eines Tages selbst zu machen, und bei Naturdokus auf DVD haben mich nicht nur die eigentlichen Filme, sondern auch die Making-ofs sehr interessiert. Mit zehn habe ich dann meine erste Kamera geschenkt bekommen und angefangen, Tiere zu fotografieren, später auch zu filmen – und das hat mich nicht mehr losgelassen. Die technischen Aspekte habe ich mir YouTube-Videos und Büchern aus der Stadtbücherei selbst beigebracht, und ich lerne ständig und gerne hinzu.

Was macht für dich gute Tierfilme aus und wie bekommst du Ideen für deine eigenen Werke?
Da bin ich offen, das kann ein rein dokumentarischer Film sein, aber auch ein Film mit einer Geschichte oder einer, in dem die Tiere menschliche Züge oder Namen verpasst bekommen. Hauptsache, es macht Spaß, ihn anzusehen, oder man lernt etwas daraus. Bei meinen eigenen Filmen habe ich anfangs meist nur eine grobe Idee, was ich drehen möchte. Die Geschichte und die Aussage entwickle ich erst beim Schnitt. Manchmal suche ich mir auch zuerst die Musik zu einer bestimmten Filmpassage aus – dafür gibt es im Internet Datenbanken mit kostenpflichtigen Stücken zu verschiedenen Stimmungen – und schneide dann die Szene passend dazu.

Foto: Gamander López

Wie suchst du die Drehorte aus?
Meist lasse ich mich überraschen, ob ich „jemanden“ treffe, ich lese aber auch nach, zu welcher Tages- und Jahreszeit welche Tiere auf welche Weise wo aktiv sind – meistens ist es morgens am besten. Bei Vögeln erkenne ich mittlerweile deren Rufe und weiß, wohin ich mich wenden muss. Wenn ich dann etwas entdecke, etwa ein Buntspechtnest, überlege ich, wie ich mich diesem am besten nähern kann, ohne das Tier zu stören, oder ob ich mein Tarnnetz benötige.

Was ist das Schwierigste an der Dokumentarfilmarbeit?
Der Schnitt macht mir weniger Spaß und ist anstrengender als das Filmen, vor allem zu Beginn: Ich muss am PC das Material auswählen und die unendlichen Möglichkeiten abwägen, wie man es aneinanderreiht, um eine Geschichte zu erzählen. Beim Filmen ist das Warten am nervigsten, da kann es auch schon mal passieren, dass ich die Motivation verliere, wenn wochenlang kein Tier auftaucht. Gleichzeitig macht genau das aber auch den Reiz aus, wenn sich dann doch endlich eins blicken lässt.

Wie oft bist du im Wald, um zu drehen, und hast du daneben noch Zeit für Schule und Privatleben?
Vor allem im Frühjahr bin ich eigentlich täglich vor der Schule und nach dem Abendessen draußen. Dann brüten die Vögel, die Füchse werden groß und es gibt viel Schönes zu sehen. Jetzt im Herbst ist meist weniger los, da sind etwa die Vögel sehr vorsichtig, weil sie in der Mauser sind und deshalb schlechter fliegen können. Zeit, um Freunde zu treffen und für die Schule zu lernen, habe ich aber auch noch.
Wie schaffst du es, dass die Tiere dich nicht bemerken?
Dass Tiere einen gar nicht bemerken, schafft man eigentlich nicht und es gibt auch immer viele Fehlversuche. Wichtig ist, dass man auf ihre Körpersprache achtet, sie einen nicht als Menschen wahrnehmen und man sich nicht schnell bewegt. Dann sind sie nur kurz interessiert, und wenn sie keine Gefahr wittern, machen sie weiter, was sie eben gerade so machen. Es hängt aber auch ganz individuell vom Tier ab: Manchen ist alles egal, andere sind sehr scheu. Beim Dreh am Fuchsbau für „Der Wald hinter den Bäumen“ habe ich mein Versteck zuerst fünfzig Meter entfernt aufgebaut und es dann immer näher gerückt, bis ich nur noch fünf Meter weit weg war. Der Rüde hat mich nicht bemerkt und ganz normal seine Jungen gefüttert.

Womit vertreibst du dir die Zeit, während du auf die Tiere wartest, und was für Probleme gibt es dabei?
Musik hören oder am Handy spielen kann ich nicht, weil ich dadurch Tiere vertreiben würde oder etwas verpasse. Deshalb träume ich meist vor mich hin, bin aber noch nie dabei eingeschlafen. Mein Rekord waren zehn Stunden an einem Starennest ohne Essen und Trinken. Das Nest hatte ich schon lange beobachtet und an jenem Tag gedacht: Heute werden die Jungen rausfliegen. Was dann nicht passiert ist, während ich da war – und tags darauf waren sie alle fort. Das war natürlich etwas frustrierend, aber so ist das einfach. Das Schlimmste sind Zecken, täglich beißt mich mindestens eine. Und Mückenstiche sind natürlich auch nervig, aber Sprays gegen die Biester riechen zu stark und sie zu klatschen ist zu laut – beides würde andere Tiere auf mich aufmerksam machen.

Nimmst du auch schon mal jemanden mit zu einem Dreh?
Meistens bin ich alleine unterwegs, aber manchmal nehme ich auch andere Naturfotografen mit oder begleite sie. Die lerne ich vor allem auf Instagram kennen und darüber sind auch schon Freundschaften entstanden. Ich würde gerne auch mit anderen Leuten aus der Gegend zusammenarbeiten, in Aachen gibt es aber meines Wissens niemanden in meinem Alter, der dasselbe macht wie ich.

Was waren die beeindruckendsten Szenen, die du bisher gefilmt hast?
Die knuffigen Fuchsjungen haben mich sehr fasziniert. Und zu einer Fotohütte aus Holz, die ich zwei Monate lang mit meinem Vater gebaut habe, habe ich mal einen Bussard gelockt. Das ist ein ziemlich großer Raubvogel und er war nur drei Meter von mir entfernt, das war schon extrem beeindruckend.

Bist du auch schon mal in eine gefährliche Situation geraten?
Nur in der Form, dass ich vielleicht mal dumm auf einen Baum geklettert bin. Ein Tier ist mir gegenüber noch nie aggressiv geworden. Wildschweine sind in unserer Region wohl die einzigen Tiere, die einem Menschen gefährlich werden könnten, aber auch die waren immer entspannt, wenn ich sie getroffen habe.

Und was war die lustigste Situation?
Die sieht man in „Der Wald hinter den Bäumen“. Die kleinen Füchse haben miteinander gespielt, bis die meisten zurück in den Bau gegangen sind. Ein Junges hat sich aber draußen hingesetzt und wollte aufpassen. Dabei ist es dann immer wieder kurz eingenickt – und irgendwann vor Müdigkeit umgefallen.

Wenn du dir eine Tierart aussuchen könntest, über die du eine Dokumentation drehen könntest, welche wäre das?
Definitiv Nilpferde, das wäre mein Traum, auch wenn mir klar ist, dass diese Tiere nicht ungefährlich sind. Schon als kleines Kind habe ich sie sehr geliebt und hatte jede Menge davon in jeder Form. Ein gezeichnetes Nilpferd ist auch das Logo-Tier, das ich mir für meine Produktionsschmiede „Nil Nature Productions“ ausgesucht habe.

Kannst du ein paar besonders empfehlenswerte Tierdokus nennen?
Großartig sind David Attenboroughs „Planet Erde II“, „White Wolves“ von Oliver Goetzl über Wölfe in Nordalaska und „The Ivory Game”, Richard Ladkanis und Kief Davidsons investigative Doku über den illegalen Elfenbeinhandel.

Für „Der Wald hinter den Bäumen“ bist du mit dem „Deutschen Jugendfilmpreis 2020“ ausgezeichnet worden. Hast du schon andere Preise gewonnen?
„Der Wald hinter den Bäumen“ hat mir im letzten Jahr bereits den „Heinz-Sielmann-Jugendfilmpreis“ beim „Green Screen Naturfilmfestival“ eingebracht. Dort hatte ich schon in den Jahren zuvor zweite und dritte Plätze mit Filmen über Vögel wie Zaunkönige oder Kraniche belegt. Auch beim Kinder- und Jugendfilmfestival „DEinblick in die Natur“ habe ich einen ersten und zwei zweite Plätze gemacht, unter anderem mit Filmen über Waldohreulen und Stare. Auf solche Naturfilmfestivals eingeladen zu werden, finde ich besonders cool, denn da sind oft auch die Profi-Regisseure anwesend, mit denen man dann in Kontakt kommen kann.

Foto: Gamander López

Was sind deine nächsten Projekte und was möchtest du nach dem Abitur machen?
Gerade arbeite ich an einem Film über Tiere, die direkt an unserem Haus leben, dafür habe ich so weit schon alles gefilmt und schneide jetzt das Material zusammen. Hauptdarstellerin ist eine Gebirgsstelze, aber Igel, Meisen und Mäuse kommen auch vor. In der nahen Zukunft würde ich gerne ein Projekt ausschließlich über Füchse machen und der Profi-Tierfilmer Oliver Goetzl hat mir angeboten, gemeinsam mit ihm Paradiesvögel auf Indonesien zu filmen. Und ansonsten überlege ich, mich für ein Studium an einer Filmhochschule zu bewerben. „Naturfilm“ alleine kann man da zwar nicht studieren, aber Dokumentarfilm oder ganz allgemein Regie. Ich habe auch schon Musikvideos und Filme mit Menschen gedreht, aber mein Herz schlägt für den Tierfilm und es wäre wirklich mein Traum, damit einmal hauptberuflich Geld zu verdienen.

Was sagt dein Umfeld zu deiner Arbeit?
Meine Familie unterstützt mich sehr und auch meine Freunde und Mitschüler finden gut, was ich mache, es gibt da keine Neider. Mit den Lehrern gibt es auch keine Probleme, selbst dann nicht, wenn ich wegen eines Drehs mal müde bin. Da hat mir das System der Waldorfschule insofern geholfen, als ich mehr Freizeit zur Selbstverwirklichung habe als auf einem Gymnasium. Außerdem gab es in der 8. und in der 12. Klasse Jahresarbeiten, bei denen ich mich natürlich für Tierfilm-Projekte entschieden habe, deren Deadlines eine zusätzliche Motivation waren, sie fertigzustellen.

Was sind deine liebsten Schulfächer und was machst du am liebsten, wenn du mal keine Filme oder Fotos machst?
Meine Lieblingsfächer sind Sport, Erdkunde und Geschichte. Und privat spiele ich auch gerne Brettspiele mit Freunden, gehe laufen, gucke Spielfilme oder lese. Und ich reise auch sehr gerne.

Was rätst du KingKalli-Leserinnen und -Lesern, die auch gerne Naturfilme drehen möchten?
Geht raus! Vielen ist gar nicht bewusst, was es fast direkt vor der Haustür alles zu sehen gibt. Wenn man die Augen einfach offen hält oder sich eine Stunde lang ruhig in den Wald setzt, kommen jede Menge schöne Tiere vorbei. Und wenn man sie filmen möchte, reichen für den Anfang auch eine Handykamera oder ein kleiner Camcorder mit großem Zoombereich aus.

Was bedeuten dir die Natur und Naturfilme?
Die Natur hat etwas Urtümliches, etwas, das immer schon da war, schon bevor es Städte gab. Die Erhaltung der Natur ist mir sehr wichtig und ich möchte Filme drehen, die den Zuschauern die Bedeutung von Natur- und Tierschutz näherbringen. Denn nicht alle Leute haben die Möglichkeit, das zu machen, was ich mache – und nur was man kennt, kann man schützen.

Suchbegriff auf Instagram, YouTube und TikTok: Gamander Lopez

Foto: Andreas Blauth

Hinterlasse einen Kommentar

One response to “Nachwuchsdokumentarfilmer aus Aachen: Nur was man kennt, kann man schützen!

  1. einfach beeindruckend was Gamanda Lopez in seinen naturnahen Filmen und Bilddokumentationen uns Menschen nahebringt.
    Ein junger Mensch, der in jungen Jahren seinen Weg unbeirrt geht und in seiner sinnbringenden Mission aufgeht, ist eine Bereicherung für die Natur, die darin lebende Tierwelt und natürlich für uns Menschen!