Jahr des Schiedsrichters
Am 25. März 2023 war der Auftakt zum „Jahr der Schiris“. Die beiden Bundesliga-Profis Nils Petersen (beendet am 1. Juli 2023 seine aktive Karriere, ehemals SC Freiburg) und Anton Stach (1. FSV Mainz 05) leiteten ein Bezirksligaspiel. Zur Seite standen ihnen zwei Amateur-Regelhüter als Linienrichter und der Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin als Beobachter. Grund für den Per-
spektivwechsel der beiden (ehemaligen) deutschen Nationalspieler ist der Mangel und die hohe Drop-out-Quote junger Schiedsrichter. Unter dem Leitsatz „Liebe den Sport. Leite das Spiel“ sollen Schiedsrichter besser in die Fußballfamilie integriert werden.
Warum sollte ich Schiri werden?
Das Leben als Schiedsrichter hat viele Vorteile. Nicht nur die Bezahlung ist gut, sondern man hat auch freien Eintritt zu allen Spielen, die vom DFB ausgerichtet werden (alle nationalen Liga- und Pokalspiele). Auch hat es einen großen persönlichen Mehrwert. Es fördert die Entscheidungskompetenz und den Umgang mit Menschen und stärkt das Selbstbewusstsein. In allen Funktionen wird der Blick auf Details geschärft, beispielsweise wenn man eine Abseitsposition erkennen muss. Man nimmt auch direkt am Fußball und am Vereinsleben teil, ohne zu spielen. Nichtsdestotrotz tut man etwas für seine körperliche Fitness. Man ist ein aktiver Teil des Fußballs und übernimmt Verantwortung für den Verein und die Kids. Auch die Gemeinschaft der Schiedsrichter ist ein Gewinn. Man fährt gemeinsam auf Ausflüge und Lehrgänge, die von Profis geleitet werden. Dabei kann man sich untereinander austauschen und neue Kontakte knüpfen. Zudem gibt es einen gemeinsamen Saisonabschluss und eine Weihnachtsfeier.
Erfahrungsbericht: Vom Meckern zur Pfeife
Eigentlich bin ich kein idealer Schiedsrichter. Wenn mir als Spieler etwas nicht passt, bin ich immer der Erste, der anfängt, über den Unparteiischen zu meckern. Wenn ich zum Schiri laufe, notiert sich mein Trainer meist schon die Gelbe Karte. Als uns jedoch in der Schule nach den Sommerferien die Schiri-AG vorgestellt wurde, habe ich mich sofort eingeschrieben. Warum? Wahrscheinlich weil es endlich mal etwas mit Fußball zu tun hatte. Die Plätze in der Schulmannschaft waren leider bereits vergeben. Oder vielleicht auch weil wir einige Tage zuvor die Qualifikation für die Sonderliga verpasst hatten. Der Schullehrgang des Fußballverbandes Mittelrhein fand alle zwei Wochen mittwochs in der achten und neunten Stunde statt. Uns, einer Gruppe von sieben Jungs aus der achten und neunten Klasse, wurden von einer erfahrenen Schiedsrichterin die Regeln beigebracht. Uns wurden Videosequenzen von strittigen Szenen gezeigt und wir sollten die richtige Entscheidung nennen. Dasselbe haben wir auch mit eigenen Beispielen gemacht.
Die 90 Minuten waren für mich immer das Highlight der Woche. In den letzten Wochen haben wir uns intensiv auf die schriftliche und mündliche Prüfung vorbereitet. Allgemein hatten wir in der Präsenz-AG viel mehr Zeit zum Üben als im normalen Online-Lehrgang, den es wegen der Corona-Pandemie gab. Von Beginn an wurde uns jedoch gesagt, dass es auf dem Platz kein Zuckerschlecken wird.
Etwa zwei Wochen nach der bestandenen Prüfung hatte ich meinen ersten inoffiziellen Einsatz. Unser für die B- und C-Jugend zuständiger Betreuer rief bei mir an und fragte mich, ob ich ein Testspiel pfeifen könne. Ich war sofort Feuer und Flamme, denn es war für mich das perfekte Spiel. Mein jetziger Verein, der TuS 08 Jüngersdorf-Schlich, gegen meinen Heimatverein, den FC Inden/Altdorf. Bis auf eine kleine Rudelbildung und zwei leicht angefressene Trainer war alles in Ordnung. Mein erstes offizielles Spiel war hingegen eine echte Bewährungsprobe. Von respektlosen Spielern und Trainern wurde ich als „Hurensohn“, „Dreckskerl“ und „Scheiß-Schiri“ beschimpft. Aber auch abseits des Platzes hat sich viel getan. Von „Wenn sie sich beschwert haben, hast du wohl schlecht gepfiffen“ bis zu „ Hey, pfeif mal bitte ein Spiel von uns“ habe ich schon vieles gehört und ziehe dennoch ein positives Fazit. Der Weg zur Pfeife hat mich bereichert und ich habe den Fußball noch mehr kennen- und lieben gelernt.
Was sind deine Aufgaben als Schiri?
In unteren Spielklassen reist man als Schiedsrichter 45 Minuten vor Spielbeginn an. Als Erstes zieht man sich um und bespricht sich mit seinem Gespann. Anschließend wärmt man sich auf und kontrolliert den Platz. Dazu zählen die Tore, die Linien sowie der Allgemeinzustand des Rasens. Ist etwas nicht in Ordnung, muss das Problem dem Platzverein gemeldet werden, welcher es beheben muss. Vorher kann das Spiel nicht angepfiffen werden. Es folgt die Pass- und Spielerkontrolle. Man kontrolliert, ob alle Spieler gemeldet sind bzw. die Verantwortlichen die Startaufstellung im DFBnet freigegeben haben. Ist die Ausrüstung der Spieler ebenfalls korrekt, können der Spielball und die Ersatzbälle festgelegt werden. Dann kann das Spiel angepfiffen werden. Während des Spiels hat der Spielleiter die volle Entscheidungsgewalt. Die Linienrichter zeigen ihm Einwürfe, Abseits und Eckbälle an. Eine gute Kommunikation unter den Schiedsrichtern ist von großer Wichtigkeit. Die Nachspielzeit wird in der letzten regulären Minute der jeweiligen Hälfte bekannt gegeben. Nach dem Spiel müssen die Spesen vom Platzverein gezahlt werden und der Spielbericht muss angefertigt werden.
Mehr Respekt für den Schiedsrichter – ein Schiedsrichter als Influencer
Bei einem Fußballspiel wird der Platz meist nur wegen der Spieler gestürmt. Doch es gibt eine Ausnahme: Pascal Martin, 21 Jahre jung, Schiedsrichter. Besser bekannt als Qualle über TikTok (600.000 Follower) und Instagram (103.000 Follower). Seit seinem 15. Lebensjahr setzt sich der gebürtige Niedersachse für mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern ein. Er wurde selbst Opfer von Bedrohungen und Gewalt. Sein jüngerer Bruder hängte deswegen sogar die Pfeife an den Nagel. Heute ist Qualle der berühmteste Amateur-Schiedsrichter Deutschlands und wirbt für mehr Respekt gegenüber Schiris. Vereine können ihn als Unparteiischen mieten. Seinen Spitznamen erhielt der für Westfalia Dortmund pfeifende Regelhüter übrigens im Französischunterricht.
Sein Lehrer sprach seinen Namen italienisch aus und nannte ihn Pas„qualle“.
Prominente Unterstützung erhält er von den Bundesliga-Referees Deniz Aytekin und Patrick Ittrich. Sie sehen in ihm sogar Potenzial für die höchste deutsche Spielklasse und unterstützen sein Anliegen. Doch der 21-Jährige zeigt keine Starallüren. „Regionalliga! Alles darüber hinaus ist ein Traum“, sagt er selbst. Und natürlich möchte er weiter Jugendliche für das Schiedsrichtersein begeistern.
Zahlen rund um Schiedsrichter
50.000 Schiedsrichter deutschlandweit
2.000 Schiedsrichter im Fußballverband Mittelrhein
80.000 Schiedsrichter im Amateurfußball (2012)
45.000 Schiedsrichter im Amateurfußball (2022)
Quelle: Fußballverband Mittelrhein
25 % der Schiedsrichter fühlen sich regelmäßig respektlos behandelt
50 % der Schiris wünschen sich mehr Respekt von Trainern, Spielern und Zuschauern
Gründe, warum die Pfeife an den Nagel gehängt wird:
40,3 % zu hoher Zeitaufwand
22,3 % Mangel an Respekt
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