Mein Auslandsaufenthalt in Polen: zwei Monate und ein paar Tage später

Ich kann es selbst kaum glauben, aber mittlerweile sind schon knapp drei Monate vergangen, seitdem ich planlos und ohne Orientierung hier in Stettin angekommen bin. In dem Moment, in dem ich hier sitze und bereits zum zweiten Mal meinen Bericht für KingKalli schreibe, frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist und warum sie verdammt nochmal so unglaublich schnell vergeht.

Inzwischen fühle ich mich nicht mehr wie eine Touristin, die erstmal alle Sehenswürdigkeiten der Stadt erkunden möchte. Denn diese sind mir mit der Zeit schon so vertraut geworden, dass ich nebenberuflich fast schon Stadtführungen leiten könnte. Trotzdem ist es manchmal noch etwas komisch, auf die Frage, wo man denn wohne, mit „Ich wohne hier in Stettin“ zu antworten.

Durch die Arbeit in der Swietlica hat sich schon eine gewisse Routine in meinen Alltag eingeschlichen. Auf dem Weg zur Arbeit muss ich erstmal aufpassen, dass ich dort im besten Falle unversehrt ankomme. Ich muss schon wirklich viel Glück haben, wenn ein Autofahrer ein paar Sekunden seiner wertvollen Fahrtzeit opfert, um extra für mich am Zebrastreifen anzuhalten. Die Möglichkeit, dass Zebrastreifen hier vielleicht nur aus ästhetischen Gründen die Straßen verzieren, ist mir zwar auch schon durch den Kopf gegangen, aber wie sagt man doch so schön? Andere Länder, andere Sitten.

Heile bei der Arbeit angekommen. Ruhe.
Die letzten ruhigen Minuten, bevor die ersten Kinder aus der Grundschule kommen (die hier übrigens, anders als bei uns, acht ganze Jahre dauert). Hier in Polen haben die Schulen Nummern statt Namen, so sagen die Kinder beispielsweise nur: „Ich gehe zur Sechsundvierzigsten.“

Dann war’s das aber auch schon mit der Ruhe, und die richtige Arbeit fängt an. „Hast du irgendwelche Hausaufgaben aufbekommen?“ ist wohl die Standardfrage, die von allen Mitarbeitern jedem Kind jeden Tag gestellt wird. Klassische Antwort darauf: „Neeeein!!!“ Natürlich nicht. Was ist das überhaupt für eine Frage? Glaubt natürlich niemand. Bis ein zweites Mal nachgefragt wird und es dann heißt: „Ich weiß nicht genau, aber ich kann mal in meinem Hausaufgabenheft nachgucken.“ Was für eine Überraschung! Auf einmal sind da doch einige Hausaufgaben. Dann geht es los und die Hausaufgaben werden erledigt. Hauptsächlich helfe ich den Kindern in Englisch, Deutsch und manchmal auch in Mathe. Dabei habe ich bemerkt, dass es zwei Arten von Kindern gibt, wenn es darum geht, Hausaufgaben zu machen. Die erste Art weigert sich und würde es nicht einmal wagen, nur eine Sekunde mit Hausaufgaben zu verschwenden. Die Kinder der zweiten Gruppe dagegen streiten sich fast schon darum, wer zuerst mit mir Englisch machen darf. Letztere sind definitiv meine Lieblinge. Nachdem die Köpfe genug gequalmt haben und die Hausaufgaben schon fertig oder oft auch nur halbfertig sind, gibt es endlich Obiad (Polnisch für Mittagessen). Abgesehen davon, dass die Swietlica von einer Nonne geleitet wird, wird spätestens beim Mittagessen deutlich, wie wichtig der christliche Glaube in Polen ist. Denn in der Swietlica gibt es kein Mittagessen, wenn man vorher nicht das Kreuzzeichen gemacht hat und anschließend das Tischgebet gesprochen hat.

Nach dem Essen geht der tägliche Wahnsinn weiter.
Hausaufgaben machen, spielen, malen oder andere Kinder nerven, damit man so viele Minuspunkte wie möglich auf der „Tablica Zachowania“ (Polnisch für Benimmtafel) bekommt. Am Ende des Tages versammeln sich nämlich alle Kinder im Kreis auf dem Teppich, und dann wird es (für ein paar Minuten zumindest) ernst: Es wird das Heft rausgeholt, in dem die erreichte Punktzahl des Kindes für den Tag (gemessen an seinem Verhalten) eingetragen wird. Es kann sehr wehtun, wenn Kamila 25 Minus-, ihr Bruder aber 30 Pluspunkte für den jeweiligen Tag bekommt. Die glücklichen (und somit auch die bravsten) Kinder, die am Ende des Monats die meisten Punkte erreicht haben, werden mit besonderen Ausflügen belohnt.

Ob das System pädagogisch sehr sinnvoll ist, habe ich zwar noch nicht herausgefunden, aber ich kann sagen, dass ich bis jetzt immer zu den Ausflügen mitkommen durfte. Ob das jetzt an meiner Funktion als Freiwillige (und somit als Helferin) liegt oder an meinem guten Benehmen, darüber lässt sich streiten. Ich bevorzuge aber eine Mischung aus beidem. Der erste Ausflug mit den Kindern und Kollegen und somit auch meine erste Reise innerhalb Polens und außerhalb Stettins ging dann Ende September los. Gemeinsam sind wir von Stettin aus mit dem Zug nach Międzyzdroje (auf Deutsch: Misdroy) an die Ostsee gefahren. Die Frage, ob ich für ein Wochenende mit ans Meer kommen wolle, konnte ich natürlich nicht verneinen. Wer kann dem schon widerstehen?

Nachdem wir dort angekommen und alle Betten in unserem Ferienhaus bezogen waren, ging es zur „Aleja Gwiazd“. Sozusagen dem polnischen „Walk of Fame“. Die Begeisterung der Kinder für die polnischen Stars ließ jedoch ganz schnell nach, und so ging es weiter zum Strand, wo auf einmal die Angst vor den Möwen, die sich jede Sekunde die Kanapki (Polnisch für Butterbrote) schnappen wollten, sehr groß war und jeder versuchte, sein Essen, so gut es ging, zu beschützen.

Am zweiten Tag wanderten wir zum Nationalpark „Woliński Park Narodowy“, und die Freude war enorm, als viele kleine Wildschweinbabys am Waldrand gesichtet wurden. Abends sind wir dann zusammen am Pier spazieren gegangen und haben den wunderschönen Sonnenuntergang genossen. Und was darf natürlich nicht fehlen, wenn man mit einer Nonne und zehn polnischen Kindern den Sonnenuntergang betrachtet? Richtig, ein Abendgebet, was denn sonst?
Am letzten Tag haben wir ein Naturmuseum besucht. Danach haben wir die letzten Sonnenstrahlen getankt, bevor es wieder zurück nach Stettin ging.

Diese kleine, aber feine Reise haben wir uns durch unseren monatlichen Kuchenbasar selbst finanziert. Es gab unglaublich viel Kuchen, der teilweise gespendet und teilweise auch durch die Mithilfe der Kinder selbstgebacken wurde. Am Sonntag wurden die Kuchen vor der Kirche mit ganz vielen Helfern verkauft, und aus dem Erlös ist tatsächlich dieser kleine Urlaub entstanden.

Bis zum nächsten Mal
Elisa Runchina

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