Letzte Chance: Papierwelten des Erwin Hapke im Haus te Gesselen zu sehen

Es ist ein Jammer: Bald wird es die Faltkunst, die Erwin Hapke in über 35 Jahren in akribischer Arbeit schuf, nicht mehr in natura zu sehen geben. Wer schnell noch die Gelegenheit ergreifen will, einen kleinen Teil zu bewundern, hat noch an drei Tagen die Möglichkeit dazu. Der Ausstellungsort Haus te Gesselen liegt in einem tollen Garten und eignet sich auch für den Besuch mit der Familie. Wir waren da und haben viele Bilder mitgebracht.

Insekten bevölkern Dachgeschoss

Es summt und brummt im Dachgeschoss des Haus te Gesselen am Niederrhein. Insekten aus Papier kreuchen und fleuchen über das Gebälk, Falter sitzen auf Balken, machen sich über Treppenstufen her, liegen auf der Fensterbank neben einer echten toten Biene. Da krabbelt ein Hummer, dort reckt eine Gottesanbeterin ihre Arme in die Höhe.
Das Summen kommt aus einem Rekorder und bildet die Kulisse für die Papierarbeiten des Erwin Hapke, die hier zum letzten Mal ausgestellt werden sollen.
In der Mitte des Raumes ist ein großer Haufen mit wahrscheinlich tausenden winzigen Faltkunstwerken aufgeworfen, die doch nur einen Bruchteil von Erwin Hapkes Werk zeigen. Die meisten sind aus braunem Packpapier gefaltet, doch es sind auch bunte Objekte dabei und solche aus Zeitungspapier, Todesanzeigen, allem, was sich falten lässt. Und es sind nicht nur Insekten: An der Wand hängen winzige Kühe und Kuhschädel aus Papier, es sind menschliche Figuren dabei, kleine Flieger und auch große Faltungen aus Blech: Hexen vielleicht und ein schwarzes Schaf.

Matthias David, der die Arbeiten von Hapke verwaltet und die Ausstellung kuratiert hat, hebt eine Lage Kartons in die Höhe. Kleine Figuren kommen zum Vorschein. Sie scheinen zu tanzen, verschiedene Stellungen sind auszumachen. Diese Werke habe noch niemand gesehen, erzählt David. Nicht alle der abertausenden Werke seien gesichtet worden. Dieser Stapel von Kartons mit kleinen Figuren dazwischen sei aus der Badewanne des Hauses von Hapke geborgen und nie angeschaut oder dokumentiert worden. „Achtung, Reihenfolge der Tafeln hier nicht verändern“, steht auf einem kleinen Zettel, der auf den Kartons liegt. Hapke hat sich zu allem etwas gedacht und Notizen hinterlassen.
Wahrscheinlich wird auch niemand mehr die Tafeln lüften und die kleinen Tänzerinnen und Tänzer bewundern – die meisten Werke Hapkes sollen nach der Abschlussausstellung verbrannt werden. Bereits nach jedem Ausstellungstag wandern einige ins Feuer.

Rückblick: Wer war Erwin Hapke?

Als Erwin Hapke 2016 im Alter von 79 Jahren in seinem Haus verstarb, hinterließ er seinem Neffen, dem Philosophen Matthias Burchardt, ein Gesamtkunstwerk, das er selber als Museum angelegt hatte. Jahrzehntelang hatte er sein Haus so gut wie gar nicht verlassen und hatte sich selbst voll und ganz der Faltkunst gewidmet. Wie lang genau er mit Faltarbeiten beschäftigt war, lässt sich nicht exakt rekonstruieren. Schon zu Studienzeiten soll er erste Arbeiten angefertigt haben. Der promovierte Biologe zog sich irgendwann im Alter um die 40 vollkommen aus der Gesellschaft zurück, arbeitete nicht mehr, war nicht mehr versichert und zog in sein Elternhaus, wo er sich 35 bis 40 Jahre lang ausschließlich seinen Faltarbeiten widmete. Auf kleinen Zetteln fanden sich Hinweise, wo er sich auf den Origami-Künstler Isao Honda bezieht, außerdem Zitate Platons oder auch Kurt Schwitters’: „Wir spielen, bis uns der Tod abholt“. Sah auch Hapke sich als Widerständler gegen die erstarrte bürgerliche Gesellschaft wie Kurt Schwitters? Wollte er die Kunst von ideologischen Fesseln befreien? Sein Haus sah er jedenfalls als Museum, das er „manisch“ mit seinen Werken füllte, wie Matthias David es nennt.
War das Falten Bürde oder Spaß und Erfüllung? Fragen kann man Erwin Hapke nicht mehr, es finden sich Hinweise auf beides: „Wer kein Papierfalten mag, hat es gut, braucht nichts zu machen außer schlafen + fernsehn“, liest sich auf einem seiner Zettel.
Er faltete weiter, legte sogar einen kleinen Museumsshop mit Faltanleitungen an. Auf seinem Computer fanden sich mindestens 8.000 Vektorgrafiken mit Anleitungen zum Nachfalten seiner Objekte.


„Die Papierbilder meiner Tätigkeit sollen für immer zu Hause versammelt bleiben. Für Ausstellungen anderswo müssen sie alle nachgebaut werden“, heißt es in seinem Vermächtnis, das in mehreren Räumen seines Elternhauses klebte.
Fünf Jahre lang haben die Erben versucht, diesen letzten Wunsch zu erfüllen, haben nach Finanziers gesucht, haben bei Gemeinde und Kulturförderung angeklopft, um das Haus als Museum zu erhalten. Umsonst. Vielleicht war es einfach die falsche Zeit. Es fehlen aktuelle politische Statements in Hapkes Kunst, die so gerne gefördert werden, und als dann die Coronazeit kam, war man in Deutschland mit anderem beschäftigt.
Dabei haben viele sofort den Wert des Werkes erkannt. Der WDR drehte eine aufwändige, für den Grimme Online Award nominierte Reportage (reportage.wdr.de/die-gefaltete-welt-des-erwin-hapke), die millionenfach geklickt wurde.
In den USA werden bereits die Metallarbeiten Hapkes kopiert (kunstarztpraxis.de/kennen-sie-hapke-mr-brainwash).
Ein Buch über ihn ist ausverkauft (verlag-kettler.de/de/buecher/erwin-hapke).
Für die, die sich sofort in Hapkes Arbeit verlieben, kommt es einer Sünde gleich, dass sein Werk vernichtet wird. Gerne sähe man einen posthumen Ruhm, sieht direkt weitere Ausstellungen vor dem inneren Auge, fühlt sich vielleicht auch an Menschen wie Buckminster Fuller erinnert, der sein Leben als Experiment betrachtete und die „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“ verfasste. Lange verlacht, erlangte er später für seine geodätischen Kuppeln Weltruhm.
Matthias David, der Verwalter von Hapkes Werk, sieht es pragmatisch. Nach Jahren der Einlagerung unter ungünstigen Bedingungen nagen nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch Mäuse an dem Werk, andere Teile der Sammlung haben unter Feuchtigkeitsschäden gelitten, wie er berichtet. Nun soll sie also weg. Verbrennen hält er für den besten Weg im Sinne Hapkes und der Familie.

„Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden“, zitiert Erwin Hapke. Die Betrachter der Ausstellung können sich vorstellen, dass er das beim Falten seiner Werke vielleicht umzusetzen versucht hat. Und sie können selber noch einmal einen schönen Tag beim Besuch der Ausstellung erleben.

Noch drei Tage bei Haus te Gesselen

Die Faltkunst Erwin Hapkes ist noch drei Mal gemeinsam mit dem Frühwerk des Bananensprayers Thomas Baumgärtel in der Ausstellung „Der Anfang und das Ende der Kunst“ im Haus te Gesselen zu sehen.
Haus te Gesselen ist eine ehemalige Wasserburg in der Nähe von Kevelaer, die erstmals 1247 erwähnt wurde. Sie ist das älteste, immer privat bewohnte Haus in NRW. Petra Cleven, die jetzige Eigentümerin, wohnt im Gebäude und öffnet die zwei Obergeschosse ab und zu für ausgesuchte Ausstellungen. Der Ort eignet sich auch gut für einen Familienausflug für kunst- und architekturaffine Menschen. Haus te Gesselen liegt in einem großen, wundervollen, verwunschenen Garten mit kleinen geschwungenen Wegen und Kopfweidenhöhlen direkt an der renaturierten Niers. Im Hof und im Garten gibt es viele Sitzgelegenheiten sowie Kaffee, Getränke und selbstgebackenen Kuchen.
Achtung: Der Ort kann wirklich nur zu den angegebenen Terminen besucht werden. Der Parkplatz liegt in 400 Metern Entfernung an einem Feldweg. Das Haus ist nicht barrierefrei und nur über kleine Holztreppen zu begehen. Der Eintritt ist frei, wer mag, spendet etwas.

Text & Fotos: Birgit Franchy

Der Anfang und das Ende der Kunst
B A U M G Ä R T E L & H A P K E

Haus te Gesselen
Kapellener Straße 4
47625 Kevelaer-Wetten

Termine: So. 31.05., 07.06., 14.06.2026
jeweils 14:00-17:00 Uhr
verlag-david.de/media/Flyer_Einzelseiten.pdf

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