In der dritten Streikwoche liegen die Nerven der vom Kita-Streik betroffenen Familien blank. Von OB Marcel Philipp fordern sie Zugeständnisse und ein baldiges Streikende. Bei einer Frage- und Antwortrunde im Centre Charlemagne wird klar, dass vielleicht mehr erwartet wird, als überhaupt in der Macht des OBs steht.
„Kinder erobern das Rathaus“
„Kinder erobern das Rathaus“, so nennt sich die öffentliche Facebook-Gruppe, in der sich Eltern in der letzten Woche formiert haben, um etwas gegen den Kita-Streik zu unternehmen. Nach zwei Wochen Zwangspause liegen die Nerven blank, viele Eltern sind berufstätig und es gibt viel zu wenige Notgruppen für den Nachwuchs. Zudem herrscht Unklarheit darüber, was auf Eltern zukommt, die selber in der Kita die Betreuung übernehmen. Am Nottelefon treffen die Mütter und Väter auf offensichtlich ebenfalls überfordertes Verwaltungspersonal, das sich auch des öfteren im Ton vergreift und inakzeptable Vorschläge macht („Kündigen Sie doch, wenn Sie jetzt niemanden haben, der Ihr Kind betreut“).
Das wollten Ilka Niemann und Stephanie Wüllenweber nicht länger hinnehmen und gründeten die Facebookgruppe „Kinder erobern das Rathaus“ mit dem Ziel OB Marcel Philipp zur Rede zu stellen und mit ihm gemeinsam einen Morgenkreis gemeinsam mit den Kindern zu feiern.
Die Aktion, die für heute 12:15 Uhr anberaumt war, geriet aber einiges größer, als vormals geplant. Weit über 100, statt geplanter 30 Leute versammelten sich auf dem Münsterplatz und zogen Richtung Centre Charlemagne auf dem Katschhof, wo das Treffen mit dem OB stattfinden sollte. Im überfüllten Vorraum war dann auch kaum etwas vom OB zu verstehen, geschweige denn an einen Morgenkreis zu denken. Dem Angebot von Marcel Philipp, ihn in den Besprechungsraum zu begleiten folgten rund 30 Personen mit Kleinkindern jeder Alterstufe. Die anderen bekamen das Angebot, sich im Museum mit dem museumspädagogischen Personal die Zeit zu vertreiben – was nicht bei allen auf positive Resonanz stieß.
Melina und Darian sind mit ihrer Mutter eigens aus Baesweiler angereist. Sie möchten dem OB berichten, dass bei Vorschulkind Melina nun der ganze Vorschulunterricht samt toller Aktionen ausfällt. Auch das Picknick, das die Kinder den Müttern zum Muttertag geschenkt haben, kann vermutlich nicht stattfinden. Der Bürgermeister von Baesweiler hat bereits angekündigt, dass die Kitagebühren für die Zeit des Streiks zurückgezahlt werden, dennoch möchte die Familie Marcel Philipp auf die Problematik hinweisen. Auch Roger Goldbach ist mit seinem Sohn Titus (3) gekommen. Er hatte Glück, dass er in der ersten Streikwoche zufällig gerade frei hatte. Da seine Partnerin auch arbeitet betreut er Titus jetzt tagsüber und bringt ihn noch zwei Stunden täglich zur Oma.
Im Sitzungssaal des Centre Charlemagne herrscht anfangs ein turbulentes Gewusel, dann wird es erstaunlich ruhig. Einige Kleinkinder schlafen auch in den Armen ihrer Mütter ein, schließlich findet das Treffen auch zur besten Mittagsschlafszeit statt. Als erstes ergreift OB Marcel Philipp das Wort und verweist darauf, dass der Streik für Eltern, aber auch für die Verwaltung eine große Belastung darstelle. Pro Woche erreichen ihn 250 bis 300 Mails zum Thema Kita-Streik. Ilka Niemann bedankt sich bei den anwesenden Eltern und dem OB und gibt zu bedenken, dass die Eltern hinter den Erziehern stehen und dass die Eltern fordern, den Streik zu beenden, damit die Kids wieder in die Kitas können und nichtmehr aus ihrem Alltag gerissen werden.
Die erste Wortmeldung zeigt direkt, wie erbost die Eltern sind. Das Wort „Anwalt“ wird heute noch öfter fallen. In der ersten Wortmeldung geht es darum, dass eine Mutter erst nach der Drohung mit einem Anwalt in die Warteliste einer Notkitagruppe aufgenommen wurde. Sie möchte wissen, ob es nicht weitere Notkitaplätze geben kann. Außerdem fragt sie, wie es nun mit der Rückerstattung der Kitagebühren aussehe. Marcel Philipp signalisiert sofort seine Bereitschaft, sich für die Rückerstattung der Gebühren einzusetzen. Er erläutert das Prozedere, nach dem die Verwaltung dem Rat die Rückerstattung vorschlagen möchte. Dieser muss und kann das dann genehmigen, wenn der Stadt nicht aufgrund eines Nothaushaltes die Hände gebunden sind. Für Aachen sei also davon auszugehen, dass die Gebühren erstattet werden.
Bezüglich Notgruppen könne er jedoch keinerlei Zugeständnisse machen, da dies einzig und alleine eine Entscheidung der Gewerkschaften sei. Die Gewerkschaften aber, seien auf die Bitte eine Notgruppe je Kita zu genehmigen bewusst nicht eingegangen, da sie wollen „dass es wehtut“. Genau deswegen hätten sie auch Aachen als ein Streikzentrum gewählt, da die Stadt mit 57 Einrichtungen besonders viele städtische Kitas habe und außerdem als Hochschulstadt auch besonders wenige Großeltern aufweise, da es viele Zugezogene gäbe.
Zudem weist er auf die Problematik hin, dass die Verwaltung oft auch nicht wisse, wer gerade arbeite, da die Erzieherinnen angehalten sind, dies nicht zu kommunizieren und auch die Kitaleitungen streiken. Die Bitte der Stadt nach einem besseren Informationsfluss, um die Notkitaplätze auch auslasten zu können, werde von den Gewerkschaften abgelehnt.
Immer mehr Eltern fordern den OB auf, aktiv zu werden, doch der gibt zu bedenken, dass alleine die VKA und die KAV (Arbeitgeberorganisation) auf Verdi zugehen kann, er selber sei zwar Mitglied bei der KAV (Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände), habe jedoch auch dort keinen Handlungsspielraum.
Im Raum wird es unruhig. Es gibt Zwischenrufe, man müsse Verdi ein Angebot vorlegen. Marcel Philipp kontert, die Forderungen seien absolut utopisch und man könne Zugeständnisse für eine Gehaltserhöhung für alle Betroffenen über 10 bis 20 % bzw. mehrere Gehaltsstufen keinesfalls genehmigen. Das einzige, worum man bitten könne, seien neue Verhandlungen. Auch den Vorschlag einer Mutter, der OB solle sich als Schlichter in dem Konflikt anbieten, muss er ausschlagen: „Nein. Ich kann lediglich darum bitten, dass weiterverhandelt wird“, so Marcel Philipp.
Roger Goldbach meldet sich zu Wort. Sein Hinweis, dass die Arbeitgeber nur zu ihren Bedingungen verhandeln möchten, dass die Stadt nicht an falschen Stellen sparen solle und sich auch sonst nicht zu schade sei andere teure Projekte in den Sand zu setzen, provoziert lauten Applaus. Es entsteht ein Schlagabtausch mit dem OB, der eingesteht, die Enttäuschung der Eltern zu verstehen „in einem Konflikt, deren Hintergründe sie nicht ganz verstehen“.
Als Roger Goldbach schließlich die Frage aufwirft „Was hat das überhaupt für einen Einfluss, was wir hier tun?“, bekommt er von Philipp die Zusage: „Ich verspreche ihnen, ich verfasse einen Brief an die Handlungskommission“. Auf die Frage „Und was empfehlen Sie uns Eltern?“ hat er den Tipp parat: „Wenn Sie Einfluss nehmen wollen, müssen Sie auch die Gewerkschaften ansprechen“.
Zu diesem Zeitpunkt der Diskussion sind viele Familien schon sehr unruhig geworden und verlassen zunehmend den Raum. Am Rand gibt es noch kleine Diskussionen. Wieso können Therapien in integrativen Kitas nicht stattfinden, fragen ein paar Eltern, da ja die Therapeuten gar nicht streiken. Hier will sich der OB kundig machen, ob dies doch möglich sei, wenn die Eltern den betreuenden Part bei ihrem Kind übernehmen, den sonst eine Erzieherin inne hat. Vor der Tür wird noch die Frage geklärt, ob Eltern in den Kitas selber Kinder betreuen können. Dies sei möglich, einen Vordruck dazu gibt es im Internet. Allerdings müssen die Eltern selber abklären, ob ihre Versicherung im Notfall haftet. In bereits acht Kitas betreuen die Eltern selber den Nachwuchs.
Nach dem Treffen gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen, die immer noch viel Unmut wiederspiegeln. Die Veranstalter sind traurig, dass der Morgenkreis nicht stattfinden konnte. Die Besucher aus Baesweiler merken an, der OB sei gar nicht an der Meinung der Kinder interessiert gewesen und diese seien nicht zu Wort gekommen. Es herrscht Unklarheit darüber, was Erzieherinnen nun konkret verdienen, ob die genannten Zahlen stimmen oder nicht und ob sie nun noch 10 bis 20 % mehr verdienen sollen.
Alles in allem hat der Termin nicht für ein greifbares Ergebnis gesorgt. Was bleibt ist der schale Nachgeschmack, dass Familien Spielball sind in einem Machtkampf, auf den sie derzeit weniger Einfluss zu haben scheinen, als ihnen lieb ist, egal was sie „davon verstehen“ oder nicht. Eins wird aber klar deutlich: Dass der Machtkampf „weh tut“ und zwar denen, die zwischen den Fronten stehen.
Treffen in der Kita Pusteblume und weitere Protestaktionen
Aber Ilka Niemann wird nicht aufgeben. Nach dem heutigen Tag ist sie zwar enttäuscht, dass von „Herrn Philipp nichts persönliches rüberkam“ und er nur sein „Standardprogramm was eh schon jeder wusste zum Besten gegeben hat“. Schon Morgen wird sie aber beim Treffen der Kita Pusteblume um 19:30 Uhr in der Schillerstraße dabei sein und mit den anderen Eltern Pläne über das weitere Vorgehen schmieden.
Infos:
KiTa-Hotline unter 0241 432-4444
Verdi: „Soziale Berufe aufwerten“
Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände: Sozial- und Erziehungsdienst
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