Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen? Nachgefragt bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat am 6. Mai in einer Pressekonferenz in Aussicht gestellt, dass die Zulassung eines Impfstoffs gegen Corona von Biontech/Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren unmittelbar bevorstehe und jedem Kind ab zwölf bis zum Schulstart im August ein Impfangebot gemacht werden soll. Einen Tag zuvor hatte der Deutsche Ärztetag in seinem Beschlussprotokoll festgehalten, das „Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch“ könne im Winter 2021/2022 „nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden“, und: „Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.“ Gefordert wurde auch, eine „proaktiv mediale Kommunikation für die Impfung von Kindern und Jugendlichen vorzubereiten und umzusetzen“.
Nun haben Kinder und Jugendliche bei einer Infektion meist nur asymptomatische oder leichte Verläufe von Covid-19. Nach den Daten des COVID-19-Registers der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI, Konventgesellschaft der DGKJ) sind mit Stand 06.05.2021 seit dem 01.01.2020 1.487 von knapp 15 Millionen Kindern und Jugendlichen in Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin stationär aufgenommen und in dem Register erfasst worden. 74 sind intensivmedizinisch behandelt worden, neun starben, einige befanden sich bereits wegen anderer Erkrankungen im Sterbeprozess.
Wir haben mit PD Dr. Burkhard Rodeck gesprochen, er ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.
Die DGKJ vertritt 18.000 Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Vor einer Empfehlung pro Impfung möchte die Gesellschaft die Entscheidung der STIKO hinsichtlich der Impfung von Kindern und Jugendlichen abwarten. Dabei gelte es auch zu berücksichtigen, dass die Impfung nicht dem Schutz der jungen Generation diene, sondern dem Schutz der Erwachsenen.

 

In einem Vorgespräch vor ein paar Tagen haben Sie darauf hingewiesen, die Problematik einer Erkrankung an Covid-19 im Kindes- und Jugendalter sei „denkbar gering“. In der öffentlichen Darstellung kam es jedoch in den letzten Monaten oft so an, als seien Kinder unmittelbar gefährdet. Viele Eltern waren und sind in großer Sorge um den Nachwuchs oder sorgen sich darum, die Kinder könnten jemandem „den Tod bringen“. Wem dient die Impfung der Kinder?

Die unmittelbare Krankheitslast, also die Erkrankungsschwere und die Sterberate für Kinder und Jugendliche, ist im Vergleich zu Erwachsenen sehr gering. Es gibt Folgeerkrankungen wie das PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) oder auch ein Long-COVID- oder Post-COVID-Syndrom. Ein PIMS ist eine überschießende Immunreaktion, die aber gut behandelbar ist. Im DGPI-Register sind bis 09.05.2021 insgesamt 305 Kinder gemeldet worden, die Erkrankung ist also auch sehr selten. Long-COVID-Fälle gibt es, die DGPI hat auch dazu ein Register aufgebaut, um die Bedeutung dieser Folgeerkrankung zukünftig einschätzen zu können.

Neben dem individuellen Impfschutz kann auch ein mittelbarer Nutzen der Impfung vorliegen, wenn daraus Konsequenzen für Schulöffnungsstrategien und Teilhabe am gesellschaftlichen Dasein gezogen werden. Allerdings zeigen die Daten vieler Haushalts-Kontaktstudien und Kontaktnachverfolgungen der Gesundheitsämter, dass ein Schulbesuch auch ohne Impfung bei konsequenter Umsetzung der vorgeschlagenen Hygienemaßnahmen weitgehend gefahrlos erfolgen kann.
Es muss bedacht werden, dass eine allgemeine Impfempfehlung nur mit diesem Ziel primär nicht dem Eigennutzen des geimpften Kindes dient, sondern dem Schutz der Erwachsenen vor Infektionsausbreitung und Erkrankung, also aus Sicht des Kindes einem Fremdnutzen. Sinnvoller ist daher die Priorisierung eines Impfangebotes an die Kontaktpersonen der Kinder und Jugendlichen also Angehörige, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer.

 

Sie waren unter anderem Chefarzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück. Was haben Sie zum Beispiel hinsichtlich der Grippe – von der Kinder eher betroffen sind als von Covid-19 – beobachtet und hätten Sie hier in der Vergangenheit eine Impfung der Kinder und Jugendlichen empfohlen? Können Sie daraus Empfehlungen für die aktuelle Situation ableiten?

Bei der Grippe (Influenza) liegt eine andere Situation vor. Kinder und Jugendliche leiden bei der Influenza unter einer deutlich höheren Krankheitslast, sodass der Eigennutzen einer Impfung das theoretische – mittlerweile aber gut bekannte – Risiko einer Impfreaktion/-Nebenwirkung überwiegt.

 

Also wurde den Familien in der Vergangenheit eine Grippeschutzimpfung für Kinder empfohlen?

Ich stehe der Grippeschutzimpfung im Kindes- und Jugendalter positiv gegenüber und habe sie meinen Patienten empfohlen.

 

Wie sind die Risiken einer Impfung gegen Covid-19 einzuschätzen, gerade wenn diese erst so kurz für die Altersgruppe getestet wurde? Ist die Wahrscheinlichkeit für Folgeschäden in diesem Fall, wo die Kinder und Jugendlichen durch die Krankheit kaum gefährdet sind, nicht größer als das Risiko einer schweren Erkrankung?

Bislang sind die detaillierten Zahlen aus der Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer nur aus Pressemitteilungen bekannt. Zulassungsstudien müssen drei Fragen beantworten: 1. Ist der Impfstoff sicher? 2. Ist der Impfstoff wirksam? 3. Welche Dosis ist die richtige für eine bestimmte Altersgruppe? An der Studie nahmen 2.260 Jugendliche teil. Je etwa die Hälfte wurde nach dem Zufallsprinzip einer Impf- und einer Placebogruppe zugewiesen. Es wurden 18 COVID-19-Fälle in der Placebo- und kein Fall in der Impfstoffgruppe registriert. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden in der Gruppe der 1.131 tatsächlich Geimpften nicht beobachtet. Es ist allerdings schwierig, daraus ein klares Sicherheitsprofil der Impfung abzuleiten. Eine verlässliche Nutzen-Risiko-Abwägung kann nur bei einer ausreichenden Datenlage erfolgen. Die dritte Frage nach der Dosisfindung wird erst bei Zulassungsstudien bei Kindern unter zwölf Jahren relevant.

 

Wer sollte im Fall von Covid-19 geimpft werden? Wie werden chronisch kranke Kinder geschützt?

Mit heutigem Kenntnisstand empfehlen wir, die Zulassungsentscheidungen abzuwarten. Danach wird es eine Empfehlung durch die Ständige Impfkommission (STIKO) des RKI geben. Wir begrüßen grundsätzlich eine Zulassungserweiterung für Kinder und Jugendliche und die damit verbundenen erweiterten Impfmöglichkeiten, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Risikofaktoren wie chronischen Erkrankungen oder in besonderen epidemiologischen Umständen, die einen unmittelbaren Eigennutzen haben.

 

Was wäre dieser?

Das ist eine Abwägungsfrage, dazu können psychische Belastungen gehören oder familiäre Umstände, bei denen die Impfung des Kindes den ungehinderten Zugang zu anderen Familienmitgliedern erlaubt, die sonst einer Infektionsgefahr ausgesetzt wären.

 

Sie erwähnten in einem vorigen Gespräch mit uns die Folgeerkrankungen durch Maßnahmen wie Schulschließungen und sprachen davon, dass die Bedürfnisse einer ganzen Generation in der Krise missachtet wurden. Studien wie die COPSY-Studie aus Hamburg belegen das. Vier von fünf Kindern und Jugendlichen fühlen sich belastet, Kinder- und Jugendpsychiatrien laufen über, während normale Kinderarztpraxen kaum etwas zu tun haben, weil es einen historisch niedrigen Krankenstand bei Kindern und Jugendlichen gibt.
Jetzt sollen Kinder und Jugendliche unter großem moralischem Druck geimpft werden, um die Erwachsenen zu schützen. Geht man da nicht wieder über die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen hinweg? Was halten Sie von der Debatte, dass es einen Schulbesuch und gesellschaftliche Teilhabe nur mit Impfung geben soll? Ein Bundesland will ungeimpfte Kinder nicht als Urlaubsgäste empfangen. Können Eltern überhaupt noch frei entscheiden, ob sie den Nachwuchs impfen lassen möchten?

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass wir in unserer Solidargemeinschaft einem bestimmten Teil unserer Gesellschaft – nämlich den Kindern und Jugendlichen – eine hohe Last aufbürden, um vorrangig uns Erwachsene vor einer Infektion zu schützen. Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, ob die Beschränkungen an der sozialen Teilhabe unseres Daseins und die Verweigerung bzw. Erschwerung zum Bildungszugang für diese Altersgruppe viel zu oft vorschnell entschieden wurde, ohne die anderen Möglichkeiten der Infektionsausbreitung wie z. B. Ausbau der Infrastruktur der Bildungseinrichtungen, Entzerrung des Schulverkehrs und andere mehr konsequent umgesetzt und ausgebaut zu haben. Die Forderung nach unkritischer Freigabe einer Impfstrategie für Kinder- und Jugendliche ohne wesentlichen Eigennutzen, aber viel Fremdnutzen für uns Erwachsene ist eine ethische Problemstellung, die jeder für sich selbst beantworten muss.

 

Was benötigen Kinder und Jugendliche vielleicht dringender als eine Impfung oder ist eine Rückkehr in den Alltag wirklich nur noch damit möglich?

Sie brauchen eine gezielte Impfstrategie für ihre Kontaktpersonen wie Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrpersonal etc. und eine Umsetzung von Hygienekonzepten an den Schulen. Ich empfehle da zum Beispiel einen Blick auf das Portal der wissenschaftlichen Medien. Es werden Leitlinien herausgegeben, wie Schule funktionieren kann, ohne geschlossen zu werden.
(Link: Portal wissenschaftliche Medien / Prävention und Kontrolle)

 

Zum Abschluss: Was empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. zum jetzigen Zeitpunkt konkret hinsichtlich einer im Sommer angekündigten Impfung gegen Covid-19 ab zwölf Jahren und später ggf. für noch jüngere Kinder? Was sollten Eltern in die Impfentscheidung mit einfließen lassen?

Eine endgültige Stellungnahme behalten wir uns für den Zeitpunkt nach Bekanntwerden einer Zulassung durch das Paul-Ehrlich-Institut und den Empfehlungen der STIKO vor. Wir gehen davon aus, dass dort vor dem Hintergrund der Detaildaten der Zulassungsstudie eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung vorgenommen wird. Die oben genannten Argumente müssen dabei im Sinne einer ausgewogenen Entscheidung mit bedacht werden.

 

Mehr zum Thema:


Hintergrundinfos von KingKalli zur Häufigkeit von Erkranungen von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Großeltern

Coronainfektion als ständiges Damoklesschwert über den Köpfen der Familien? Eine Einordnung

 

Stellungnahme des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V.:

Stellungnahme Präsidium und Bundesvorstand zur Covid-19 Impfung für Kinder und Jugendliche

Ausschnitt: „Der Zugang zu Bildung, Sport und sozialen Kontakten und die altersgerechte Teilhabe dürfen nicht vom Impfstatus der Kinder abhängig gemacht werden.“

 

Beitrag des NDR:

Zaungespräch: Corona-Impfungen von Kindern
(Fazit des Beitrags ist: jeder sollte selber die Impfentscheidung treffen können, denn die Impfung hat weder einen Nutzen für die Kinder [Kurz eine Zahl aus dem Inhalt: an Grippe sind 2018 in drei Monaten 118 Kinder gestorben. In der ganzen Coronazeit sind 4 Kinder eindeutig an Corona gestorben] noch wirklich einen Fremdnutzen.)

 

Petition für freie Impfentscheidung:

https://www.change.org/p/jens-spahn-keine-corona-impfpflicht-f%C3%BCr-kinder

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