Inklusives Sport- und Bewegungsangebot „Gemeinsam bewegt“

in Aktionen & Initiativen, Aktuelles um die Ecke

Es ist Donnerstagnachmittag, der Unterricht an der Viktor-Frankl-Schule ist beendet und die Schüler machen sich auf den Weg nach Hause – doch die Türen der Turnhalle bleiben offen. Denn dort findet jede Woche von 15:30 bis 17:00 Uhr das inklusive Projekt „Gemeinsam bewegt“ statt.

Entstanden ist das Sport- und Bewegungsangebot für Kinder von 5 bis 13 Jahren als Schulaufgabe von Stefanie Schröder, Pema Fuchs und Marie Streuf im Rahmen ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Die Schülerinnen des Lebenshilfe NRW Berufskollegs in Hürth sollten ein inklusives Projekt mit drei bis fünf Auszubildenden starten, und da alle drei täglich mit Kindern arbeiten und auch sportlich aktiv sind, wurde schnell deutlich, wie gut ein Bewegungsangebot mit Spiel und Spaß für die Kleineren passen könnte.

Die Organisation des Projekts nahm zwar sehr viel Zeit und Mühe in Anspruch, der Aufwand hat sich trotzdem definitiv gelohnt. Mit anfangs noch sehr wenigen Anmeldungen, über die Wochen hinweg aber immer mehr Interessierten entwickelte sich die Aktion zu einem so beliebten Angebot, dass die Schülerinnen die Anzahl der Gruppenteilnehmer nun auf etwas mehr als zehn beschränken mussten. Mit nur drei Leiterinnen können sie bei den vielen Kindern schon mal an ihre Grenzen kommen, denn einige Kinder haben einen sehr hohen Betreuungsbedarf, manche benötigen sogar eine Eins-zu-eins-Betreuung. Damit jetzt aber keiner zu kurz kommt oder benachteiligt wird, hat sich mittlerweile eine Gruppe von „nur“ 13 Kindern zusammengefunden, neben nicht behinderten Kindern sind vor allem auch autistische und geistig behinderte Kinder, ein Mädchen mit Tracheostoma, und eines mit Absence-Epilepsie sowie ein Junge mit Down-Syndrom dabei.
Die Kinder sind fast alle über Kontakte von Marie Streuf zum Projekt gekommen, somit nehmen nicht nur Schüler der Viktor-Frankl-Schule und des Vinzenz-Heims am Programm teil, sondern auch Kinder vom Burtscheider Turnerbund (BTB), wo sie seit Jahren Handball spielt und über ein großes soziales Netzwerk verfügt.
Die Rolle der drei Auszubildenden ist dabei die Leitung des Projekts. Jede Sportstunde wird genau geplant und reflektiert, die Spiele werden den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmer angepasst und auch die Wünsche der Kinder werden berücksichtigt.

Heute sind zehn Kinder in der Turnhalle der Viktor-Frankl-Schule. Zuerst setzen sich alle in der Mitte der Turnhalle in einen Sitzkreis und die drei Leiterinnen schlagen die ersten Spiele vor. Ob Völkerball, Fußball oder Fangspiele wie Hundehütte und Feuer und Eis – alle machen begeistert mit und freuen sich über die Bewegung und den kleinen Ausflug aus dem stressigen (Schul-)Alltag. Die Regeln der einzelnen Spiele sind eher unwichtig. Da sie von einigen eh nicht ganz verstanden werden, wird einfach drauflos gespielt anstatt ständig korrigiert. Der Fokus beim Projekt liegt eben vor allem auf Spaß und einer gemeinsamen schönen Zeit.
Ein großer Pluspunkt der Turnhalle, der bei allen super ankommt: Es gibt Rollstühle – normale und extra Sportrollis. Schon einige Stunden haben die Kinder mit den für die meisten ungewohnten Geräten verbracht und konnten einmal selbst erfahren, wie es ist, den Alltag und besonders Sport nicht auf den Beinen, sondern auf Rädern zu bewältigen. Zum Abschluss soll es dann einen „Rolliführerschein“ geben, ganz offiziell mit Passbild, Name und einer Auflistung, was man schon alles kann.
Marie hat schon einige inklusive Projekte begleitet, aber eine Inklusion wie bei „Gemeinsam bewegt“ hat sie bisher selten erlebt. Es sei schon sehr spannend, die verschiedenen Welten so aufeinandertreffen zu sehen, meint auch Stefanie. Die Gruppe wächst Woche für Woche immer mehr zusammen und die anfänglichen Berührungsängste werden zunehmend überwunden.
Für Sonja Stief, die Fachlehrerin der Viktor-Frankl-Schule und Begleiterin des Projekts, sind diese wöchentlichen Treffen ein wertvoller und besonderer Ort der Begegnung; im normalen Alltag entstehe kaum Kontakt zwischen nicht behinderten und behinderten Kindern, aber hier komme jeder mit jedem in Berührung. Sie freut sich jedes Mal, wenn sie sieht, wie einfühlsam und neugierig die Kinder aufeinander zu- und miteinander umgehen.

Die achtjährige Lina ist von Anfang dabei, am meisten Spaß hat ihr bisher das Rollstuhlfahren gemacht, obwohl sie zuerst etwas skeptisch gegenüber diesem großen, sperrigen Gerät war. Bis zum Schluss wird sie noch weiter jeden Donnerstag mit ihrer Freundin herkommen, denn ihr gefällt es hier sehr. Das Lieblingsspiel von Jakob und Sydney ist Fußball, aber sie beschäftigen sich auch gerne mit neuen Sachen und den anderen Kindern, die sie vorher nicht gekannt haben. Besonders interessant finden sie es, mehr darüber zu lernen, was den Alltag der behinderten Kinder ausmacht, und vor allem die Rollstühle lieben sie.

Seit dem 07.02.19 läuft „Gemeinsam bewegt“ jeden Donnerstag, das Projekt sollte anfänglich nur in einem Zeitraum von zehn Wochen stattfinden (also bis zum 11.04.), doch um es nachhaltig zu gestalten, wollen die Organisatorinnen nun versuchen, eine Verbindung zwischen ihrem Projekt und dem Rolliballprojekt des BTB aufzubauen. Dort können jeden Montag von 15:30 bis 17:00 Uhr behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam wieder in der Turnhalle der Viktor-Frankl-Schule sportlich aktiv sein.
Das Ziel für Marie, Stefanie und Pema wäre, alle Teilnehmer von „Gemeinsam bewegt“ in das andere Projekt zu integrieren und noch weitere Kinder für das Inklusionsprojekt begeistern zu können. So könnten demnächst noch viel mehr sport- und bewegungsbegeisterte Kinder ihren Alltag für ein paar Stunden hinter sich lassen und einfach loslegen – egal ob mit oder ohne Einschränkung.

Weitere Infos zum Rolliballprojekt:
btb-aachen.de

Fotos: Sonja Stief

Hinterlasse einen Kommentar