Impfen? Ja, nein … oder jein?

in Aktuelles um die Ecke, Gesundheit

„Die richtige Entscheidung: Impfen“, hieß es in der Anzeigenkampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Anzeige haben einige Leser als Empfehlung von KingKalli missverstanden, wie uns Kinder- und Jugendarzt Dr. Gentner berichtete. Das haben wir zum Anlass genommen, das Thema kritisch zu beleuchten.

Über kaum ein anderes Thema wird so kontrovers diskutiert wie über das Impfen, und über kaum ein Thema lässt sich so schwer unabhängiges Informationsmaterial beschaffen. Erst einmal die Fakten: Die Impfung mit abgeschwächten Krankheitserregern oder Giften von Bakterien (Wundstarrkrampf, Diphtherie) regt die Bildung von Antikörpern an und verhindert in den meisten Fällen den Krankheitsausbruch. Mit zum Teil flächendeckenden Impfungen soll die Ausbreitung gefährlicher Infektionskrankheiten eingedämmt und bestenfalls sogar ganz gestoppt werden. Aber: In Deutschland besteht keine generelle Impfpflicht. Das heißt, es ist rechtlich betrachtet die Entscheidung des Einzelnen, ob er sich und seine Kinder impfen lässt. Die ständige Impfkommission (STIKO) spricht lediglich Empfehlungen aus.

Argumente gegen das Impfen per se unwissenschaftlich?

Trotz fehlender Impfpflicht wird es für Eltern aber immer schwieriger, die Entscheidung gegen eine Impfung vor anderen Eltern, Kindergarten- und Schulpersonal und oft auch vor dem eigenen Kinderarzt zu rechtfertigen. Mit dem Argument, Nicht-Impfer verschlössen sich unzweifelhaften wissenschaftlichen Erkenntnissen, trügen zur Verbreitung von Krankheiten bei und riskierten die Gesundheit ihrer eigenen Kinder wird moralischer Druck aufgebaut. Das Impfen, und zwar nach der jährlich länger werdenden Empfehlungsliste der STIKO, wird zum Standard. Doch selbst wenn man der Ansicht ist, Impfen sei in jedem Fall sinnvoll, muten Aussagen wie die folgende vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte an wie eine Drohung: „Informieren Sie den Kinder- und Jugendarzt, wenn Ihnen schriftlich oder mündlich gegen Impfungen etwas gesagt wird, damit wir gegen unwissenschaftliche Behauptungen angehen können“, heißt es auf der Internetpräsenz des Verbands. Sprich: Alle Argumente gegen das Impfen sind per se unwissenschaftlich und die Empfehlungen der STIKO sind unzweifelhaft.

Am Beispiel der HPV-Impfung, die gegen Gebärmutterhalskrebs schützen soll, lässt sich jedoch nachzeichnen, dass Patienten und Eltern auch den STIKO-Empfehlungen nicht unkritisch folgen sollten. Seit 2007 wird die HPV-Imfpung allen noch nicht sexuell aktiven Mädchen zwischen 12 und 17 von der STIKO angeraten. Doch schon bald nach Veröffentlichung der Empfehlung regte sich Widerstand in der Ärzteschaft. Zahlreiche Universitätsärzte bezweifeln die Aussagekraft der Wirksamkeitsstudien und den Nutzen der Impfung. In anderen Ländern, z. B. Österreich, wird die HPV-Impfung nicht empfohlen. Denn der Impfstoff verhindert zwar die Infektion mit bestimmten Arten des humanen Papilloma-Virus; Studien legen aber nahe, dass mit der Impfung hauptsächlich gutartigen Zellveränderungen vorgebeugt wird, während der Effekt auf die bösartige Krebsvorstufe gering ist. Zudem wird über gravierende Nebenwirkungen nach der Verabreichung des Wirkstoffs berichtet. Der effektivste Weg, Gebärmutterhalskrebs zu verhindern, scheint nach wie vor die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung zu sein. Bei Frauen, die konsequent Vorsorge betreiben, sinkt das Erkrankungsrisiko um über 90 %, was den Sinn einer körperlich belastenden und zudem horrend teuren Impfung fraglich erscheinen lässt. Trotz allem erhält die STIKO ihre Empfehlung aufrecht.

Vor einer Entscheidung sorgfältig Argumente abwägen

Auch bei anderen Impfungen scheint es zumindest angeraten, vor einer Entscheidung sorgfältig die Argumente abzuwägen und sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Der bundesweit agierende Verein Ärzte für individuelle Impf-entscheidung, in dem sich auch der Aachener Kinder- und Jugendarzt Dr. Gentner engagiert, hinterfragt z. B. kritisch, ob es tatsächlich nötig ist, den Organismus eines acht Wochen alten Säuglings durch eine Siebenfach-Impfung (Empfehlung der STIKO für 2011) zu belasten. Besonders Babys mit erblicher Veranlagung zu Erkrankungen des Immunsystems (z. B. Allergien, Neurodermitis oder Rheuma) – so Vereinsvertreter – haben ein erhöhtes Risiko, Nebenwirkungen zu entwickeln. Die meisten Impfstoffe können einzeln oder als Kombinationspräparat auch in späteren Lebensphasen noch gegeben werden, so dass nur selten Eile beim Impfen geboten ist. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass flächendeckende Impfungen die Anpassung von Krankheitserregern bzw. das verstärkte Aufkommen neuer Erreger begünstigen und sich das Erkrankungsalter der Patienten nach hinten verschiebt.

Ein gutes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die viel diskutierte Masernimpfung. Es ist erklärtes Ziel der WHO, die Masern durch eine möglichst hohe Impfquote weltweit auszurotten. Die Rechnung scheint einfach: Wenn alle geimpft sind, kann sich der Erreger nicht mehr verbreiten und die hochinfektiöse Krankheit (bei ungeschützem Kontakt mit dem Erreger liegt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken bei 90 %) gehört der Vergangenheit an. Besonders die Angst vor Hirnhautentzündungen ist groß. Bei genauer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass mehr Faktoren in die Kalkulation mit einbezogen werden sollten. So zeigt eine skandinavische Studie an fast 800.000 Kindern, dass dank flächendeckender Impfungen die Masern zwar annähernd verschwunden sind, die Gesamthäufigkeit von Hirnhautentzündungen aber nicht abgenommen hat. Offenbar werden die zuvor für Enzephalitis „zuständigen“ Masernerreger einfach durch andere Enzephalitiserreger ersetzt. Außerdem schlägt die Impfung nicht bei allen Menschen an. Da aufgrund der Flächenimpfung aber der Kontakt zu „wilden“ Masernerregern seltener geworden ist, stecken sich die nicht erfolgreich immunisierten sowie die nicht geimpften Patienten immer später mit den Masern an. Je höher das Erkrankungsalter ist, desto wahrscheinlicher ist aber wiederum das Auftreten schwerwiegender Komplikationen. Ein weiteres Problem der Flächenimpfung ist das Ausbleiben des sogenannten „Booster-Effekts“. Kommen Maserngeimpfte mit der Wildform des Erregers in Berührung, wird die Impfung automatisch aufgefrischt. Sind nur noch wenige Wilderreger vorhanden, fällt dieser Effekt weg und die Impfung verliert im Laufe der Zeit an Wirkung. Das führt zum Beispiel dazu, dass der Antikörperstatus im Blut werdender Mütter nicht mehr ausreicht, um dem Säugling ausreichenden Nestschutz zu bieten. Es scheint, als ließe sich das Problem bestenfalls verschieben, aber nicht dauerhaft lösen.

Rechnung mit zahlreichen Unbekannten

Fazit ist, dass gerade das flächendeckende Impfen eine Rechnung mit zahlreichen Unbekannten darstellt und einzelne Erkrankungen nicht isoliert vom Gesamtsystem betrachtet werden können. Vor jeder Impfung sollten Patienten und Eltern Nutzen und Risiko sorgfältig abwägen. Die Empfehlungen der STIKO zu hinterfragen bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, Impfungen kategorisch abzulehnen. So ist es unstrittig, dass Frauen vor einer Schwangerschaft gegen Röteln immunisiert sein sollten, um den Fötus zu schützen – egal, ob die Immunisierung durch eine durchlebte Rötelnerkrankung entsteht oder durch eine Schutzimpfung. Es zeigt sich, dass sich nicht pauschal Empfehlungen für oder gegen das Impfen aussprechen lassen. Wie so oft greifen einfache Patentrezepte zu kurz. Das Recht auf eine individuelle Impfentscheidung sollten Patienten und Eltern sich jedenfalls nicht aus der Hand nehmen lassen.

 

Linksammlung

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit Informationen zu einzelnen Kinderkrankheiten und den STIKO-Impf-empfehlungen:
www.impfen-info.de

Website des Robert Koch Instituts mit den Empfehlungen der dort ansässigen STIKO: www.rki.de

Verein Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung mit umfangreichen Erläuterungen zu einzelnen Erkrankungen sowie der Wirksamkeit, den Risiken und potentiellen Nebeneffekten der zugehörigen Impfungen: www.individuelle-impfentscheide.de

Stellungnahme von Universitätsmedizinern zur HPV-Impfung:
www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag3/downloads.html

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mit Argumenten für das vollständige Durchimpfen von Kindern:
www.kinderaerzte-im-netz.de

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