Kommentar: Kinder impfen? Ja oder nein?

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Zu welcher Fraktion gehören Sie? Sind Sie fortschrittsgläubiger Anhänger der schulmedizinischen Utopie von der weltweiten Ausrottung aller viruellen Krankheiten durch flächendeckende x-fach-Impfungen? Oder gehören Sie zu den Ganzheits-Ökos, die ihre Kinder auf Masernpartys schicken und hinter jedem neuen Medikament eine Verschwörung der Pharmaindustrie vermuten?

Keins von beidem? Dann bedeutet das, dass Sie sich weder auf die Fachexpertise der STIKO (Ständige Impfkommission) verlassen können, noch auf die Verhaltenstipps Ihres persönlichen anthroposophischen Gurus. Sie müssen sich wohl oder übel selbst eine Meinung bilden und entscheiden, ob, wann und gegen was Sie impfen lassen wollen – sich selbst und Ihre Kinder.

Kinderkrankheiten böten ein wichtiges Erfahrungsfeld für den Körper und trieben die Entwicklung voran, heißt es von Impfgegnern. Aber will man als Elternteil wirklich dabei zusehen, wie sich ein Kleinkind mit Pertussis (Keuchhusten) quält, sich vor lauter Husten übergibt und nächtelang nicht schläft? Nach dem Motto: Was nicht umbringt macht stark? Will man wirklich schlimme Organschäden beim ungeborenen Kind riskieren, weil man nicht gegen Röteln immunisiert ist und sich in der Schwangerschaft mit Rubella-Viren ansteckt?

Andererseits: Wie groß ist das Risiko, dass sich ein wenige Monate alter Säugling beim Unkrautjäten im Garten verletzt und mit Wundstarrkrampf infiziert? Wäre es nicht ausreichend, ein Kind erst dann gegen Tetanus zu impfen, wenn es sich selbstständig fortbewegen kann? Und ist es wirklich immer sinnvoll, so früh wie möglich zu impfen, wenn es sein kann, dass manche Impfungen später besser wirken? So vermuten kanadische Forscher, dass Kinder, die nach dem 15. Lebensmonat eine Masernimpfung erhalten, langfristig besser geschützt sind als Kinder, die – der Empfehlung der STIKO gemäß – mit 11 bis 14 Monaten geimpft werden (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24144708).

Eine individuelle Impfentscheidung zu treffen heißt also nicht automatisch, das Impfen komplett abzulehnen. Von Seiten der Impfpäpste (und diversen Pharmalobbyisten) werden jedoch Ängste um das Wohl des Nachwuchses geschürt, die zum Teil ebenso irrational erscheinen wie die Panik mancher kategorischer Impfgegner vor Impfreaktionen. Zweifel an der Impfpraxis werden als per se unwissenschaftlich deklariert, selbst wenn sie sich nur auf einzelne Impfungen oder den Impfzeitpunkt beziehen. Es würde schon deutlich weniger tendentiös anmuten, wenn auf einschlägigen Internetpräsenzen wie der Website des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte nicht nur von einem „Recht auf Impfung“ die Rede wäre, sondern auch von einem „Recht auf individuelle Impfentscheidung“ – denn auch dieses haben Eltern nach der derzeitigen Gesetzeslage nun einmal.

Eine individuelle Impfentscheidung zu treffen erfordert Durchsetzungskraft und ein dickes Fell, und sich auf dem Minenfeld „Impfdebatte“ sachliche Informationsbröckchen zusammenzusuchen ist mühsam. Erst recht, wenn Impfbefürworter und Impfskeptiker sich gegenseitig beharken. Wie wenig zielführend es ist, wenn sich eine Partei den Argumenten und Befürchtungen der Gegenseite kategorisch verschließt, wissen wir immerhin aus vielen anderen verfahrenden Konflikten. Aber vielleicht können wir – jeder einzelne – genau hier ansetzen und uns ein Fünkchen mehr Respekt abringen: Für diejenigen, die den Empfehlungen des STIKO-Reiseführers vertrauen und durchimpfen ebenso wie für die, die sich ihren eigenen Weg durch den Impfdschungel suchen.

Links zum Thema Impfen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit Informationen zu einzelnen Kinderkrankheiten und den STIKO-Impfempfehlungen:
www.impfen-info.de

Website des Robert Koch Instituts mit den Empfehlungen der dort ansässigen STIKO: www.rki.de

Verein Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung mit umfangreichen Erläuterungen zu einzelnen Erkrankungen sowie der Wirksamkeit, den Risiken und potentiellen Nebeneffekten der zugehörigen Impfungen: www.individuelle-impfentscheide.de

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mit Argumenten für das vollständige Durch- impfen von Kindern: www.kinderaerzte-im-netz.de

Hinterlasse einen Kommentar