„Hören macht Verstehen“ ist das Motto des Hörgeschädigten Zentrums Aachen. Dieses wandte sich an KingKalli, um die Leser für das Thema zu sensibilisieren. Bianca Sukrow besuchte Melanie Flachskampf (17) und ihre Familie, die sich immer aufs Neue der Herausforderung stellen, dass Melanie gehörlos ist. Nebenbei ist dies auch ein Artikel zum Thema Inklusion geworden.
Melanie Flachskampf ist eine hübsche, dunkelhaarige Fast-Achtzehnjährige; aufgeschlossen und sympathisch. Auf den ersten Blick alles ganz normal. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt hinter Melanies Ohr ein kleines Hörgerät. Es gehört zu einem Cochlea-Implantat (CI), das unter Melanies Kopfhaut und in ihrem Innenohr sitzt. Seinen Namen verdankt das Implantat der Hörschnecke (Cochlea), die bei Hörenden dafür sorgt, dass Schallsignale in Nervenimpulse umgewandelt und im Gehirn verarbeitet werden können. Melanies Hörschnecken jedoch sind vermutlich schon seit ihrer Geburt defekt. Elektroden sind direkt mit ihren Hörnerven verbunden, die nun über das Hörgerät mit Reizen versorgt werden.
Bei Melanie wurde das erste CI eingesetzt, als sie drei Jahre alt war. Da die Technik inzwischen weiter ist und engmaschiger kontrolliert wird, ob Babys und Kleinkinder unter Hörschäden leiden, werden heutzutage schon drei Monate alte Säuglinge operiert. Nach dem derzeitigen Forschungsstand erfolgt die OP am besten innerhalb der ersten beiden Lebensjahre, denn dann ist das Gehirn besonders „lernfähig“, was die „Interpretation“ lautsprachlicher Informationen anbelangt. Ungefähr mit acht Jahren schließt sich das Zeitfenster endgültig, in dem gehörlose Kinder noch lernen können, Lauteindrücke zu deuten.
Melanie hat ihr erstes CI mit knapp drei Jahren bekommen, also vor ca. 15 Jahren. „Anfangs hat man uns noch verboten, mit dem Kind zu gebärden“, erzählt Melanies Mutter. „Die Fachleute dachten, die Kinder würden durch das Gebärden beim Erwerb der Lautsprache behindert. Aber man hat ganz automatisch das Bedürfnis dazu, sich mit seinem gehörlosen Kind auch über Gesten zu verständigen.“ Inzwischen steht fest, dass das bilinguale Lernen nur Vorteile hat, und auch Melanie hat schließlich im Gehörlosenkindergarten und auf der Gehörlosenschule das Gebärden gelernt. Die Familie Flachskampf hat mehrere solcher Paradigmenwechsel miterlebt und sich angewöhnt, dem eigenen Urteilsvermögen zu trauen. So wurde standardmäßig früher nur ein Ohr operiert. Das zweite Ohr wurde „reserviert“, da man auf verbesserte Implantate und Operationstechniken hoffte. Außerdem standen viele auf dem Standpunkt, für Spracherwerb und akustische Orientierung reiche ein funktionierendes Ohr. Diese Position ist ebenfalls überholt. Genauso, wie für räumliches Sehen zwei Augen nötig sind, braucht man für die akustische Raumorientierung zwei Ohren. Auch Melanie hat inzwischen zwei Implantate, das zweite wurde eingesetzt, als sie bereits in der Schule war.
Da sie eine derart weitreichende Entscheidung über den Körper ihres Kindes nicht eigenmächtig treffen wollten, haben die Eltern Melanie in die Entscheidung einbezogen: „Meine Eltern haben mich gefragt, ob ich die Operation auf mich nehmen möchte. Und ich wollte das zweite Implantat! Ich wollte mit beiden Ohren hören“, sagt Melanie bestimmt. Das Hören mit CIs unterscheidet sich allerdings wesentlich von den akustischen Eindrücken, die normal Hörende haben. Deshalb ist eine langwierige Rehabilitation nötig, in der Gehörlose trainieren, mit den neuen Sinneseindrücken umzugehen. Selbst wenn sie bereits ein Implantat haben, müssen CI-Träger das Hören mit zwei Ohren erst erlernen.
Bei Melanie hat das sehr gut geklappt. Sie kommuniziert heute bevorzugt über Lautsprache und kann Gesprächen gut folgen – teilweise auch Gesprächen, denen sie gar nicht folgen soll, Lippenlesen kann Melanie nämlich auch. Trotzdem muss sie noch immer hart daran arbeiten, die Defizite aufzuholen, die sie im Vergleich zu normal Hörenden hat. Melanie ist nicht nur mehrfach im Verlauf ihrer Schulzeit länger ausgefallen, weil neue Implantate eingesetzt werden mussten, auch ihr Lautsprachschatz und die akustische Feinwahrnehmung sind nicht so gut ausgebildet wie bei Menschen, die vom ersten Lebenstag an das Lautverstehen trainieren. Wortendungen zum Beispiel sind für Melanie manchmal schwer zu unterscheiden. „Oft muss meine Gebärdensprachdolmetscherin mir in der Schule die Bedeutung von Begriffen erklären, und ich brauche manchmal länger, bis ich eine Aufgabe verstanden habe. Mir fehlen noch immer viele Fachbegriffe“, erzählt Melanie. „Ich ärgere mich darüber, dass ich auf der Gehörlosenschule nicht so viel gelernt habe. Im Vergleich zu meinen Schwestern, die auf einer normalen Schule waren, haben wir immer weniger Stoff gemacht. Jetzt muss ich das alles nachholen.“ Inzwischen geht nämlich auch Melanie auf eine reguläre Gesamtschule, auf der Förderschule war sie unterfordert. Sie möchte ihren Realschulabschluss machen, und den wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch schaffen – denn Melanie ist willensstark und zielstrebig. Ihr Berufswunsch: Mediengestalterin, denn wie viele Gehörlose verfügt sie über eine hervorragende visuelle Auffassungsgabe und registriert selbst kleinste Details. Das besondere Talent von Gehörlosen für Visuelles spricht sich übrigens auch bei potentiellen Arbeitgebern herum: In Mexiko werden gezielt Gehörlose in den Polizeidienst eingestellt, da sie lange konzentriert Überwachungsaufgaben übernehmen können und oft schon an der Körperhaltung erkennen, ob jemand etwas im Schilde führt.
Doch obwohl Melanie enorm leistungs- und lernbereit ist, war ihr Weg an die Regelschule hindernisreich. „Inklusion hört sich toll an,“ bemerkt Melanies Mutter, „aber das ist ein echter Kraftakt für alle Beteiligten. Als wir gemerkt haben, dass Melanie Begleitung braucht, um an einer normalen Schule zurechtzukommen, sind wir von einer Stelle zur nächsten gerannt. Letztlich hat ein Brief an den Landesbehindertenbeauftragten geholfen. Jetzt bekommen wir Gebärdensprachdolmetscher für Melanie bezahlt. Allerdings müssen wir die Organisation komplett selbst übernehmen.“ „Organisation“ bedeutet, dass Melanies Mutter selbst Dolmetscher einstellen, versichern und aus Melanies „persönlichem Budget“ für Assistenzleistungen bezahlen muss. Da es keine Muster gibt, muss sie eigenständig Verträge aufsetzen, sich ins Steuer- und Arbeitnehmerrecht einarbeiten, Kalkulationen erstellen und die Verwendung der Mittel dokumentieren.
Beim Erstellen der Schichtpläne wird sie von Melanies Schwester unterstützt: Derzeit arbeiten für Melanie zwei Dolmetscher, eine gebärdenkompetente Studentin und eine Beratungslehrerin für GU (gemeinsamen Unterricht) im Bereich Hörgeschädigtenpädagogik, deren Arbeitszeiten und Zuständigkeitsbereiche koordiniert werden müssen. „Melanie beschäftigt fast mehr Leute als mein Mann, der einen Handwerksbetrieb führt“, scherzt Melanies Mutter. Hinzu kommt die schwierige Suche nach geeigneten Fachkräften, Gebärdensprachdolmetscher zu finden ist nämlich alles andere als einfach. Die Dolmetscher helfen Melanie, sich in dem akustischen Chaos, das in einer Schulklasse entsteht, zurechtzufinden. Auch technische Hilfsmittel wie ein Surroundsystem hat Melanie ausprobiert.
Allerdings stellte sich dessen Anwendung eher als Belastung heraus: Melanie hätte vor jeder Schulstunde das System im jeweiligen Klassenraum installieren und ausrichten müssen – ein Aufwand, der innerhalb einer Fünfminutenpause gar nicht zu leisten ist. Allerdings ist auch der Einsatz der Dolmetscher nicht ganz einfach. Viele Gesprächsteilnehmer finden es befremdlich, dass Melanie nicht sie ansieht beim Sprechen, sondern ihren Dolmetscher; und manche Lehrer sind misstrauisch, ob die Hilfe der Dolmetscher über das reine Übersetzen hinausgeht. Da jeder Einzelfall anders liegt, herrscht ohnehin große Unsicherheit darüber, wie mit dem sogenannten „Nachteilsausgleich“ für Schüler mit speziellem Förderbedarf umzugehen ist.
Aber der Aufwand lohnt sich: Melanie hat auf der Gesamtschule nicht nur fachlich viel dazugelernt, sie ist auch persönlich gewachsen. Sie hat neue Kontakte geknüpft und bewegt sich sicher in Hörenden- und Gehörlosenkreisen. Außerdem ist sie durch das harte Training in der 30-köpfigen Klasse inzwischen in der Lage, sich auf einzelne Gespräche zu konzentrieren und an nebensächlichen Geräuschen „vorbeizuhören“. Und wenn ihr doch einmal alles zu viel wird, schaltet Melanie die Hörgeräte einfach aus. Denn trotz allem, das ist ihrer Mutter wichtig zu betonen, bleibt Melanie gehörlos. „Viele Eltern vergessen gerne, dass ein Kind mit CI trotzdem ein gehörloses Kind ist. Wenn die Technik versagt oder einfach nur die Batterien schlapp machen, ist Melanie taub.
Es ist wichtig, dass sie sich auch dann orientieren und verständigen kann.“ Melanies Mutter appelliert deshalb an andere hörende Eltern, ihre gehörlosen Kinder von Anfang an auch in Gebärdensprache schulen zu lassen. Doch leider ist die Kluft zwischen Hörenden und Gehörlosen, zwischen Lautsprechenden und Gebärdenden immer noch groß. Der Einsatz von CIs wird von manchen Gehörlosen als Verrat an der Gebärdenkultur gewertet, während viele Hörende denken, mit dem Implantat sei das „Problem“ beseitigt. CI-Träger stehen irgendwo dazwischen. Melanie wünscht sich von allen Seiten mehr Verständnis füreinander. Mehr Verständnis von hörenden Klassenkameraden und Lehrern dafür, dass die Wahrnehmung von Gehörlosen anders funktioniert als ihre eigene; und mehr Verständnis von Seiten anderer Gehörloser für die Entscheidung für ein zweites CI und den Besuch einer Regelschule. Melanie selbst hat sich jedenfalls vorgenommen, geduldiger mit denjenigen zu sein, die etwas länger brauchen, um sich auf ihre Höreinschränkung einzustellen.
Über das Aachener Hörgeschädigtenzentrum
Die Mitarbeiterinnen des HGZ haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, über Hörschädigungen aufzuklären und sowohl Betroffenen als auch deren Angehörigen helfend zur Seite zu stehen. Das HGZ dient als erste Anlauf- und Beratungsstelle, Begegnungsstätte und Informationsbörse für Hörgeschädigte, Gehörlose und interessierte Hörende. Im Rahmen des Projekts „Hören macht Verstehen“ organisieren die Mitarbeiterinnen des HGZ Informationsveranstaltungen, Kurse und Gruppenangebote und leisten Einzelberatung für Betroffene und Eltern von hörgeschädigten Kindern. Das Ziel: Ein gutes Miteinander von gut Hörenden und Hörgeschädigten. „Die Gesellschaft muss für das Thema sensibilisiert werden“, so Marion Bergk, „denn nur dann werden sich die Rahmenbedingungen für schwerhörige Menschen verbessern.
Eine gut durchdachte Raumakustik und der vermehrte Einsatz von Induktionsanlagen in Veranstaltungsräumen würden zum Beispiel helfen, Hörgeschädigten die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu erleichtern. Und auch im zwischenmenschlichen Bereich besteht oft Nachholbedarf. Gut Hörende müssen erst lernen, Gesprächssituationen so zu gestalten, dass Schwerhörige der Kommunikation folgen können; und schließlich müssen auch die Hörgeschädigten selbst aus der Defensive kommen und offen mit ihrem Problem umgehen.“
Hörgeschädigten Zentrum Aachen
Kontakt- und Beratungsstelle für Schwerhörige
www.hgz-aachen.de
Talbotstraße 13, 52068 Aachen
0241 159545, marionbergk@hgz-aachen.de
Sprechstunde donnerstags 9:00-12:00 Uhr
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