„Am meisten Spaß macht mir alles“: Die elfjährige Nele Hess hat in diesem Jahr beim Kinderball der Mariechen den 1. Platz belegt. Im Dezember hat sie bei der Deutschen Meisterschaft in Lohmar als Solomariechen den 5. Platz erreichen können. Wir haben sie eine Woche später beim Solotraining besucht, wo sie gerade mit dem neuen Tanz für die Session 2017 startet.
Nele Hess tanzt. Sie schlägt ein Rad und einen Salto ohne Bodenberührung, dann geht sie in den Spagat – und eigentlich ist das nicht nur ein Tanz, sondern schon Akrobatik. Nele tanzt, seit sie denken kann. An die Anfänge kann sie sich nicht mehr erinnern, nur daran, dass sie immer mit auf die Bühne wollte. Damals tanzte ihre Mutter Nicole Hess noch selbst im TSC Eulenspiegel e. V. und die kleine Nele, damals noch in Pampers, wollte es ihr nachtun. Und so tanzte sie auch. Damals war sie etwa zwei Jahre alt, mit drei kam sie in die Tanzgruppe und bereits mit vier Jahren hatte sie ihren ersten Solotanz.
„Mädchen wollen einfach Tanzmariechen werden“
„Mädchen wollen einfach Tanzmariechen werden“, beschreibt Nicole Hess das Phänomen. Sie lebte als Kind in Ostdeutschland und kam 1980 als Zehnjährige nach Aachen. „Karneval kannte ich gar nicht. Aber als ich die Mädchen in den schönen Kostümen sah, wollte ich das unbedingt auch“, erzählt sie, die auch Kampfsport gemacht und Fußball gespielt hat. Geblieben ist der Tanz, der die Familie komplett in den Bann zog. Nach ihrer eigenen Tanzkarriere wurde Nicole Hess Trainerin beim TSC Eulenspiegel, wo sie jetzt die Tanzgruppen trainiert. Zudem übernahm sie 2003 die Organisation und Leitung des Balls der Mariechen, der bereits seit 1955 existiert.
Tochter Nele qualifizierte sich mit vier Jahren schon zum Solomariechen und ist seitdem als Solomariechen, in der Tanzgarde und in der Showtanzgruppe des Vereins aktiv. „Am meisten Spaß macht mir alles“, berichtet sie und strahlt. Auf Musik zu tanzen sei ihre Leidenschaft. Die Musik sucht sie gemeinsam mit ihrem Solotrainer Elmar Bosold aus, der sich aufs Mariechensolotraining spezialisiert hat und schon viele Erfolge mit seinen Mariechen feiern konnte. Gleich sieben Mal hat er mit seinen Mädchen schon den Ball der Mariechen gewonnen. Einmal pro Woche kommt Nele hierher zum Training. An einem weiteren Tag nimmt sie am Training ihrer Gruppe teil.
Vereine holen die Kinder von der Straße
Sehr wichtig findet Mutter Nicole Hess, dass Nele nicht nur Einzeltraining hat, sondern auch in der Garde integriert ist. Zudem soll genug Zeit zum Treffen mit Freunden oder für einen Besuch bei der Oma bleiben. Nur vor Wettkämpfen kommt eine weitere Trainingseinheit pro Woche hinzu. Elmar Bosold, ehemals Sozialpädagoge, betont ebenfalls, wie sinnvoll es sei, Kinder am Vereinsleben teilhaben zu lassen – ganz gleich, um welchen Sport oder Verein es sich handelt: „Das holt die Kinder von der Straße. Sie lernen Normen und Werte und haben etwas zu tun.“
Solotanz ist Leistungssport
Dass es sich beim Mariechensolotanz nicht nur um Spaß, sondern um harten Leistungssport handelt, wird schnell deutlich. Aufwärmen, Dehnen und Training mit Gewichten gehören ebenso dazu wie eine gute Portion Kritikfähigkeit, wenn Trainer Elmar Bosold die Mädchen ermahnt, sich zu verbessern oder zu lächeln, oder Noten vergibt: „Das war diesmal nur eine 4+.“
Bosold und Nicole Hess erzählen, dass gerade die Pubertät viele Heranwachsende im Tanzsport auf harte Proben stellt. „Da muss man dann zum Beispiel plötzlich auf die Figur achten“, geben sie zu bedenken. Und viele Jungs, die als Kinder noch begeistert getanzt haben, hören dann auf, weil tanzen plötzlich „peinlich“ ist. „Aber wenn sie älter und selbstbewusster sind, kommen einige wieder“, erzählt Nicole Hess. Allgemein haben die Karnevalsvereine mit Tanzgarden nicht unter zu wenig Nachwuchs zu leiden. Nach wie vor begeistern sich viele Mädchen für das Hobby Tanzmariechen. Sobald der Wechsel auf die weiterführende Schule ansteht, verringern sich die Zahlen jedoch. Auch in diesem Vereinssport wird kritisiert, dass Kinder heute unter G8 weniger Zeit für das Ausüben von Hobbys haben.
Und Zeit braucht man, denn wer denkt, dass der Betrieb nur zwischen November und Februar läuft, täuscht sich. In die Karnevalssaison fallen Auftritte an fast jedem Wochenende an. Die Krönung ist dann der Kinderkarnevalsumzug, bei dem der TSC Eulenspiegel e. V. alleine mit drei Wagen dabei ist.
Dann ist einen Monat Pause und im April starten die Wettkämpfe der neuen Saison – für diese Auftritte beginnt Nele gerade mit dem Training. Die Wettkampfsaison reicht dann wiederum bis in den Beginn der nächsten Karnevalssaison hinein.
Ein besonderes Einstiegsalter fürs Tanzen gibt es laut Nicole Hess eigentlich nicht. Auch wenn Nele schon mit zwei Jahren begonnen hat, bedeutet das nicht, dass alle so jung sein müssen. Auch 15-Jährige könnten noch dazukommen, wenn sie Spaß daran hätten, meint die Trainerin.
Die Jahresgebühr in Vereinen ist bewusst gering gehalten. 44 Euro pro Jahr sind es nur beim TSC Eulenspiegel e. V. Hinzu kommen 80 Euro Nutzungsgebühr, die garantieren, dass jedes Mitglied immer ein Kostüm zur Verfügung hat. Die Tanzstiefel müssen allerdings selbst bezahlt werden. Für Kinder, deren Eltern Probleme haben, sich das zu leisten, springen jedoch immer wieder Sponsoren ein, damit der Einsatz nicht am Geld scheitert.
Die Familien der Solomariechen müssen allerdings tiefer in die Tasche greifen. Die selbstentworfenen Kostüme – Nicole Hess macht das mit Nele gemeinsam – werden von einer Schneiderin angefertigt. Samt Material kommen bis zu 600 Euro für ein Solomariechenkostüm zusammen. Und da die Mädchen in jungen Jahren schnell wachsen, ist manchmal jährlich ein neues Kostüm fällig.
Während Mutter Nicole Hess vom Vereinsleben plaudert, trainiert Nele nebenan schon für ihr neues Stück, das sie in der kommenden Saison zeigen will. Ganz besonders freut sie sich aber schon auf den Kinderzug, wo sie auf dem Wagen mitfahren, tanzen und springen und den Kindern an der Straße Kamelle zuwerfen wird.
Kontakte:
TSC Eulenspiegel: www.eulenspiegel-aachen.de
generelle Vereinsauskunft: www.karneval-vereine.de
www.karnevalinaachen.de/vereine.htm
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