Heimatpreis und inklusiver Spielplatz: „Die Spielplatz Testerin“ im Interview

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Claudia Franzen hat als „die Spielplatz Testerin“ auf Instagram über 5.000 Follower. Seit Anfang 2022 hat sie über 300 Spielplätze in der Region inspiziert und im Netz vorgestellt. Im November wurde sie mit dem Heimatpreis des Kreises Heinsberg ausgezeichnet. Ihr neuester Coup: Ein inklusiver Spielplatz soll entstehen. KingKalli hat mit ihr gesprochen.

Du wurdest im November 2023 mit dem Heimat-Preis des Kreises Heinsberg ausgezeichnet. Wofür hast du ihn bekommen und warum hat dich das gewundert?
Ich war sehr positiv überrascht, dass ich den Preis gewonnen habe. Natürlich hofft man nach der Nominierung, dass man eine Chance hat, aber es waren so großartige Projekte nominiert, da hatte ich nicht wirklich mit gerechnet.
Spielplätze bringen ja kein Geld für Kommunen, sie kosten Geld, müssen gepflegt werden, man generiert keine Einnahmen. Und dann kommt jemand wie ich und legt sich vielleicht sogar mit der Gemeinde an, wenn er einen Spielplatz kritisiert. Da ist es eine mutige Entscheidung der Jury des Kreises Heinsberg, den mit 5.000 Euro dotierten Preis an mich zu vergeben und sich damit auch über die Bürgermeister zu stellen.

Jetzt aber von Anfang an. Seit Anfang 2022 testest du Spielplätze. Wie ist es dazu gekommen?
Ich war umgezogen und hatte noch keinen Kitaplatz für meine damals dreijährige Tochter. Also habe ich mir mit ihr alles angeschaut und festgestellt, wie unterschiedlich Spielplätze sind. Und wie verdreckt sie teils sind. Es lagen Joints herum, es stank nach Urin, hier gab es Scherben, dort war ein Hakenkreuz. Wem melde ich das? Der Stadt? Der Polizei? Dem Bauhof? Das war alles so unterschiedlich organisiert, und ich merkte, was man alles nicht weiß. In Erkelenz zum Beispiel gibt es online einen Mängelmelder (beteiligung.nrw.de/portal/erkelenz/beteiligung). Das ist doch toll.
Da ich Journalistin bin, bin ich also journalistisch rangegangen. Ich fing an, über die besuchten Spielplätze zu posten. Wie ist der Zustand? Ich begann, die anderen Eltern zu fragen: Was ist wichtig? Was kann man verbessern? Ich initiierte Müllsammelaktionen und die Menschen kamen mit Handschuhen und Müllsäcken. So ist eine tolle Community aus Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln entstanden, die alle mithelfen und etwas bewegen wollen. Ich habe in den letzten Monaten auch eine Schatzsuche auf Spielplätzen organisiert oder Kleinkind-Schaukeln für Spielplätze verlost. So hat sich das Projekt immer weiter entwickelt.

Bei den Tests legst du große Ernsthaftigkeit an den Tag und hast sogar extra eine Zusatzausbildung absolviert. Welche und nach welchen Kriterien testest du?
Im ersten Jahr habe ich ganz neutral berichtet, aber es blieben für mich viele Fragen offen. Warum sind die ersten Stufen bei Klettergeräten nicht gleich hoch?
Viele Eltern und Kinder ärgern sich über die unterste Sprosse an Spielgeräten. Als Mutter dachte ich: Warum kommt mein Kind da nicht hoch? Dabei ist die unterste Sprosse oft absichtlich höher als 40 cm über dem Boden, damit Kleinkinder nicht selbstständig auf Rutschen oder Klettergerüste kommen, für die sie noch zu klein sind. Mir fehlte anfangs das Fachwissen.
Also habe ich ein Ausbildungsmodul bei einem Spielplatzprüfer belegt und bin jetzt „Sachkundige für visuelle Routineinspektionen“. Das Modul richtet sich zum Beispiel an Mitarbeiter vom Bauhof oder Spielehersteller. In ein paar Tagen lernt man sehr kompakt viel Fachwissen. Ich dachte, ich schaff das niemals – aber nachher hab ich als Beste abgeschlossen.
Folgende Kriterien sind mir beim Testen wichtig: Gibt es Geräte für Kleinkinder? Oft gibt es keine Schaukeln für ganz Kleine. Ausreichend Beschattung? Fallen mir irgendwelche akuten Gefahren auf wie Glasscherben oder falscher/fehlender Fallschutz? Unter einer Kletterwand war zum Beispiel Asphalt statt Fallschutz. Wie ist die Erreichbarkeit und das Drumherum (Essen, Parken)? Und auch das Thema „Inklusion“ wird immer wichtiger: Gibt es einen barrierefreien Zugang und entsprechende Spielgeräte?

Da sprichst du im Grunde schon dein nächstes Projekt an. Gemeinsam mit Kathi Mobers von der IG Inklusiver Spielplatz plant ihr jetzt selber einen inklusiven Spielplatz für den Kreis Heinsberg. Wie ist es dazu gekommen?
Kathi ist eine Freundin von mir, unsere Kinder sind zusammen in der Kita. Kathi hat viel Erfahrung mit dem Thema Inklusion, da ihre Mutter im Rollstuhl sitzt. Als Rollstuhlfahrerin kommt sie häufig nicht mit den Kindern auf den Spielplatz.
Wir haben also die Idee entwickelt, einen inklusiven Spielplatz zu errichten. Und da geht es um viel mehr als um Menschen im Rollstuhl. Es gibt Menschen, die nicht sehen oder hören oder Kinder mit ADHS oder starken Weglauftendenzen. Da bringt es nichts, nur eine Wippe für Rollstühle zu haben. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut mit Menschen, die sich auskennen. Inzwischen ist mit Esther Weirauch eine Aachener Spielplatzplanerin mit Schwerpunkt Inklusion ehrenamtlich mit im Boot. Auch der Spielplatzprüfer, bei dem ich die Ausbildung gemacht habe, findet das Projekt toll und will uns unterstützen. Und wir arbeiten mit dem Elternnetzwerk Kreis Heinsberg für behinderte Kinder zusammen. Da sind 100 Familien, die man nach Bedürfnissen fragen kann. Wir sind ja keine Profis, man muss auch mal die anderen fragen. So wissen wir jetzt, dass es Familien oft schon helfen würde, wenn Spielplätze übersichtlich gestaltet sind mit möglichst nur einem Zugang und am besten sogar mit einem schließbaren Tor.

Wie weit seid ihr mit der Planung? Wie geht ihr bei der Realisierung vor?
Wir haben eine Bedarfsabfrage im Netz gestartet, bei der sich über 5.000 Menschen beteiligt haben. Parallel haben wir bei den Gemeinden angefragt, ob sie ein geeignetes Gelände mit einem alten Spielplatz haben, der neu gestaltet werden könnte.
Um das Projekt zu realisieren, möchten wir Spenden bei Unternehmen und Privatleuten sammeln. Sechs von zehn Kommunen haben sich bei uns gemeldet, bei zwei bis drei sind wir in intensiven Gesprächen. Unsere Spielplatzplanerin Esther Weirauch inspiziert parallel die Gelände.
Dann muss geklärt werden, inwiefern die Gemeinde uns unterstützt. Wir können planen und die Geräte mitbringen, aber wir brauchen den Bauhof und offizielle Prüfer.

Das hört sich nach sehr viel Arbeit an. Wie viele Stunden investierst du?
Im Moment ruht mein Instagram-Kanal, ich mache meine Winterpause. Ich fahre also gerade nicht zu Spielplätzen und poste nicht dazu. Diese Auszeit brauche ich. Dennoch ist alles sehr zeitintensiv. Alleine wenn ein Termin anberaumt ist, wie gerade mit der Bürgermeisterin von Geilenkirchen, benötige ich dazu einen ganzen Vormittag.

Jetzt zum Schluss: Was sagt deine Tochter zu deinem Engagement und dazu, dass ihr so viele Spielplätze besucht? Bringt sie ihre eigenen Kriterien mit ein und hat dich schon mal eine ihrer Beobachtungen verwundert?
Meine Tochter ist fünf. Es ist spannend zu sehen, wie eigen Kinder sind. Sie will zum Beispiel auf jeden Kletterfelsen rauf, egal wie hoch – wo ich dann manchmal innerlich denke „och neee“ (lacht). Eltern und Kinder nehmen Spielplätze halt auch unterschiedlich wahr. Wenn ich mich irgendwo unwohl fühle, weil ein Platz etwas alt und runtergekommen, eben „usselig“ wirkt, stört meine Tochter das meist überhaupt nicht. Für sie steht der Spaß und das Spielen im Mittelpunkt. Das Aussehen ist da eher zweitrangig.
Obwohl: Eine rote Rutsche kann auch Begeisterung hervorrufen. Da muss man dann hin, weil sie so schön rot ist.

Infos
die-spielplatz-testerin.de
instagram.com/die_spielplatz_testerin

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