Gute Hoffnung für die Geburtshilfe?

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Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten und jede Menge Zahlen

 

Die gute Nachricht zuerst: Die Geburtsstation der Eifelklinik St. Brigida kann ihre Arbeit vorerst fortführen. Das ist eine große Überraschung, denn die Klinikleitung hatte bereits offiziell das Ende der Station verkündet. Nachdem Ende März fast alle Hebammen aus Protest gegen die aus ihrer Sicht unzumutbar dünne Personaldecke gekündigt hatten, hatte es so ausgesehen, als könnten selbst die Bürgermeister/-innen der betroffenen Städte keinen Kompromiss vermitteln. Am 30. Juni, einen Tag vor der geplanten Schließung, kam die Entwarnung: Es ist doch noch gelungen, einen Dienstplan aufzustellen, der Schwangeren in den Monaten Juli bis September eine Entbindung in St. Brigida erlaubt. Mit 13 Hebammen konnten Vereinbarungen getroffen werden. Möglich wird der Erhalt der Station unter anderem dadurch, dass die Eifelkommunen die Hälfte der Mehrkosten tragen, die durch den mühsam ausgehandelten Kompromiss entstehen. Ob und wie es im Oktober weitergeht, müssen Hebammen, Klinik und Kommunen in den nächsten Wochen austüfteln.

 

Derzeit verschwinden in Deutschland zwei Geburtsstationen pro Monat

Die schlechte Nachricht ist, dass nicht alle Krankenhäuser in der Region es geschafft haben, ihre Entbindungsstationen zu erhalten. Allein in den letzten paar Jahren waren verschiedene Kliniken im KingKalli-Gebiet von Kreißsaalschließungen betroffen; 2013 schloss der Kreißsaal im St. Elisabeth Krankenhaus Jülich, 2016 gab das St.-Antonius-Hospital in Eschweiler die Begleitung von Geburten auf und im März 2018 wurde der Kreißsaal im Rhein-Maas Klinikum in Würselen geschlossen, weil grippebedingte Personalengpässe nicht zu beheben waren. Seitdem sind die Kreißsäle abgemeldet. Die Itertalklinik in Walheim fällt als Geburtsort in der Region schon ein paar Jahre weg, 2012 wurde sie zum Hospiz umgestaltet. Damit folgt unsere Region einem deutschlandweiten Trend, der schon im letzten Jahrtausend begonnen hat. 1991 gab es in Deutschland 1.189 Geburtsstationen, Ende 2016 waren es noch 690. Der Hebammen-Verband verzeichnet auf seiner Landkarte der Kreißsaalschließungen für die Zeit von 2015 bis heute 54 geschlossene, 14 vorübergehend geschlossene und acht aktuell von Schließung bedrohte Kreißsäle. [unsere-hebammen.de/mitmachen/kreisssaalschliessungen] Damit verschwinden in Deutschland durchschnittlich etwa zwei Geburtsorte im Monat. Die Zahlen machen deutlich, dass es sich bei den Schließungen nicht um bedauerliche Einzelfälle in unserer Region handelt, sondern um ein bundesweites Phänomen. Die Gründe für das Ende der Geburtshilfe sind fast überall gleich: Personalengpässe und mangelnde Wirtschaftlichkeit.

 

Geburten schwer planbar: Hebammen kämpfen mit Belastungsspitzen

Rein an der Anzahl ausgebildeter Hebammen liegt der Personalmangel allerdings nicht. Die steigt nämlich in den letzten Jahren leicht, aber konstant. Auch in der Region Aachen werden Geburtshelfer/-innen ausgebildet. „Unsere 30 Ausbildungsplätze konnten wir dank einer Kooperation mit dem St. Marien-Hospital in Birkesdorf sogar auf 54 aufstocken“, erklärt Susanne Peters, die Leiterin der Hebammenschule der Bildungsakademie am Luisenhospital. Die Hebammenschule kann immer alle offenen Ausbildungsplätze besetzen, auf jeden Platz bewerben sich durchschnittlich 20 Auszubildende. „Der Beruf ist nach wie vor sehr attraktiv und sehr wichtig für die Gesellschaft“, so Peters. Sie führt die Engpässe auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurück: „Zum einen liegt es in der Natur der Sache, dass Geburten schlecht planbar sind. So kommt es auch bei einer guten Personalbelegung immer mal wieder zu Belastungsspitzen. Zum anderen ist es in von Frauen dominierten Berufen so, dass es Pausen durch Schwangerschaft und Erziehungszeiten gibt. Erfahrungsgemäß kehren diese Hebammen nicht wieder in den Schichtdienst und in die Rufbereitschaft zurück, sondern arbeiten selbstständig im Bereich der Nachsorge. Das erschwert die Planung der Versorgung für Schwangere und junge Mütter. Die Situation für die Hebammen ist sehr individuell. Grundsätzlich hat jede Hebamme, die im Krankenhaus arbeitet, mit Belastungsspitzen zu kämpfen. Personaleinsparungen verstärken das Problem. Eine gute Bindung der Arbeitskräfte an das Haus sowie ein leichterer Wiedereinstieg mit angepassten Arbeitszeiten könnten den Mangel abschwächen. Das kann aber nicht pauschalisiert werden, da viele Häuser einen sehr guten Personalschlüssel im Kreißsaal abbilden.“

 

Bessere Arbeitsbedingungen gefordert

Auffällig ist jedoch, dass die Zahl der Hebammen, die nur noch in Teilzeit oder auf geringfügiger Basis tätig sind, seit 1991 von knapp 29 % auf knapp 73 % angestiegen ist. Einem AOK-Report zufolge halten gerade einmal 44 % der Geburtshilfestationen im Rheinland den empfohlenen Personalschlüssel ein. Nicht nur die Hebammen, die im Frühjahr die Kooperation mit St. Brigida aufgekündigt haben, fordern bessere Arbeitsbedingungen mit mehr Zeit für die einzelne Gebärende. Der sogenannten Picker-Studie zufolge betreut die Hälfte aller Hebammen regelmäßig drei Frauen parallel, jede fünfte muss sich zuweilen sogar um vier oder mehr Frauen gleichzeitig kümmern. Für Katharina Desery vom Verein Mother Hood, einer überregionalen Elterninitiative, die sich für eine bessere Geburtshilfe und das Recht von Müttern und Kindern auf eine sichere Geburt einsetzt, völlig indiskutabel: „1:1-Betreuung ist der sicherste Weg, ein Kind zu bekommen. Das ist wissenschaftlich erwiesen, das muss unser Standard sein. Die Hebamme darf nicht zwischen drei Frauen hin und her rennen müssen. Die Hebammen sind ja da, arbeiten aber nicht vollumfänglich. Wenn Hebammen und Ärzte/Ärztinnen wüssten, dass sie sich in den Schichten nicht zerteilen müssten, würden vielleicht auch mehr in die Geburtshilfe zurückgehen“, vermutet Katharina Desery.

 

60 % der Geburtshilfestationen arbeiten nicht kostendeckend

Aber hier sind wir wieder beim zweiten Mangelfaktor: Geld. Dass eine normale, spontane Geburt zuweilen viel Zeit beansprucht, in der „nichts“ passiert, passt nicht ins Fallpauschalenkonzept der Krankenkassen. „Wenn eine Erstgebärende mit Blasensprung in die Klinik kommt, muss auch die Zeit vergütet werden, in der die Hebammen danebensitzt, gut zuredet und erklärt, was da gerade passiert. Auch Tage, an denen mal nichts los ist, müssen vergütet werden. Gegebenenfalls muss das dann aus den Fallpauschalen abgekoppelt werden“, fordert Desery. Doch nennenswert verdienen können Kliniken derzeit nur an blitzschnellen Entbindungen oder Geburten mit Interventionen, etwa Kaiserschnitten, denn hierfür sind höhere Pauschalen fällig. 60 % der Geburtshilfestationen arbeiten nicht kostendeckend, darunter oft die kleineren Häuser ohne Neonatologie, die weniger geplante Kaiserschnitte durchführen und kaum Kinder ins Leben begleiten, die krank oder wesentlich zu früh geboren werden. Das Sterben vieler Geburtsstationen beobachtet auch Desery mit Sorge: „Es wird immer gesagt, Geburten sollten auf die spezialisierten Kliniken konzentriert werden, weil das sicherer sei. Dabei gibt es zu Schäden bei normalen Geburten gar keine fundierten Zahlen. Man kennt komischerweise die Zahl der Schäden bei Geburten mit freiberuflichen Hebammen, aber man weiß das weder bei Belegärzten noch bei den Krankenhäusern insgesamt. Und da reden wir nur über die Geburtsschäden bei den Kindern, nicht bei den Müttern. Die Geburtshilfe ist eine Blackbox. Klar, die großen Kliniken sind besser ausgestattet und können im Zweifel auch in Minuten einen Kaiserschnitt machen. Aber was bringt die Möglichkeit zu einem minutenschnellen Kaiserschnitt, wenn die Frau 40 Minuten dorthin fahren muss? Das gilt als ausreichende wohnortnahe Versorgung! Viele Frauen fühlen sich bei der Geburt alleingelassen, ein Drittel der Kliniken hat sogar schon Frauen wieder weggeschickt. Das ist vielleicht besser, als in einem überfüllten Kreißsaal zu liegen, aber durch den Stress wird natürlich in manchen Fällen auch der Geburtsprozess gestört. Und das Kind völlig ohne Begleitung auf dem Weg zum übernächsten Krankenhaus zu bekommen, kann wohl kaum besser sein als die Betreuung in einer kleinen Klinik!“

 

Die Eltern und die Stadtobersten der Nordeifel-Kommunen werden jedenfalls weiter darum kämpfen, ihre Geburtshilfestation auch über den September hinaus zu behalten. Unterstützung bekommen sie dabei aller Voraussicht nach von einer neuen Regionalgruppe von Mother Hood, die sich kürzlich im Raum Aachen gegründet hat.

 

Links:

Landkarte der Kreißsaalschließungen auf der Website des deutschen Hebammenverbandes:
unsere-hebammen.de/mitmachen/kreisssaalschliessungen

Pressematerialien des Hebammenverbandes mit umfangreichem Zahlenspiegel:
hebammenverband.de/aktuell/presse/pressematerialien

Infos zur Hebammenschule am Luisenhospital:
luisenhospital.de/bildung/ausbildung/hebammenschule-cbg.html

Artikel aus der Süddeutschen mit Details zur Picker-Studie:
sueddeutsche.de/gesundheit/geburten-alleingelassen-in-der-grossen-klinik-1.3845943

Kontakt zur Aachener Regionalgruppe des Mother Hood e. V., auch für Engagierte, die sich der Regionalgruppe anschließen möchten:
Linda Matheis, 0176 66601137, l.matheis@mother-hood.de, mother-hood.de

 



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