Markus Klein aus Köln war fasziniert von den Lebensgeschichten seiner Eltern und Schwiegereltern. 2023 gründete er das Start-up Geschichtenretter. Ein Filmteam erstellt Videobiografien für die Familienchronik.

Ein älterer Herr – Jürgen – sitzt in seinem Garten und erzählt von Kindertagen im Sanatorium. Auf einer Terrasse unter einer Decke liegend habe er Wolken betrachtet. Sie umarmten sich, sie fuhren zusammen Schlitten, er malte Bilder in seiner Kinderphantasie. Er habe gelernt, Dinge anzusehen. Die Natur wurde sein Lebensglück, später ist er Künstler geworden. Die Sequenz ist ein Ausschnitt aus einer Videobiografie, aufgenommen von dem Team der Geschichtenretter und zu finden auf der Website des Unternehmens. Spannend!
„Geduld, Geduld, Geduld – wir müssen andere Menschen akzeptieren, wie sie sind, wir können nicht andere Leute ändern“, spricht ein weiterer Herr in die Kamera. Er kommt aus Japan und ist, wie sich später herausstellt, der Schwiegervater von Markus Klein. Klein war absolut fasziniert von der Geschichte seiner Schwiegereltern und deren Weg von Japan nach Ostdeutschland mit anschließender Flucht in den Westen. Das muss man doch unbedingt festhalten, dachte er sich. „Das ist schon große Weltgeschichte.“ Bei der Geschichte der eigenen Eltern interessierten ihn besonders die kleinen Details: „Meine Mutter erzählte immer von der Zeit, als sie noch kein fließendes warmes Wasser hatten, und wie es später war, die erste Waschmaschine zu bekommen.“

Der Fachwirt für Altenpflege, der eigentlich einmal ein Pflegeheim eröffnen wollte, aber heute in einem anderen Beruf tätig ist, weiß, wie wichtig Biografiearbeit ist, und beschloss, Familiengeschichten filmisch zu konservieren.
Er kann auf sechs Profis zwischen München und Hamburg zugreifen, die als Geschichtenretter im Einsatz sind und Chroniken ab 25 Minuten mit Senioren erarbeiten.
Am Anfang steht ein Erstgespräch, in dem Wünsche erörtert werden, dann werden die Interviewfragen abgestimmt. Um die Teilnahmewilligen einzustimmen, hat sich Markus Klein ein Kartenset mit 160 Fragen ausgedacht, die zum Beispiel die Bereiche Kindheit, Schulzeit und Ausbildung oder Familienleben, aber auch Zeitgeschichte enthalten, aus denen man ein paar auswählen kann, um das Gespräch zu gestalten und sich schon vorher zu überlegen, worüber man sprechen möchte. Auch eigene alte Fotos können mit eingebracht werden. Schließlich kommt das Filmteam vorbei und führt das Interview im Haus oder Garten. Nach Bearbeitung und Schnitt ist das Werk fertig und die Familie hat etwas für die Chronik, was man immer wieder anschauen kann.
Für ein Video von 25 Minuten entstehen Kosten von 1.800 Euro, die längeren Filme kosten mehr.
Für 29,90 Euro ist das Kartenset mit den Fragen auch einfach so erhältlich und lädt ein, in vielerlei Hinsicht kreativ zu werden. So kann man es allein oder gemeinsam für Biografiearbeit nutzen und Antworten zu allen Fragen notieren. Oder die Kärtchen bilden die Grundlage für spannende Treffen im Familienkreis – aber Vorsicht, es gibt auch heikle Themen, die sich vielleicht nicht für jede Runde eignen. Am besten sichtet man die Karten schon vorher und trifft eine dem Anlass angemessene Auswahl. Dann kann es ein lustiger Abend werden und man schwelgt in Erinnerungen von früher (Wie habt ihr früher Weihnachten gefeiert? / Was waren deine schönsten Ferien? …) und schaut gemeinsam die Bildkärtchen an – viele Enkel dürften Dinge wie Diaprojektoren (ich musste gerade den Begriff googeln) oder das einst klassische Telefon mit Drehscheibe gar nicht mehr kennen.
„Es muss nicht alles für den Rest der Welt interessant sein, aber für die eigene Familie ist es das“, ist sich Markus Klein sicher.
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