Familiencircus Amany: Dinos statt Tiernummern

Foto: Birgit Franchy

Der Familiencircus Amany reagiert kreativ auf Kundenwünsche und hat seine Tiernummern ersetzt. KingKalli hat den Zirkus bei seinen Vorbereitungen für die Weihnachtsschau in Eupen besucht. Ab Februar wird Amany in Eschweiler, Düren und Stolberg zu sehen sein.

Große Tiere sind in Deutschland im Zirkus seit 2020 verboten. Giraffen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Primaten und Großbären dürfen von Wanderzirkussen nicht mehr neu angeschafft werden.
In Belgien sind die Haltung und die Zurschaustellung von Wildtieren im Zirkus bereits seit dem 1. März 2014 nicht mehr gestattet. Italien geht noch einen Schritt weiter. Als einziges Land der EU verbietet es jeglichen Auftritt von Tieren in der Manege. In der Bevölkerung ist der Wunsch, im Zirkus auf Tiere zu verzichten, inzwischen tief verankert.

„Wenn Tiere im Zirkus auftreten, würde ich nicht hingehen“, liest man zum Beispiel bei Facebook, wenn eine Vorstellung angekündigt wird.
Ein Lied davon singen kann Timo Neigert, in der sechsten Generation Mitglied im Circus Amany. Der kleine Familienzirkus, der durch unsere Region tourt, hatte zuletzt Bergziegen und Ponys im Programm. „Doch dann wollten viele Stellen unsere Plakate nicht mehr aufhängen lassen und es gab Proteste vor unserem Zelt“, so Tierdompteur Neigert.
Was tun? Kreativität war gefragt.

Dompteur Timo Neigert mit seinem Tyrannosaurus | Foto: Birgit Franchy

Timo Neigert ist an einem trüben Dezembertag mitten im Aufbau des Zirkuszeltes in Eupen. Hier werden die Neigerts den fünften Weihnachtscircus in die Manege bringen. Zehn Familienmitglieder sind aktiv dabei. Alle wohnen in ihren Wohnwagen auf dem Gelände. Dazu gehören u. a. Timo Neigerts Eltern, seine Schwester, seine Frau und seine drei Töchter (9, 5 und 2 Jahre alt).
Die Ziegen und Ponys sind inzwischen auf einem Hof in der Region untergebracht, sie dürfen nicht mehr auftreten. „Ich denke, das fehlt den Ponys, denn sie wurden ja auch immer mit Leckerlis belohnt“, gibt Timo Neigert zu bedenken. Regelmäßig werden die Tiere besucht. Tochter Leila (9) möchte schließlich auch ihr Pony wiedersehen.

Die drei Familienhunde sind natürlich bei der Familie geblieben. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich sie vom Auftritt abhalten kann“, erzählt Timo Neigert. „Sie kennen die Musik und kommen zur Vorstellung in die Manege gelaufen“, erzählt er von früheren Zeiten. Um das zu verhindern, müssten die freilaufenden Tiere eingesperrt werden.
Und dann zeigt Neigert seine Neuanschaffung. Es ist doch wieder ein Großtier! Der Dompteur kann es also nicht lassen. Es ist ein stattlicher Tyrannosaurus Rex, der schon hinter der Bühne wartet und von Timo Neigert gebändigt werden will.

Doch diesmal geht die Nummer anders, denn Neigert klettert selber in das 60 Kilo schwere Monstrum. Im Dinokostüm hat er einen Bildschirm, der es ihm erlaubt, die Welt außerhalb des Kostüms zu sehen und sich seinen Weg durch die Manege zu bahnen. Acht Minuten dauert seine Nummer, da ist noch ein Zeitpuffer drin, denn maximal 15 Minuten lang kann Timo Neigert das Kostüm stemmen.

10.000 Euro hat er sich den Tyrannosaurus kosten lassen. Dieser kommt von einer Spezialfirma aus den USA und ist aus einem erstaunlich weichen, schaumstoffartigen Material gefertigt.
Noch weitere Dinos sind bestellt, müssen aber durch den Zoll und können erst einen Tag vor der Premiere im Dezember abgeholt werden.
Für den heutigen Tag ist der Besuch beendet, Timo Neigert und zwei Helfer müssen noch Holzhäcksel schippen, damit die Zirkusbesucherinnen und -besucher später nicht im Matsch versinken. „Das macht am meisten Arbeit.“

Ein paar Tage später sind Zelt und Toiletten aufgebaut, die Bauabnahme ist erfolgt, die Feuerwehr hat den Brandschutz abgenommen und die Proben laufen.
Timo Neigerts Töchter Leila (9) und Casy (5) sind von der Schule gekommen und wollen gleich ihre Artistiknummern üben.
Mutter Virginia Neigert schildert einen normalen Tag: Wenn der Zirkus länger an einem Ort ist, gehen die Mädchen zur örtlichen Schule. Wenn nicht, dann kommt zweimal in der Woche eine Lehrerin der Artistenschule in den Wohnwagen. Dieses Angebot gibt es für Schausteller- und Zirkuskinder, die ja an ihren jeweiligen Auftrittsorten beschult werden müssen. Etwa 300 Zirkusse gibt es in Deutschland übrigens derzeit.

Heute war der Schulbesuch in Eupen dran, also kommen die Kinder um 15 Uhr nach Hause. Im Wohnwagen gucken sie gerade Videos von anderen Artisten. Casy interessiert sich im Moment besonders für Bodenakrobatik.
„Mama, speicher das mal“, fordert sie ihre Mutter oft auf, um sich die Übungen später einzuprägen und nachzumachen. Die Mädchen verkleiden sich auch in ihrer Freizeit häufig und studieren selber neue Kunststücke ein. Leila und Casy haben schon eigene Luftnummern, Casy am Reifen und Leila am Aerial Net – diese sollen heute noch einmal vertieft werden. Papa Timo Neigert wirft die Heizung in der Manege an. Wenn die Mädchen üben, soll es warm sein. Üben die Erwachsenen, ist das meist nicht vorgesehen.
Also Heizung an und los geht es. Zuerst ist Casy an der Reihe. Sie wird per Hüftgürtel am Reifen gesichert und dann geht es in die Lüfte. Casy schwingt durch den Reifen, hängt hier in den Kniekehlen, macht dort einen Spagat. Die Nummer wird von Mama Virginia Neigert überwacht, die sie auch choreografiert hat und auf die richtige Ausführung achtet.

Foto: Birgit Franchy
Casy (5) hat gerade ihre Nummer am Reifen geprobt. | Foto: Birgit Franchy

Casy hat sichtlich Spaß, kichert, als sie danach an Papas Hand den Einlauf bei Musik in die Manege noch einmal durchgeht.
Im Hintergrund kümmert sich der 13-jährige Tim um Requisiten, Musik und Licht. Tim war eigentlich einmal Besucher im Zirkus, doch seitdem schnuppert er regelmäßig Zirkusluft, darf am Wochenende und in den Ferien mithelfen, ist auch Teil der Lasershow. Ist es sein Berufswunsch, später zum Zirkus zu gehen? Das überlege er noch, gibt er zu Protokoll.

Leila (9) bereitet sich auf die nächste Premiere vor.

Dann ist Leila dran. Der Reifen wird abmontiert, das Netz samt Leila wird in die Höhe gezogen. Korrekte Fußarbeit, Spagat im Netz – Leila zeigt, was die Gäste der Show ab morgen erwartet.
Auf dem Boden macht Casy ihr privates Ding. Radschlagen, Füße über den Kopf – für sich übt sie ein bisschen Bodenakrobatik.
Und die Kleinste? Die zweijährige Kelly wird während der Show in ihrem Hochstuhl an der Bühne sitzen. „Sie ist auch schon voll motiviert“, lacht Papa Neigert. „Will auch“ sind ihre Worte und es wird nicht lange dauern, bis das nächste Familienmitglied des Circus Amany die Bühnenbretter erobert.

Casy möchte nach den Proben ein Crêpe. „Erst morgen“, sagt Virginia Neigert, die gerade den Süßigkeitenstand im Zirkuszelt bestückt hat. Hier wird es bei den Vorstellungen Knabbereien, Nachos und eben Crêpes geben.
Dann muss die Familie aber los, die Dinos wollen abgeholt werden. Gleich ziehen also weitere Großtiere in den Zirkus ein, die von Timo Neigert gebändigt werden müssen.

 

Der Beitrag ist in der Printausgabe 121 | Februar/März 2024 erschienen; als diese Ausgabe erscheint, ist das Zelt in Eupen abgebaut und der Circus Amany ist weitergezogen. Ein Winterquartier gibt es nicht, Amany ist ein klassischer Wanderzirkus. Die nächsten Stationen in Eschweiler, Düren und Stolberg sind schon geplant. Wann das Zirkuszelt wo aufgeschlagen wird, entscheidet sich oft kurzfristig, wenn die passende Wiese frei ist.

Infos Circus Amany

  • Eine Show dauert etwa 1,5 Stunden.
  • Es gibt Vorstellungen, wo die Besucherkinder in die Manege können.
  • Gerne bietet Familie Neigert Vorstellungen für Kindergärten und Schulen an.
  • In die Manege passen rund 200 Personen.
  • Im Sommer gibt es auf dem Freizeitgelände Walheim vielleicht wieder ein Sommercamp für Kinder und Jugendliche.
  • Infos sind auf Facebook zu finden.

 

Feriencamps

In den Osterferien und Sommerferien gibt es Ferienspiele (meist in Aachen-Walheim)

Die Jugendlichen verbringen die Zeit von montags bis donnerstags bei den gemeinsamen Proben mit den Artisten des Familienzirkus Amany. Je nach Begabung am Drahtseil, am Boden, in der Kuppel oder mit den Tieren.
Die Proben und das Training finden im Zirkuszelt und auf den Wiesenflächen statt. In den Pausen kann Beachvolleyball oder Minigolf gespielt werden.

Eine Generalprobe ohne Zuschauer startet im Rahmen der Ferienspielwoche. Am Abschlussfreitag findet dann die eigene große Zirkusveranstaltung um 19:00 Uhr für die neu geschaffenen Artisten statt.
Dann bei Musik, mit Publikum und Zirkusbeleuchtung mit Popcorngeruch und entsprechendem Flair.
Vor Ort kann täglich eine Mittagsverpflegung (7 Euro / Tag) gegen Bezahlung hinzugebucht werden. Für die gesamte Woche gilt ein Sonderpreis für das Menü von 23 Euro. Im Preis sind ein Hauptgang, ein Dessert und freie Getränke enthalten. Die Karten für die Abschlussveranstaltung sind an der Zirkuskasse erhältlich. Am Freitag ist kein sonstiges Training.

Altersklasse: Für Kinder und Jugendliche von 4 bis 18 Jahren
Kosten: 39 Euro pro Teilnehmer und Woche
Veranstaltunsort: Freizeitgelände Walheim, Schleidenerstraße 181 (Hinter der REWE Einfahrt, 52076 Aachen

Anmeldung:
WhatsApp 0176 81308494
über Facebook oder buchung@few.de
Stichwort Zirkus

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