Endlich wieder Präsenz? Was erwartet Studierende im Wintersemester 2021?

in Aktuelles um die Ecke, Gesundheit

Sie gehören zu den Verlierern der Pandemie – Studierende in Deutschland. Die Unis waren geschlossen, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie kaum vorgekommen. Was erwartet Studierende im vierten Pandemiesemester? Dr. Jan-Martin Wiarda hat einen Blick auf die Situation in Deutschland (und natürlich auch auf Aachen) geworfen.

Es sind erstaunlich hohe Zahlen: 83,2 Prozent der in einer Umfrage der Landesrektorenkonferenz befragten Berliner Studierenden gaben an, bereits vollständig gegen Corona geimpft zu sein.
Zum Vergleich: Von den 18- bis 59-Jährigen sind deutschlandweit laut Robert-Koch-Institut (RKI) aktuell 67,2 Prozent zweifach geimpft, von den über 60-Jährigen 83,4 Prozent. Sind die Studierenden in Berlin also so stark durchgeimpft wie anderswo nur die Senioren?
Zwei Einschränkungen. Erstens: Die Befragung, bei der rund 42.000 Studierende von zehn Berliner Hochschulen zwischen Mitte August und Anfang September mitgemacht haben, ist nicht repräsentativ. Gleichwohl, meint zumindest die Landesrektorenkonferenz, legten die Ergebnisse den Schluss nahe, „dass mehr als drei Viertel der insgesamt rund 200.000 Studierenden an Berliner Hochschulen vollständig geimpft sein dürften“.
Zweitens: Die vom RKI angegebenen Impfquoten dürften den Anteil der tatsächlich Geimpften unterschätzen. Nicht nur kam neulich heraus, dass in der Statistik mehr als 350.000 Impfungen aus Arztpraxen fehlen. Hinzu kommt, dass zwei repräsentative Umfragen, eine vom RKI selbst durchgeführt, im August ergeben hatten, dass der Anteil der bereits einmal Geimpften um 16 bis 20 Prozent höher liegen könnte als zu dem Zeitpunkt offiziell erfasst.

Unzureichende Methodik, spannende Schlussfolgerungen

Woraus folgt: Wahrscheinlich sind noch eine Ecke mehr Ältere geimpft als die 83,4 Prozent in der RKI-Statistik. Und womöglich sind es unter Berliner Studierenden doch etliche Prozentpunkte weniger als jene 83,2 Prozent, die in einer nicht zufällig ermittelten Stichprobe durch die Meldefreude der bereits Geimpften beeinflusst worden sein könnte.
Entsprechend gab es auch Kritik am methodischen Vorgehen der Landesrektoren. „Warum macht man nicht mal eine vernünftige randomisierte Erhebung?“, schrieb der Potsdamer Mathedidaktik-Professor Ulrich Kortenkamp auf Twitter. Da brauche man dann auch keine 40.000 Teilnehmer, und man wüsste viel genauer, „wie viele es sind“. Und er fügte hinzu: „Ein wissenschaftlicher Artikel würde jedenfalls mit der Methodik nicht akzeptiert.“

Grenze der Impfwilligkeit: Nicht alle Studierenden wollen Impfangebote annehmen

Trotzdem sind die Berliner Zahlen spannend. Einerseits reihen sie sich ein in ähnliche Umfragen anderswo, die auf eine hohe Impfwilligkeit der Studierenden hindeuten. So berichtete der Biophysiker Matthias F. Schneider von der Technischen Universität Dortmund hier im Blog Anfang August von einer Umfrage, demzufolge kurz zuvor bereits 92 Prozent der Dortmunder Studierenden mindesten einmal geimpft gewesen seien.
Andererseits zeigt die Umfrage der Berliner Landesrektorenkonferenz aber auch eine Grenze der Impfwilligkeit auf. So gaben zwar nur 13,6 Prozent der befragten Studierenden an, noch gar nicht geimpft und auch nicht genesen zu sein. Doch von diesen 13,6 Prozent sagten fünf Sechstel, sie würden auch ein Impfangebot ihrer Hochschule nicht annehmen wollen. Obwohl es niedrigsschwelliger wohl kaum ginge. Dennoch wollen die Hochschulen weitere Impf-Aktionen für ihre Studierenden organisieren.
Im Übrigen sehen die Berliner Rektoren das Ergebnis ihrer Umfrage als „eine gute Basis für die weiteren Planungen“ zum kommenden Wintersemester. Dieses könne nach derzeitigem Planungsstand weitgehend in Präsenz stattfinden – wie die Hochschulen und die für Wissenschaft zuständige Senatskanzlei es bereits Ende Juli als Ziel ausgegeben hätten.

Wie die Hochschulen die 3G-Regel umsetzen wollen

In den meisten Bundesländern haben die Regierungen dafür – zumindest nach eigenem Dafürhalten – bereits die Voraussetzung geschaffen. Und überall wird dabei vor allem die 3G-Regel zum Tragen kommen, derzufolge nur Studierende auf den Campus dürfen, die geimpft, genesen oder frisch getestet sind.
Sehr unterschiedlich sind die Wege, die die Bundesländer, aber auch die einzelnen Hochschulen bei der Überprüfung des 3G-Status gehen wollen. An der Universität Hannover etwa sollen laut dpa Mitarbeiter vor jeder Lehrveranstaltung überprüfen, ob die Studierenden geimpft, genesen oder getestet sind, notfalls mit zusätzlicher Unterstützung durch einen Sicherheitsdienst. Verstöße gegen die Regel sollen dann als Verletzung des Hausrechts zur Anzeige gebracht werden. Die Universität Köln will laut Redaktionsnetzwerk Deutschland bei kleineren Veranstaltungen bis 50 Teilnehmern die Lehrkräfte selbst kontrollieren lassen, bei größeren Veranstaltungen dagegen „zentral organisiert“ vorgehen, während die Berliner Humboldt-Universität Stichproben-Kontrollen plant. Die Universität Lübeck wiederum kündigte an, Studierende mit der Kontrolle ihrer Kommilitonen betreuen zu wollen, berichteten die Lübecker Nachrichten. Die Ausbildung der studentischen Kontrolleure laufe bereits.
Während die Berliner Hochschulen lobenswerterweise vom Ziel weitgehender Präsenz reden, besteht zwischen den meisten Hochschulleitungen und Ministerien in Deutschland indes Einigkeit: Große Vorlesungen und Lehrveranstaltungen sollen auch im Wintersemester vorwiegend digital stattfinden. In diesem Sinne äußerte sich zum Beispiel auch Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Das Problem ist, dass die Definition dessen, was „groß“ ist, je nach Standort unterschiedlich auszufallen scheint. So rechnet zum Beispiel eine Mitarbeiterin der Universität Köln vor, dass dort schon Gruppen von mehr als 20 Leuten, „also alle großen/hochausgelasteten Fächer“, im Wintersemester normale Seminarraume nicht würden nützen können und auf Hörsäle ausweichen müssten – was auf einen geringen Präsenz-Anteil hinauslaufen werde. Grund sei laut Hochschulleitung die mangelnde Belüftung der Räume.
Tatsächlich heißt es auf der Website der Uni unter anderem: „Aufgrund von Belüftungsanforderungen“ könne nur ein Teil der verfügbaren Lehrräume genutzt werden. „Darüber hinaus wird die maximale Raumkapazität nicht voll ausgeschöpft werden – es können 60 Prozent der abhängig von der Belüftungssituation laut Arbeits- und Infektionsschutz ermittelten Sitzplätze genutzt werden.“
Unverständlich, findet die Mitarbeiterin. „Es gibt Master-Studierende, die nun mit dem 4. digitalen Semester ihr komplettes Studium digital absolvieren werden“, sagt sie. Weshalb man in Köln zum Beispiel neidvoll auf die Universität Münster blicke, deren Präsident Johannes Wessels schon im Juli von einem „deutlichen Bekenntnis zu einem Wintersemester in Präsenz“ sprach und die seine Veranstaltungsräume „soweit erforderlich mit der vollen Platzzahl“ nutzen wird. „Warum geht das eigentlich dort?“, fragt sich die Kölner Uni-Mitarbeiterin.

Was macht Aachen?

An der RWTH Aachen sollen Lehrveranstaltungen unter 200 Teilnehmern möglich sein, darüber wird die Verlegung ins Digitale „empfohlen“. Was praktisch wohl darauf hinausläuft, dass auch an der RWTH größere Vorlesungen grundsätzlich online stattfinden werden, kleinere Vorlesungen, Seminare und Übungen aber in Präsenz. Ab einer Inzidenz von 35 soll der 3G-Status der Anwesenden kontrolliert werden, Mindestabstände sind nicht vorgeschrieben, werden aber „dringend empfohlen“. Was das praktisch für die Auslastung von Seminarräumen bedeutet, bleibt abzuwarten.

Ähnlich liest sich das „FAQ Corona“ auf der Website der Fachhochschule Aachen. „Hinsichtlich des kommenden Wintersemesters rechnen wir an den Hochschulen mit weiteren Möglichkeiten zu Öffnungen und einer Normalisierung des Lehrbetriebs“, steht da zwar. Voraussichtlich ließen sich Kleingruppenveranstaltungen wie Übungen, Praktika oder Seminare wieder in Präsenz durchführen. „Hinsichtlich großer Veranstaltungen wie Vorlesungen rechnen wir noch mit Beschränkungen.“

Sollte das jetzt schon die neue Normalität sein?

Die Frage, die viele Studierenden und Hochschullehrende umtreibt: Sind die Hochschulleitungen überall mutig genug, um die möglichst großzügige Rückkehr zur Präsenzlehre wirklich umsetzen zu wollen? Und ist es angesichts von Impfquoten von 80 oder gar 90 Prozent bis Semesterstart überhaupt noch gerechtfertigt, mit Hinweis auf die mangelnde Raumlüftung die Kapazitäten und damit den Lehrbetrieb weiter einzuschränken? Wenn dann auch noch die übrigen frisch getestet sein müssen und Maskenpflicht herrscht?

Viel mehr geimpfte Studierende, das zeigt auch die Berliner Umfrage, werden es jedenfalls nicht mehr werden. Ein paar Prozent mag man noch herausholen können, wenn auch umgeimpfte Studierenden ab Oktober ihre Tests meist selbst zahlen müssen. Was zum Beispiel der Studierendenverband fzs kritisiert.

Umgekehrt werden die Hochschulen irgendwann darauf pochen, die aufwändigen 3G-Kontrollen wieder einzustellen, deren Kosten sie vielerorts aus ihrem normalen Budget (dem für Lehre?) stemmen müssen und die je nach Hochschulgröße und ersten Berechnungen pro Semester siebenstellige Höhen erreichen werden.

Aus alldem folgt: Wann, wenn nicht jetzt? Eine größere Pandemie-Sicherheit als im Wintersemester wird es an vielen Hochschulen auch nächstes Jahr und darüber hinaus nicht geben können. Die Studierenden jedenfalls haben mit ihrer Bereitschaft zur Impfung geliefert. Wenn all das aber vielen Rektoren und Ministerien, Stichwort Mut zum Restrisiko, trotzdem nicht reicht für eine möglichst vollständige Präsenz im Wintersemester, dann sollten sie sich ehrlich machen. Und sagen, dass der Stand im Wintersemester die neue – dauerhafte – Normalität der Hochschullehre abbilden wird.

 

Text: Dr. Jan-Martin Wiarda, jmwiarda.de

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